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Loveparade-Katastrophe Und keiner will's gewesen sein ...

Nach dem Loveparade-Drama wächst der Druck auf Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Der will jedoch von Vorab-Warnungen nichts gewusst haben. Und Organisator Rainer Schaller gibt der Polizei die Schuld.

Nach der Massenpanik mit 20 Toten bei der Loveparade in Duisburg wächst der Druck auf Veranstalter und Stadtverwaltung. Laut "Süddeutscher Zeitung" (SZ) hatte die Polizei Duisburg die Veranstalter und die Stadt im Vorfeld mehrmals auf Bedenken am Sicherheitskonzept aufmerksam gemacht, sei aber auf massiven Widerstand gestoßen. "Die Polizei hat ihre Bedenken in mehreren Workshops und Besprechungen deutlich gemacht", zitiert die "SZ" einen Beamten. Der Veranstalter habe darauf aber nicht reagiert. Vor allem der mittlerweile in den Ruhestand gegangene Polizeipräsident Rolf Cebin habe sich wegen Sicherheitsbedenken heftig gegen die Austragung der Loveparade gewandt, berichtet das Blatt. Das habe dazu geführt, dass der Duisburger CDU-Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg in einem Brief an den damaligen FDP-Innenminister Ingo Wolf die Absetzung des Polizeipräsidenten forderte.

Dem "Kölner Stadt-Anzeiger" zufolge unterschrieb Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) die ordnungsbehördliche Erlaubnis für die Loveparade erst kurz vor Beginn um 9 Uhr. Erst am Sonntag, dem Tag nach der Veranstaltung, habe die offizzielle Genehmigung der Bauaufsicht der Stadt Duisburg der Polizei vorgelegen, berichtete Radio Erft (Köln). Noch am Freitag sei in verschiedenen Sitzungen über das Sicherheitskonzept debattiert worden, wobei die Duisburger Berufsfeuerwehr und Polizisten nochmals deutlich gemacht hätten, dass die Großveranstaltung so nicht stattfinden könne.

Zudem seien Mitarbeiter der Stadtverwaltung systematisch unter Druck gesetzt worden, die Sicherheitsbedenken fallen zu lassen. Polizei und Feuerwehr hätten schon vor Monaten erhebliche Bedenken geäußert, schreibt die Zeitung. In einem Brief an den Oberbürgermeister habe der Direktor der Berufsfeuerwehr im Oktober 2009 gewarnt, das Partygelände am alten Güterbahnhof sei "physikalisch nicht geeignet" für eine Veranstaltung dieser Dimension.

"Mir sind keine Warnungen bekannt"

Sauerland erklärte dagegen, er habe nichts von Sicherheitsbedenken vor Beginn der Veranstaltung gewusst. "Mir sind keine Warnungen bekannt", sagte er der "Rheinischen Post". Zugleich betonte Sauerland, dass es bei der Planung solcher Veranstaltungen immer kritische Stimmen gebe. Diese nehme man auch stets sehr ernst - auch im Fall der Loveparade habe man das getan.

Der ehemalige WDR-Intendant und Chef des Kulturhauptstadt-Projekts Ruhr.2010, Fritz Pleitgen, stellte sich hinter den Oberbürgermeister. "Bei der Entscheidung von Adolf Sauerland und den anderen Verantwortlichen wird Sicherheit höchste Priorität gehabt haben", sagte er der "Frankfurter Rundschau". "Aber offensichtlich ist nicht alles bedacht worden, sonst hätte es nicht zu dieser Katastrophe kommen können."

Loveparade-Organisator Rainer Schaller verweist bei der Suche nach Schuldigen auf die Polizei. Das Unglück sei womöglich durch eine Anordnung der Beamten ausgelöst worden, sagte er. Die Polizei habe die Anweisung gegeben, alle Schleusen vor dem westlichen Tunneleingang zu öffnen. Zuvor hätten die Veranstalter zehn der 16 Schleusen geschlossen gehalten, weil bereits eine Überfüllung des Tunnels gedroht habe. Durch die Anweisung der Polizei sei dann der Hauptstrom der Besucher unkontrolliert in den Tunnel gelangt. "Für den Fall der Überfüllung sollten die Schleusen geschlossen werden", sagte Schaller.

Lopavent nur mit 7,5 Millionen Euro versichert

Langsam rückt auch die Frage, wer für die entstandenen Schäden aufkommt, ins Zentrum der Überlegungen. Grundsätzlich gilt, dass der Verursacher für den entstandenen Schaden haftet. Sollte der Veranstalter, Schallers Firma Lopavent, als Verursacher feststehen, kann das Unternehmen seine Haftpflichtversicherung geltend machen. Lopavent hatte für die Musikparty eine Veranstalterhaftpflichtversicherung bei der deutschen Tochter des französischen Versicherungskonzerns Axa abgeschlossen, wie die "Financial Times Deutschland" berichtet. "Lopavent ist mit einer Gesamtdeckungssumme von 7,5 Mio. Euro bei der Axa versichert", sagte ein Sprecher des Versicherers dem Blatt. Sollten Ansprüche über diese Deckungssumme hinaus entstehen, werde der Veranstalter dafür privat haften müssen.

Ruf nach politischen und persönlichen Konsequenzen

Die Aufarbeitung des Unglücks wird unterdessen mehr und mehr zum Politikum. Bundespolitiker forderten den Rücktritt der Verantwortlichen. "Nach dieser Katastrophe sind politische und persönliche Konsequenzen unausweichlich", sagte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Hans-Peter Uhl (CSU), dem "Handelsblatt".

Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach nannte es in der Zeitung "mehr als überraschend, dass die Verantwortlichen nicht einmal naheliegende Fragen beantwortet haben". Hinweise, dass das Sicherheitskonzept stichhaltig gewesen sein soll, seien angesichts der Katastrophe grotesk. "Offenbar versucht hier jeder, anderen den Schwarzen Peter zuzuschieben."

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sprach sich für einen "Sicherheits-TÜV" für Großveranstaltungen aus. So ein anspruchsvolles Konzept dürfe nicht allein in den Händen einer Stadtverwaltung liegen, sagte Wendt der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Eine 21-jährige Deutsche erlag am Montagabend im Krankenhaus ihren Verletzungen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft in Duisburg mitteilten. Damit stieg die Zahl der Todesopfer auf 20, mehr als 500 Menschen wurden verletzt. Informationen von "Bild.de" zufolge will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihren Urlaub für eine Trauerfeier einen Tag lang unterbrechen. Die Vorbereitungen für die Feier laufen, ein Termin steht aber noch nicht fest.

mad/DPA/AFP DPA

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