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Suche nach Vermissten unterbrochen: "Costa Concordia" rutscht weiter ab

Das Wrack des havarierten Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia" hat sich erneut bewegt. Daraufhin wurde die Suche nach Vermissten unterbrochen. Der Kapitän macht neue Ausflüchte.

Die Suche nach Eingeschlossenen in dem havarierten Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" ist am fünften Tag nach dem Schiffbruch vor der toskanischen Insel Gigli erneut unterbrochen worden. Das Wrack sinke weiter ab, dadurch seien die Sicherheitsbedingungen für die Rettungsmannschaften nicht gegeben, sagte der Sprecher der Rettungseinheiten, Luca Cari. In der Nacht hatte die Feuerwehr noch ihre Arbeiten in der "Costa Concordia" fortgesetzt.

Taucher hatten vier weitere kleine Löcher in den Rumpf des Schiffes sprengen wollen, um leichter an Vermisste herankommen zu können, berichteten italienische Medien. Unter den insgesamt noch 28 Vermissten aus sieben Ländern sind nach einer jüngsten Bilanz der italienischen Behörden 13 Deutsche.

Neue Ausflüchte vom Kapitän

Unterdessen sorgte der Kapitän mit einer neuen Begründung für sein vorzeitiges Verlassen des Unglücksschiffes für Aufsehen. Laut italienischen Medienberichten machte Francesco Schettino (52) ein technisches Problem dafür verantwortlich, dass er die Evakuierung an Bord nicht koordiniert hat. "Ich wollte nicht abhauen, sondern habe Passagieren geholfen, ein Rettungsboot ins Wasser zu lassen", sagte er demnach vor einer Richterin. Als der Absenkmechanismus blockierte und plötzlich aber wieder ansprang, "bin ich gestrauchelt und lag plötzlich zusammen mit den Passagieren im Boot". Daraufhin habe er nicht mehr auf das Schiff zurückkehren können, weil sich dieses schon zu sehr in Schräglage befunden habe.

Die Tageszeitungen "Corriere della Sera" und "La Repubblica" zweifeln diese Version der Ereignisse an, vor allem weil sich in dem Rettungsboot von Schettino auch der zweite Offizier Dimitri Christidis und der dritte Offizier Silvia Coronica befunden hätten.

Schettino unter Hausarrest

Schettino kehrte nach seiner dreistündigen Vernehmung in seinen Heimatort Meta di Sorrento zurück. Die Richterin hatte den Haftbefehl gegen ihn in einen Hausarrest umgewandelt. Staatsanwalt Francesco Verusia, der den Schiffsführer nach der Havarie hatte festnehmen lassen, äußerte Unverständnis über diese Entscheidung und kündigte an, Einspruch einzulegen. Laut Verusia bestehe durchaus Fluchtgefahrt. Schettino werden mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und Verlassen des Schiffes mitten in der Evakuierung vorgeworfen. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.

Der 52-Jährige soll eigenmächtig die gefährlich nahe Route gewählt haben, um seinem von der Insel stammenden Oberkellner Antonello Tievoli die Möglichkeit zu geben, Giglio zu grüßen. Medienberichten zufolge hatte dessen Schwester auf dem sozialen Netzwerk Facebook angekündigt, dass die "Costa Concordia" bald ganz nah vorbeifahren werde.

Weil Schettino nach der Kollision mit dem Felsen keine Order gegeben und nur telefoniert habe, hätten Teile der Besatzung praktisch "gemeutert" und allein Rettungsboote fertiggemacht, berichtete der "Corriere della Sera". "Es reicht, evakuieren wir das Schiff", zitierte die römische "La Repubblica" Besatzungsmitglieder.

"Ich hatte das Kommando"

Die 290 Meter lange "Costa Concordia" mit mehr als 4200 Menschen an Bord hatte am Freitagabend einen Felsen gerammt und war leckgeschlagen. Sie liegt derzeit in starker Schräglage vor der Insel und droht abzurutschen und zu versinken.

Gegen Schettino waren tags zuvor bereits neue, schwere Vorwürfe laut geworden. So belegt ein veröffentlichtes Gesprächsprotokoll eine völlig chaotische Evakuierung. Die Telefonate zwischen der Küstenwache und Schettino zeigen, dass er das Problem heruntergespielt, das Schiff tatsächlich verfrüht verlassen und die Passagiere sich selbst überlassen hat. Er musste auch mehrfach energisch aufgefordert werden, an Bord zurückzukehren. In Rom meinten Parlamentarier, es müsse wegen seines bizarren Verhaltens geklärt werden, ob etwa Drogen im Spiel gewesen seien.

Schettino erklärte dagegen, er habe das Schiff nicht aufgegeben, vielmehr habe er mit dem Kurs nach der Kollision noch hunderte oder tausende Menschenleben gerettet. "Ich hatte das Kommando", räumte der 52-Jährige nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa aber ein.

Zahl der Toten steigt

Die Zahl der Opfer stieg am Dienstag auf elf. Die Toten wurden an einem Sammelpunkt im überfluteten Heckteil des gekenterten Schiffes gefunden, bestätigten ein Sprecher der Gemeinde und die Küstenwache. Es handelt es sich um eine Frau und vier Männer im Alter von 50 bis 60 Jahren. Nach Angaben der Küstenwache trugen sie Schwimmwesten.

Wahrscheinlich gibt es auch deutsche Todesopfer. Eine Bestätigung dafür, dass ein deutsches Todesopfer identifiziert sei, gab es vom Außenministerium in Berlin bislang zwar nicht. Der italienische Zivilschutzchef Franco Gabrielli sagte aber: "Mir scheint, dass das am Montag geborgene Opfer deutscher Nationalität ist."

Unklarheit herrschte über die Zahl der Vermissten. Italienische Behörden sprachen von 29 Menschen, darunter 14 Deutsche, 6 Italiener, 4 Franzosen, 2 Amerikaner sowie je ein Ungar, Inder und Peruaner. Das Auswärtige Amt geht von 12 Deutschen aus, allerdings wird dort Hinweisen auf weitere Verschollene nachgegangen. Fünf Vermisste stammen demnach aus Hessen, je zwei aus Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen und eine Frau aus Bayern. Außenminister Guido Westerwelle versprach, das Schicksal der Vermissten schnell aufzuklären. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Tödliche Gefahr für zehntausende Meerestiere

Naturschützer fürchten zudem, dass Treibstoff das fragile Ökosystem weit über die toskanische Insel hinaus verschmutzt. Bei einem Austritt stelle das Öl eine tödliche Gefahr für zehntausende Meerestiere dar, die in dem Nationalpark Toskanischer Archipel leben, erklärte der Naturschutzbund Deutschland. Der WWF warnte: Die Unglücksstelle liege mitten im Pelagos-Meeresschutzgebiet, dem wichtigsten Walschutzgebiet im Mittelmeer.

Italiens Umweltminister Corrado Clini sagte, zur Bewältigung des Unfalls werde der Notstand erklärt. Es gehe darum, die knapp 2400 Tonnen Treibstoff so schnell wie möglich aus den Tanks des Schiffes zu holen. Das wird nach Angaben der beauftragten niederländischen Bergungsfirma Smit Salvage zwei bis fünf Wochen dauern. Am Mittwoch soll das Abpumpen des Öls vorbereitet werden.

Mehr als 500 Millionen Euro Schaden möglich

Auch der materielle Schaden ist gewaltig. Möglicherweise müssen die Versicherer einen Schaden von mehr als einer halben Milliarde Euro einkalkulieren. Die Summe von 500 Millionen Euro könne leicht überschritten werden, berichtete die "Financial Times Deutschland" unter Berufung auf Versicherungskreise.

Nach dem Schiffsunglück erwägt nun die EU-Kommission strengere Regeln für die Sicherheit auf Schiffen in der Europäischen Union. Eine bereits laufende Überprüfung der Gesetzgebung für Passagierschiffe soll nun schneller abgeschlossen werden, sagte die Sprecherin von Verkehrskommissar Siim Kallas in Brüssel.

swd/jar/mad/DPA / DPA