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Berichte aus Gefangenschaft: Haftbedingungen in Nordkorea: Warum der Tod von Otto Warmbier so ungewöhnlich ist

Wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Nordkorea in die USA ist Otto Warmbier seinen Verletzungen erlegen. Dass ein US-Häftling in Nordkorea derart Schaden nimmt, ist sehr ungewöhnlich, wie die Fälle früherer Gefangener zeigen.

Der US-Student Otto Warmbier wurde monatelang in Nordkorea festgehalten. Kurz nach seiner Rückkehr starb er.

Der US-Student Otto Warmbier wurde monatelang in Nordkorea festgehalten. Kurz nach seiner Rückkehr starb er.

"Die schrecklichen, qualvollen Misshandlungen, die unser Sohn durch die Nordkoreaner erleiden musste, ließen keinen anderen Ausgang zu, als den traurigen, den wir heute erlebten", schreiben die Eltern von Otto Warmbier in dem Statement, das den Tod ihres Sohnes verkündet. Otto Warmbier wurde 22 Jahre alt. Nach rund anderthalb Jahren in nordkoreanischer Gefangenschaft - den Großteil davon wohl im Koma - wurde er vergangene Woche in die USA ausgeliefert. Eine Woche später starb er im Kreis der Familie. Massive Schäden in weiten Teilen seines Gehirns stellten die US-Ärzte fest. Seit mehr als einem Jahr soll Warmbier bereits im Koma gelegen haben.

Waren seine Verletzungen die Folge von Folter? Hatte er einen Unfall oder eine Krankheit? Nordkorea behauptet, er habe eine Lebensmittelvergiftung gehabt und ein Schlafmittel erhalten. Danach sei er ins Koma gefallen. US-Ärzte vermuten einen Herzstillstand, der die Blutzufuhr zum Gehirn gekappt hatte. Die Ursache dafür konnten sie aber nicht mehr rekonstruieren. Was genau dem Studenten widerfahren ist, wird wohl nie geklärt werden. 

Sicher ist aber: Dass ein US-Häftling in nordkoreanischer Gefangenschaft derart zu Schaden kommt, ist sehr ungewöhnlich. "Es scheint eine Grundhaltung zu geben, keine physische Gewalt gegen Amerikaner anzuwenden, auch wenn sie nicht ungewillt scheinen, psychologische Methoden und dergleichen anzuwenden", sagt Robert R. King der "New York Times". King war bis vor Kurzem Spezialgesandter des Außenministeriums für Nordkorea und zuständig für den Warmbier-Fall ehe er im Januar in den Ruhestand ging. "Die Situation mit Warmbier ist wahrscheinlich etwas, was passiert ist, ohne dass die (Nordkoreaner) das wollten", sagt er.

Nordkorea inhaftiert immer wieder US-Bürger

Seit 1996 hat Nordkorea laut "New York Times" 16 US-Bürger inhaftiert, drei davon befinden sich aktuell noch in Gewahrsam. Zwar seien sie alle unterschiedlichen Formen des Psychoterrors ausgesetzt gewesen, so der Bericht. Viele wurde etwa zu weitreichenden Geständnissen gezwungen. Körperliche Gewalt aber sei für die US-Häftlinge die Ausnahme gewesen. Zu wertvoll sind sie als Druckmittel als Verhandlungen. Und auch trotz drakonischer Strafen wie 15 Jahren Arbeitslager werden die meisten von ihnen deutlich früher entlassen und ausgeliefert.

Aijalon Gomes etwa, mehrere Wochen in nordkoreanischem Gewahrsam, berichtete von schlimmen Haftbedingungen, aber keiner direkten körperlichen Gewalt. Er habe in einer kleinen Betonzelle "nicht größer als eine Hundehütte" auf dem Boden schlafen müssen, sagte Gomes in einem Interview. Es habe aber auch zahlreiche "Momente der Menschlichkeit" gegeben. US-Journalistin Laura Ling sprach nach ihrer Zeit in Gefangenschaft 2009 ebenfalls von einer sehr kleinen, dunklen Zelle, in der sie gehalten wurde. Später sei sie aber trotz einer Verurteilung zu zwölf Jahren Arbeitslager in ein ganz normales Hotelzimmer verlegt worden. Dort habe sich auch medizinische Versorgung bekommen, ehe sie entlassen wurde, als Ex-US-Präsident Bill Clinton das Land besuchte.


Auch US-Bürger Kenneth Bae wurde in Nordkorea verhaftet. Er musste auf einer Soja-Farm arbeiten und wurde bis zu 15 Stunden am Tag verhört, wie er in einem Buch über seine Zeit dort beschrieb. Allerdings gab er an, nie geschlagen und stets auf eine gewisse Art respektvoll behandelt worden zu sein. Drei weitere Gefangene berichteten ebenfalls davon, niemals körperliche Gewalt erfahren zu haben. Matthew Todd Miller durfte während seiner Haftzeit zunächst sein Smartphone und Tablet behalten und konnte so Musik hören und sich die Zeit vertreiben. "Ich war auf Folter vorbereitet, aber wurde überschwänglich freundlich behandelt", sagte er später.

Auch manche US-Häftlinge erfuhren Gewalt

So glimpflich haben aber nicht alle ihre Haftzeit überstanden. Der schlimmste Misshandlungsfall vor Warmbier ist der von Robert Park. Der US-Bürger ist christlicher Missionar und lebt in Südkorea. 2009 überquerte er die Grenze von China nach Nordkorea und wurde verhaftet. In seinen 43 Tagen in Gefangenschaft wurde er mehrfach gefoltert, wie er in einem Interview angab. Er sei nackt gefesselt worden und mehrere Frauen hätten mit Knüppeln auf seine Genitalien eingeschlagen. Auch Männer hätten ihn malträtiert, bis er vor Schmerzen schrie. Nach seiner Rückkehr wurde bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Mehrfach versuchte er, sich umzubringen. Ein anderer US-Bürger, der in Nordkorea in Haft war, nahm sich kurz nach seiner Rückkehr 1996 das Leben. Allerdings ist bis heute unklar, ob der Freitod von Evan Hunziker direkt mit seiner Gefangenschaft in der kommunistischen Diktatur im Zusammenhang steht.

Nach der Rücksendung Otto Warmbiers befinden sich aktuell noch drei US-Bürger in dem weitestgehend abgeschotteten Land in Haft. Zwei davon, Mitarbeiter am Wissenschaftlichen und Technologischen Institut in Pjöngjang, wurden dieses Jahr festgenommen. Ihnen werden "feindliche Handlungen" vorgeworfen. Über den dritten US-Bürger in Haft ist wenig bekannt. Er wurde 2015 festgenommen und 2016 zu 10 Jahren Arbeitslager verurteilt. Nordkorea wirft ihm "Spionage" vor.

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