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Unglück der "Costa Concordia": Von der Mini-Chance, noch Überlebende zu finden

29 Passagiere der "Costa Concordia" werden noch vermisst - darunter zwölf Deutsche. Den Rettern läuft die Zeit davon. Ein Notfallarzt aber glaubt, dass es noch Chancen gibt, Überlebende zu bergen.

Von Niels Kruse

Einem gestrandeten Wal gleich, liegt die "Costa Concordia" vor der Küste der kleinen Insel Giglio. Wie lange das Wrack noch an den fatalen Schlenker des Unglückskapitäns Francesco Schettino erinnern wird, weiß derzeit niemand. Die Reederei will zunächst die Vermissten bergen und hat dazu die Spezialfirma Smit um Hilfe gebeten. Danach soll das niederländische Unternehmen die 2400 Tonnen Diesel- und Schweröl aus den Tanks abpumpen. Allein dieser Job kann schon Monate dauern. Und wann genau das havarierte Kreuzfahrtschiff geborgen ist, "weiß nur Gott", sagt Jan Van de Garde, Marineingenieur bei Smit.

Zurzeit hantieren seine Kollegen mit Zündstoff, um sich einen Weg durch die Trümmer im Inneren des Wracks zu bahnen. Löcher werden in Wände und Böden gesprengt, denn die Taucher brauchen Zugänge zu den abgeschotteten Räumen. So sollen die Sammelpunkte auf dem Schiff besser erreicht werden. "An diesen Stellen ist die Wahrscheinlichkeit höher, Vermisste zu finden", heißt es bei der lokalen Feuerwehr. Die setzt zudem Minikameras ein, um das Labyrinth aus Kabinen, Restaurants, Bars, Kinos, Geschäften und anderen Einrichtungen zu durchsuchen. Große Hoffnung, mehr als vier Tage nach dem Unglück noch Passagiere zu finden, machen sich die zahllosen Helfer und Retter allerdings nicht.

"Man kann das schon ein paar Tage aushalten"

Der Notfallmediziner Rainer Löb von den Maltesern dagegen will nicht ausschließen, dass dort unten noch Menschen am Leben sind. "Es ist aus meiner Sicht vorstellbar, dass da noch jemand auch innerhalb der nächsten Zeit lebend gerettet werden kann", sagte er der Nachrichtenagentur DPA. Ob und wie hänge vor allem davon ab, ob es Zugang zu Luft und Trinkwasser gebe. "Man kann das schon ein paar Tage aushalten in der Situation." Eine andere Sache ist, ob die Betroffenen die Nerven behalten. Denn sollte etwa jemand in seiner Innenkabine eingesperrt sein, kann es sein, dass der lieber auf Rettung wartet, statt sich auf eigene Faust befreien zu wollen und sich dabei womöglich zu verirren oder zu verletzen. "Natürlich gibt es das Problem, dass man von Tag zu Tag an Kräften verliert und irgendwann den Punkt finden muss, wo man sich vielleicht doch noch auf den Weg macht", so der Arzt.

Unklar ist zudem, wie viele Kreuzfahrtpassagiere überhaupt noch vermisst werden. Die deutsche Vertretung der Costa-Reederei möchte "in Absprache mit den italienischen Behörden" keine genauen Zahlen nennen. Die Rede ist von einer "Vermisstenzahl im unteren zweistelligen Bereich". Die Italiener aber haben bereits einen Zahl genannt: Es werde nach 14 Deutschen gesucht. Bei ihren deutschen Kollegen heißt es dagegen, es gebe zwölf Vermisste - mindestens zwölf, schränken sie allerdings ein. Auch die Nachricht, nach der ein Deutscher tot aufgefunden worden sei, wurde von Bundesaußenminister Guido Westerwelle bislang nicht bestätigt. Weiteren Hinweisen auf Personen, deren Verbleib ebenfalls noch ungeklärt ist, gehen wir ebenfalls mit Hochdruck nach", so Westerwelle.

Zahl der Vermissten hat sich fast verdoppelt

Rätsel gibt zudem die Frage auf, warum die italienischen Behörden, die Gesamtzahl der Vermissten fast verdoppelt haben. Nach 29 Menschen werde nun gesucht, heißt es - 25 Passagiere und vier Besatzungsmitglieder. Am Montag war noch von 16 Personen die Rede. Der Sprecher der Küstenwache, Filippo Marini, sagte, bei den jetzt gefundenen fünf Toten handle es sich um eine Frau und vier Männer. Sie hätten Rettungswesten getragen und seien zwischen 50 und 60 Jahre alt. Ob es sich um Passagiere oder Besatzungsmitglieder handelt, blieb zunächst unklar. Die Zahl der bislang bestätigten Toten erhöhte sich damit auf elf.

Einige der Überlebenden berichten unterdessen von einer unheimlichen Verbindung zum Untergang der "Titanic": Valentina Capuano, 30, und ihr Bruder fühlen sich an das Schicksal ihres Großonkels erinnert. Er starb vor knapp hundert Jahren beim spektakulären Untergang des einst größten Schiffes der Welt. "Es war, als ob sich diese Geschichte wiederholt", sagte Capuano. Ihre Großmutter Maria hatte immer erzählt, dass deren Bruder Giovanni im Alter von 25 Jahren auf der Suche nach Arbeit nach London ausgewandert war. Dort fand er einen Job als Kellner auf der "Titanic" und wurde zu einem der mehr als 1500 Todesopfer.

mit Agenturen