Flugzeugunglück vor Manhattan Sully, der Held von New York


Alles sprach dafür, dass dieser Tag zu einem Katastrophentag wird. Nach einem Triebwerksschaden musste eine A320 auf dem Hudson River in New York notlanden. Doch Pilot Chesley Sullenberger rettete allen 155 Menschen das Leben.
Von Manuela Pfohl

"Wir bieten Ihnen Experten-Lösungen für komplexe Probleme im Zusammenhang mit Sicherheitsfragen an." So steht es auf seiner Homepage. Seit seiner grandiosen Landung auf dem New Yorker Hudson River besteht kein Zweifel mehr daran, dass Chesley B. Sullenberger aus Danville in Kalifornien meint, was er sagt. Der Pilot von Flug 1549 der US Airways rettet 155 Menschen mit einer Notlandung das Leben.

Nach der Kollision mit einem Vogelschwarm war das linke Triebwerk beschädigt worden - im Tower auf dem New Yorker Flughafen La Guardia herrscht danach lähmendes Entsetzen. Die Flugsicherheits-Experten fürchten das Schlimmste. Sullenberger gibt über die Bordlautsprecher "Brace for Impact" bekannt: "Bereitmachen für den Aufprall". Manche Passagiere fangen an zu beten, andere weinen. Alberto Pinero macht sich keine Illusionen. "Wir wussten, jetzt kann alles vorbei sein." Doch der Pilot behält die Nerven. Um 15.32 Uhr, setzt der 57-Jährige den vollbesetzten Airbus A320, der eigentlich auf dem Flug von New York nach Charlotte in North Carolina unterwegs war, sicher auf dem Hudson River auf. Alle Passagiere überleben - und die USA haben einen neuen Helden.

Einer, der seinen Job ernst nimmt

Ein schmaler Mann mit lichtem weißem Haar, der auf einem Foto lächelnd in die Kamera schaut. Ein unauffälliger Typ, einer, der keinen großen Wert darauf legt, im Mittelpunkt zu sein, der aussieht, als ob er bei Wal Mart an der Kassenschlange steht, ohne zu murren, der seinen Rasen noch selber mäht und sich bei seiner Steuererklärung um keinen Cent verrechnet. Einer, der ohne große Worte zupackt und seinen Job ernst nimmt. Zweimal habe Sullenberger die Maschine nach vergessenen Passagieren durchsucht, bevor er als Letzter den schon knietief unter Wasser stehenden Airbus verließ, berichtet ABCNews.

"Es deutet alles darauf hin, dass der Pilot eine Meisterleistung vollbracht hat", erklärt New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg voller Anerkennung und Boguslaw Mintowt-Czyz, der als Pilot selber Jahre lang einen A 320 geflogen ist, lobt: "Ein super, super Job." Tatsächlich gibt es genug Beispiele dafür, dass Triebwerksschäden und versuchte Notlandungen in tödlichen Katastrophen enden. Nach Erkenntnissen des Luftfahrtbundesamtes FAA entstehen allein in den USA durch Zusammenstöße mit Vögeln jährlich Schäden in Höhe von 600 Millionen Dollar an Zivil- und Militärflugzeugen. Seit 1988 sind dadurch weltweit mehr als 200 Menschen zu Tode gekommen.

"Da wurden mir die Knie weich"

Luftfahrtexperten äußerten sich erstaunt, dass der Airbus beim Auftreffen auf den Hudson nicht auseinanderbrach. "Eine Notwasserung ist normalerweise zerstörerischer als eine Notlandung", wunderte sich der Unfallforscher Max Vermij. Eigentlich hätten die Triebwerke und die Tragflächen beim Aufprall abreißen müssen.

Auch Lori Sullenberger weiß, was das bedeutet. Dass ihr Mann gerade eben eine solche Katastrophe verhindert hat, ahnt sie zunächst nicht, als er sie zu Hause anruft. Es habe da ein paar Probleme gegeben, hatte er am Telefon gesagt. "Ich habe gedacht, es geht um irgendwas Nebensächliches", erzählt Lori dem US-Sender CNN. Als ihr Mann ihr die ganze Geschichte berichtet, werden ihr allerdings die Knie weich. "Ich habe angefangen zu zittern - ich kann das alles noch gar nicht fassen." Zwei Töchter haben die Sullenbergers. Lori hat sie sofort aus der Schule abgeholt, um den Glückstag zu feiern. "Wir sind alle sehr stolz auf Sully", sagt Jim Walberg, ein Freund der Familie, und Jake Brown, der eine Tür weiter wohnt, meint, ihn habe das Ganze nicht überrascht. "Bei Sullys militärischen Erfahrungen und seiner Liebe zum Fliegen habe ich nichts anderes erwartet."

Spezialgebiet: Psychologische Kniffe

Tatsächlich ist Chesley Sullenberger ein erfahrener Pilot, seit 40 Jahren ist er im Dienst. Nach Ausbildungen an der US-Luftwaffenakademie sowie an verschiedenen Universitäten war er Kampfpilot der Air Force. Seit 29 Jahren arbeitet er bei der Fluggesellschaft US Airways. Außerdem engagierte er sich bei der Pilotenvereinigung (ALPA) als Ausbilder für Flugsicherheit und ermittelte für eine nationale Kommission bei Unfällen. Für US Airways hat er nach Medienberichten hunderte von Piloten in Sicherheitskursen ausgebildet.

Sullenberger arbeitet zudem als Berater für Betriebssicherheit. Dabei geht es um das Verhalten der Piloten ebenso wie um Sicherheitsstrategien der Fluggesellschaften und den Umgang mit Notfällen. Auf der Internetseite seines Unternehmens "Safety Reliability Methods" heißt es, Sullenberger habe mit der US Air Force und den zivilen Flugsicherheitsbehörden bei zahlreichen Unfallermittlungen zusammengearbeitet. Darüber hinaus habe er mit Wissenschaftlern der US-Weltraumbehörde Nasa einen Leitfaden über Irrtümer in der Luftfahrt erstellt und als Gastdozent für Katastrophenmanagement an der Universität Berkeley bei San Francisco gearbeitet. Sein Spezialgebiet: Psychologische Kniffe, die nötig sind, um eine Flugcrew in der Krise handlungsfähig zu halten.

In nächster Zeit wird es sicher viele weitere Anfragen geben. Das US-Luftfahrtbundesamt muss jetzt herausfinden, warum der Unfall so glimpflich ausging. Der Held von New York wird es ihnen erklären.

Mitarbeit: Niels Kruse und Thomas Krause


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