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Gefangen in Nordkorea: "Er heulte unmenschlich" - Otto Warmbiers Eltern erzählen vom Wiedersehen mit ihrem Sohn

Vor mehr als drei Monaten starb der US-amerikanische Student Otto Warmbier nach seiner Haft in Nordkorea. Nun erzählen seine Eltern erstmals vom Wiedersehen mit ihrem Sohn - und werfen Nordkorea Folter vor.

US-Bürger Otto Warmbier wird bei seiner Ankunft in den USA aus Nordkorea aus dem Flugzeug getragen

"Wir sind wirklich optimistische Menschen und hatten immer noch die Hoffnung, dass wir   zurückbekommen könnten", sagt Cindy Warmbier. Nachdem feststand, dass der 22-Jährige freigelassen werden würde, hätte sie noch geglaubt, das "gute amerikanische Gesundheitssystem" könne ihrem Sohn bestimmt helfen. Sie lacht bitter. Zwar hätten sie gewusst, dass ihr Sohn im Koma läge "aber wir wussten nicht, was das bedeutet, als wir zum Flughafen gefahren sind, um ihn abzuholen."

Mit versteinerter Miene, fast schon mechanisch berichtet   Warmbier vom Wiedersehen mit seinem Sohn. Otto Warmbier wurde 22 Jahre alt. Nach rund anderthalb Jahren in nordkoreanischer Gefangenschaft - den Großteil davon wohl im Koma - starb er kurz nach seiner Heimkehr in die USA. Dreieinhalb Monate später erheben seine Eltern nun schwere Vorwürfe gegen das Regime: Ihr Sohn sei zu Tode gefoltert worden, sagten sie in einem Interview mit dem US-Sender CNN. Und angesichts der jüngsten Debatte um die Gefährlichkeit   hätten sie sich nun gezwungen gefühlt, "als Augenzeugen über dieses Terrorregime" zu sprechen. "Nordkorea ist kein Opfer", sagt Otto Warmbiers Vater.

"Das war nicht mehr Otto"

Mit gesenktem Blick schildert er die Rückkehr seines Sohnes. "Wir waren in einem Wartezimmer." Das Flugzeug sei gelandet und ein Ärzteteam habe sich sofort um Otto gekümmert. "Sie kamen nach fünf oder sechs Minuten wieder raus und sagten, dass es jetzt Zeit für die Familie sei hineinzugehen und ihn zu treffen. Wir sind raus aufs Rollfeld gegangen, die Turbinen heulten, wir kletterten die Stufen zum Flugzeug hoch und auf der Hälfte der Treppe hörten wir ein lautes, kehliges Heulen. Ein unmenschliches Geräusch. Wir wussten nicht, was es war", erinnert sich Warmbiers Vater. Auf den folgenden Anblick seien sie nicht vorbereitet gewesen. "Wir schauten in das Flugzeug. Otto lag auf einer Bahre. Festgebunden. Er warf sich wild hin und her, riss an seinen Fesseln und stieß dabei dieses unmenschliche Heulen aus." Für seine kleine Schwester Greta und ihre Mutter war das zu viel. Sie gingen wieder raus. Mit seinem Sohn Austin sei er dann zu Otto gegangen. Sie hätten ihn umarmt und irgendwie versucht mit ihm in Kontakt zu kommen. Ohne Erfolg. "Das war nicht mehr Otto wie wir ihn kannten"

"Sie hatten ihm den Kopf rasiert, er starrte mit riesigen Augen wild um sich mit", erinnert sich Fred Warmbier "Er war blind, er war taub, er wurde durch einen Schlauch ernährt." Ottos untere Zähne hätten ausgesehen, als ob sie mit einer Zange neu angeordnet worden wären, am rechten Fuß hatte er eine lange Narbe, seine Hände und Beine waren völlig deformiert. "Es war schrecklich. Und diese Geräusche, die er machte…"

Nordkorea bestreitet Folter

Otto Warmbier wurde im Januar 2016 am Ende seiner fünftägigen Reise durch Nordkorea am Flughafen von Pjöngjang festgenommen worden. Ihm wurde vorgeworfen, ein Plakat von der Wand in seinem Hotel gestohlen zu haben. Im März war er in einem Schauprozess zu 15 Jahren Haft im Straflager verurteilt worden. Vor Gericht gab er die Tat zu. Wie freiwillig dieses Geständnis war, lässt sich nicht nachprüfen. Insgesamt verbrachte Warmbier 17 Monate in nordkoreanischer Haft.

Nach seiner Rückkehr attestierten die US-amerikanische Ärzte dem Studenten in einem sehr schlechten Zustand. Viele Regionen seines Hirns seien geschädigt. Nordkorea zufolge sei der Student kurz nach dem Verfahren an einer Lebensmittelvergiftung erkrankt und nach der Gabe eines Schlafmittels ins Koma gefallen. Im Juni starb er wenige Tage nach seiner Rückkehr ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Nordkorea bestreitet jegliche Schuld. Kritiker, die "absolut keine Ahnung haben, wie gut wir Warmbier unter humanitären Bedingungen behandelt haben", unterstellten Nordkorea Misshandlung und Folter, sagte ein Sprecher des Nationalen Rates der Aussöhnung kurz nach dem Tod des Studenten.

Otto Warmbier lag bei seiner Rückkehr schon im Sterben

Genau das werfen nun auch Warmbiers Eltern dem Regime vor. "Otto hatte verschiedene Hirnschäden. Er ist von Kim Jong Un und seinem Regime systematisch gefoltert und absichtlich verletzt worden. Das war kein Unfall", sagt Fred Warmbier. "Er lag auf dem Totenbett, als er zu uns kam." Seine Mutter ist sich sicher: "Deswegen haben sie ihn freigelassen. Sie wollten nicht, dass er auf ihrem Boden stirbt." Das sei keine menschliche Geste gewesen.

Eine Autopsie hätten sie jedoch nicht gewollt. "Otto hatte genug durchgemacht." Auch von der US-Regierung hätten sie keine Informationen bekommen. "Die brauchen wir aber auch nicht." Für sie ist klar: Kim Jong Un und sein Regime trifft die alleinige Schuld.

Cindy Warmbier hilft die Erinnerung an ihren Sohn. "Ich denke fast jede Minute an ihn. Otto ist immer bei mir", sagt sie. Es ist das erste Mal, dass sie in dem CNN-Interview lächelt. "Ich möchte ihn nicht in Nordkorea in Erinnerung behalten, oder wie er im Krankenhaus war. Ich habe genug schöne Erinnerungen aus den 21 Jahren, die wir zusammen hatten." 

US-Bürger Otto Warmbier wird bei seiner Ankunft in den USA aus Nordkorea aus dem Flugzeug getragen
tyr