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Ringer im Senegal: Die Könige der Arena

Ringen ist im Senegal ein Massenphänomen. Wer hier gewinnt, ist ein Superstar. Und verändert das Leben ganzer Dörfer.  Der stern war da und hat Bilder gemacht, die mit dem World-Press-Photo-Award ausgezeichnet wurden.

Von Andrea Ritter (Text) und Christian Bobst (Fotos)

Ringer Senegal

Wer beim Ringen im Senegal gewinnt, ist ein Superstar und kann auf bis zu 300.000 Euro Preisgeld hoffen

Das erste Licht des Morgens schiebt sich über den Horizont, vom Ozean weht ein Geruch herüber, salzig, aber nicht frisch. In einer halben Stunde werden es 30 Grad sein, aber das ist ihm egal. Noch einmal springt er die steile Treppe hoch - 202 Stufen, an deren Ende sich das "Monument der afrikanischen Wiedergeburt" auftürmt, ein beeindruckend wuchtiger Klotz aus Bronze, 49 Meter hoch, 2010 auf Wunsch des senegalesischen Präsidenten am Rande Dakars errichtet.

"Fels" ist sein Kampfname - der Fels von Ngor.

Das Denkmal - Vater, Mutter, Kind - soll Afrikas Stärke und Selbstbewusstsein symbolisieren, aber auch das ist ihm egal. Für ihn zählt nur die Treppe. Fast jeden Morgen kommt er her, um an ihr zu trainieren; Beinmuskulatur, Ausdauer, Koordination. Er mag den Blick von hier oben, sagt er, Dakars weiße Häuser im rosa Dunst. Und er mag es, dass das Monument auf einem Felsen thront. Denn "Fels" ist sein Kampfname: Kherou Ngor - der Fels von Ngor.

Ngor war einmal ein Fischerdorf, heute ist es ein Bezirk der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Kherou wurde hier 1989 geboren, fast jeder im Viertel gehört irgendwie zu seiner Familie. Zur Gemeinschaft der Lebous, die schon immer hier am Meer lebten. Wenn man mit Kherou durch die sandigen Straßen seiner Nachbarschaft geht, kann es passieren, dass Frauen wie verzückt aus den Fenstern winken. Alte Männer bleiben stehen, reichen ihm die Hand, kleine Kinder kommen angerannt und versuchen, seinen zwei Meter großen Körper hochzuklettern; Kherou ist Ringkämpfer. Der Star des Dorfes. Auf dem Weg, einer der großen Champions zu werden in einer speziellen Kampfsportvariante, die es nur im Senegal gibt: "Lutte Sénégalaise", senegalesischer Kampf, oder "Lutte avec frappe" - Kampf mit Faustschlag - wird die Sportart genannt. Und genau das ist es auch: eine Mischung aus Wrestling und Boxen. Ringkampf mit Faustschlägen. Ohne Boxhandschuhe. Show gehört dazu, Absprachen über Sieg und Niederlage nicht.

Der Sport lässt niemanden kalt

Der Senegal ist ein sportverliebtes Land. Das erkennt man nicht nur an den Fernsehern, die überall unter bunten Sonnenschirmen am Straßenrand stehen und ununterbrochen Sport zeigen. Man sieht es auch am Strand von Dakar. Schon frühmorgens hüpfen selbst schwergewichtige Großmütter ins Meer, um unter den strengen Kommandos der Animateure Wassergymnastik zu treiben. Und auch sonst wird im Sand nicht rumgelegen, sondern Fußball gespielt, gejoggt oder geturnt. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala jedoch rangiert der Ringkampf. "Lamb", wie der Sport in der Landessprache Wolof heißt, lässt niemanden kalt: Es gibt Zeitungen, die ausschließlich über Strategien und Kombinationen von Gegnern berichten, jeden Tag. In Radio und Fernsehen analysieren Lamb-Journalisten stundenlang die körperlichen und mentalen Stärken von Rocky Balboa, Bombardier oder B 52: Wie in den USA geben sich die senegalesischen Wrestler gern klang volle Fantasienamen. Show und Drama - Lamb ist ein Unterhaltungsprogramm für die ganze Familie. An Wettkampftagen strömen die Zuschauer zu Tausenden in die Stadien, die Stimmung auf den Rängen liegt irgendwo zwischen Boygroup-Konzert und Pokalfinale.

Einfache Regel: Gekämpft wird in einer Arena. 

Seine Ursprünge hat Lamb jedoch in den dörflichen Traditionen Senegals. Am Ende der Erntezeit traten die Männer gegeneinander an, rangen darum, wer der Stärkste ist - und um Ziegen oder einen Teil der Ernte. Vermutlich dienten diese Kämpfe früher auch dazu, kriegerische Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Dörfern zu vermeiden. In den 70er Jahren wurde der Sport allmählich professionalisiert. Die Regeln jedoch blieben einfach: Gekämpft wird in einer Arena. Verloren hat, wer den Sand mit dem Rücken berührt, wer den abgegrenzten Kreis der Arena verlässt oder sich mit allen vier Gliedmaßen - beiden Füßen und Armen - abstützt. Boxschläge auf Gesicht und Körper sind erlaubt; Kopfnüsse und Attacken auf den Hinterkopf verboten.

Bis zu 300.000 Preisgeld

Inzwischen ist rund um die Wettkämpfe eine gut geölte Vermarktungskette entstanden. Die Prämien und Preisgelder für Sportler auf dem Weg zum höchsten Champion, dem "König der Arenen", liegen zwischen 30.000 und 300.000 Euro, je nach Niveau. Hinzu kommen Werbeverträge, Sponsoring, Übertragungsrechte für das Fernsehen, Wettgeschäfte - in der Branche zirkuliert viel Geld, und nicht immer weiß man so recht, wo es herkommt, sagt Lac De Guiers, ein ehemaliger Star im Ring und Kenner der Szene. Bis vor sechs Jahren war der heute 46-Jährige selbst aktiv, heute trainiert er in seiner Schule Nachwuchskämpfer.
Seit der Saison im Jahr 2000, als ein Ringer namens Tyson den richtig großen Hype auslöste, ist Lamb ein Wirtschaftszweig, von dem viele Menschen leben, sagt Lac De Guiers. "Da gibt es Manager, PR-Berater, Trainer, spirituelle Führer ... Im Umfeld der Stars blühen die verschiedensten Talente. Alle wollen etwas mitverdienen. Nicht immer zur Freude der Sportler."

Er schlug einen 135-Kilo-Mann

Lac De Guiers ist berühmt geworden, weil er 2003 Commando geschlagen hat, einen 135-KiloMann, und das, obwohl er selbst es nur auf 85 Kilo brachte. Commando hat kurz danach das Land verlassen, erzählt Lac. Aus Scham.
Mittlerweile hat jedes Dorf und jedes Stadtviertel seinen eigenen Hoffnungsträger. Man kann in kurzer Zeit viel Geld verdienen. Und das wiederum liegt auch im Interesse von Freunden, Nachbarn und Verwandten: Denn wenn jemand zu Reichtum und Wohlstand gelangt, wird sein Umfeld daran beteiligt. Das gehört im Senegal zum guten Ton.
Wenn Kherou nicht trainiert, arbeitet er in der Bar des Black and White Café, das seinem Cousin gehört. Am Anfang sind die Wettkampfgewinne nicht sonderlich hoch, erzählt er. Ein Sack Reis, eine Ziege, Lebensmittel, die direkt an die Verwandten gehen - sein Familienverband ist sehr groß, wie viele Leute genau dazugehören, kann er nicht sagen.
Seit fünf Jahren trainiert und kämpft Kherou professionell. Für umgerechnet 15 Euro hat er sich beim Staat eine Lizenz gekauft, das muss jeder machen, der bei regulären Kämpfen antreten will. Gut 4000 Athleten gibt es im Senegal; jeder gehört einer Schule an, die wie Boxställe organisiert sind und wiederum mit ein wenig Geld von der Regierung unterstützt werden. Allein Dakar hat mehr als 60 solcher Schulen.

Geschichten sind genauso wichtig wie Muskeln

Kherou ist bei Olympique de Ngor. Trainiert wird am Strand und mit selbst gebauten Geräten: Autoreifen, die mit Beton ausgegossen werden, dazwischen eine Eisenstange, fertig ist die Hantel.
Fast genauso wichtig wie die Muskeln sind die Geschichten. Um jeden Kämpfer ranken sich kleine Legenden, die ihn charakterisieren und seinen Mythos festigen. Von Modou Lô, dem bulligen Top-Star und Herausforderer des amtierenden "Königs der Arenen", heißt es beispielsweise, dass er ein Freund der Frauen sei, deren Kraft ihn trage - niemand weiß genau, worauf diese Geschichte gründet. Aber alle erzählen sie weiter. Über Kherou, das Nachwuchstalent, sagen sie, dass er vielleicht etwas schmal sei, dafür aber das Kämpfen im Blut habe. Schon sein Großvater sei ein starker Kämpfer gewesen, schnell und zäh. Kherou hat ihn niemals kennengelernt, aber auch er sagt, dass er die Kraft in sich spüre, die Stärke und Entschlossenheit des Großvaters in seinem Blut. Deswegen hat er niemals Angst. Niemals Zweifel an seiner Überlegenheit. Und dann ist da ja noch die Sache mit der Zauberei

Wettkampf der Zauberer 

Der Senegal ist ein islamisches Land, geprägt vom Animismus Westafrikas und der Mystik des Sufismus: Die Existenz von Geistern und der Glaube an Magie gehören zum Alltag - man wird kaum jemanden finden, der nicht von Dschinns oder den Energien seiner Ahnen erzählt. Bei der Entscheidung über Sieg und Niederlage spielen diese übersinnlichen Hilfskräfte eine große Rolle: Wer die Gunst der Geister auf seiner Seite hat, wird den Kampf gewinnen. Und wer weiß, wie man die Geister beschwört und besänftigt, kann viel Geld verdienen.

Zur Entourage eines jeden LambKämpfers gehört ein Marabout, also einer, der sich mit Zauberei auskennt und den Kontakt zur Welt der Unsichtbaren herstellen kann. Kherous Marabout ist praktischerweise ein Familienmitglied, einer seiner Onkel - so muss er den oft hohen Lohn für die magischen Dienstleistungen nicht an einen Fremden zahlen.
Von seinem Onkel Djibril N’Diaye weiß Kherou, welches die wichtigen heiligen Stätten sind: die Stelle an der Küste, an der seinem Vater einst der Schlangengeist mit dem Katzenkopf erschienen ist. Der Felsen im Meer. Der Stein, auf dem sich der erste Geist der Familie ausruhte und neben dem der Vater dann sein Haus baute. Kherou muss die Orte regelmäßig besuchen. Auch vor einem Wettkampf geht er zu den Geistern, schüttet Milch ins Meer und über seinen Körper. Ein Ritual, das ihn beschützt und den bösen Zauber der Gegenseite abwäscht.

"Es gibt keinen Zufall"

"Man sieht Dschinns oder man sieht sie nicht", sagt Kherous Onkel, wenn man ihn nach seiner Gabe fragt. Einige Geister der Ahnen wohnen neben dem Haus der Familie, in unterschiedlich großen Töpfen und Gefäßen, die in einem umzäunten Gehege untergebracht sind. Man muss anklopfen, ehe man eintritt, und man sollte Geschenke mitbringen, Mais oder Milch. "Geldscheine gehen auch", sagt der Onkel und steckt sie dann aber doch lieber in die Hemdtasche, damit sie den Geistern nicht davonwehen.

Viele Sportler nehmen ihre Marabouts mit in die Arena. So wird jeder Kampf auch zu einem Wettstreit der Zauberer, die ihre Schützlinge mit Grigris - Glücksbringern - behängen und mit magischen Mixturen übergießen, die in alten Colaflaschen gereicht werden. "Es gibt keinen Zufall" , sagt Kherou über die Bedeutung der Zauberei. Ein guter Magier sei genauso wichtig wie hartes Training. "Sie können die Zukunft beeinflussen, eine Niederlage in einen Sieg verwandeln."

Magie entscheidet zu 55 Prozent

Zu 55 Prozent entscheide die Magie über den Ausgang eines Kampfes, da ist sich auch Lac De Guiers sicher. Er weiß, wovon er redet, er ist selbst schon mehrmals verzaubert worden, einmal hat er beinahe seinen Kampf verschlafen. Und dass die Franzosen 1998 die Fußball-WM gewonnen haben, sei auch den senegalesischen Marabouts zu verdanken, sagt er: "Damals haben sich alle zusammengetan und Frankreich geholfen."
In drei bis vier Jahren will Kherou der größte Champion der Saison werden, der "König der Arenen". Er wird es schaffen, da ist er sich sicher. Mit Zauberei, mit seinen Ahnen. Wenn nicht, geht er vielleicht nach Italien. Als Boxer. Das könnte er sich auch gut vorstellen.