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Pariser Leben nach dem Terror Zu Besuch bei Menschen, die überlebt haben - und doch um ihr Leben ringen

Frederic Hubig-Schall
Frédéric Hubig-Schall hat drei Restaurants und fürchtet, dass ihm die Kunden wegbleiben. Er sagt aber auch: "In drei Monaten ist wieder alles beim Alten"
© Eric Vazzoler
Paris ist ein Lebensgefühl. Muße, Toleranz, Freiheit. Auch deshalb dringen die Anschläge tief in die kollektive Psyche ein. Der stern sprach mit Parisern über ihr Leben zwischen Angst und Trotz.
Von Mathias Schneider und Jörg Zipprick, Paris

Rue Jean-Pierre Timbaud, 800 Meter vom Konzertsaal Bataclan entfernt

Frédéric Hubig-Schall liebt seine Vespa, im dichten Verkehr des von kleinen Gassen durchzogenen Viertels Oberkampf im zehnten Arrondissement ist sie ihm ein wendiger Begleiter geworden. Und weil dieser 13.November ein besonderer Tag ist, kommt sie natürlich auch heute zum Einsatz. Zumal es nur ein kurzes Stück zur Schule der achtjährigen Tochter Christa ist. Schon seit Wochen freut sich das einzige Kind von Frédéric und dessen Frau Claudia aufs Laternenlaufen, da dürfen die Eltern nicht fehlen. 

"Ich höre die Gewehrsalven der Kalaschnikow"

Es wird spät, an diesem Abend, zumindest für eine Achtjährige. 21.30 Uhr ist es, als Mutter und Tochter entscheiden, im Taxi zurück zu fahren. Hubig-Schall saust auf zwei Rädern zu seinen drei Restaurants - Astier, Jeanne A und Taverna Toscana, die sich nebeneinander in die Rue Jean-Pierre Timbaud ducken. "Und dann komme ich natürlich am Konzertsaal Bataclan vorbei", erzählt er einen Tag später. Seine Stimme hebt sich nur leicht, er ist ein kontrollierter Erzähler, spricht leise. "Ich stehe also an der Ampel und höre diese Gewehrsalven der Kalaschnikow. Ich habe so etwas noch nie gehört. Aber ich wusste sofort, was das ist. Polizisten suchten Deckung hinter parkenden Autos" Hubig-Schalls Augen weiten sich unmerklich. Das Gesicht spannt sich. Die Angst der Nacht ist jetzt ganz nahe an einem der Ecktische seines Restaurants Jeanne A.

Neben ihm an der Ampel steht ein weiterer Roller. Die beiden Fahrer blicken sich an. Jemand schreit ihnen zu, dass sie bloß verschwinden sollten. "Und mein erster Gedanke ist natürlich" - Hubig-Schall macht eine Pause - "was ist mit meiner Familie?" Er will sie warnen, doch der Akku des Handys ist leer. Es werden quälende zehn Minuten vergehen, bis er, zu Hause angekommen, das Gerät lädt und die Stimme von Frau und Tochter wieder hört. Minuten, in denen seine Christa sich vor Angst um den Vater fast übergeben muss im Wagen, denn wildfremde Menschen klatschten mit ihren Händen verzweifelt auf die Kühlerhaube und schreien: "Nicht da lang. Da liegen Tote auf den Straßen."

Es geht gut. Für sie. 

Als Hubig-Schall schließlich in einem seiner Restaurants ankommt, schlägt ihm die panische Angst seiner Kunden förmlich entgegen, denn nicht nur das Bataclan ist nahe, auch die anderen Tatorte liegen zum Teil gerade einen Block entfernt. Hubig-Schall schließt augenblicklich die Türen seiner drei Restaurants, doch nur eines verfügt über stabile Vorhänge. Einige Kunden drängen darauf, sich im Keller zu verschanzen. Sein Team - Geschäftsführerin, Personal - wird bis 4.30 Uhr bei ihm bleiben. Ein Zeichen der Geschlossenheit. Wichtiger: Es geht gut. Für sie. 

Am nächsten Tag lädt Hubig-Schall sie alle zum Mittagessen ein, "Dampf ablassen", wie er sagt. Die Restaurants bleiben erst einmal geschlossen. Was selbstverständlich erscheint, ist im Oberkampf selbst jetzt die Ausnahme. Horrende Mieten, Hypotheken. Es ist ein katastrophales Jahr gewesen, dieses 2015, schon bis jetzt. Der Hauptsitz der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" liegt gerade mal 1000 Meter entfernt. "Und diese Stadt lebt vom Tourismus. Ich lebe vom Tourismus", sagt Frédéric Hubig-Schall. Nun sitzt er schon zwischen zwei Tatorten des Terrors. "Paris, das ist Feiern und Wohlleben. Wenn es den Leuten schlecht geht, kommen sie hier her, um zu feiern."

"In zwei Monaten ist hier wieder alles beim Alten"

Am Morgen, als alles vorbei ist, schreibt er seinem Bankberater als erstes eine SMS. Er wird die Kredite nachverhandeln müssen. Er weiß: Zu groß werden die Umsatzrückgänge der nächsten Monate sein. Er kennt das ja schon, von "Charlie Hebdo". Claudia und Christa brechen trotz der Tragödie wie geplant nach Straßburg zum Geburtstag des Schwiegervaters auf. "Ich habe in diesen Stunden dann eine Stärke in mir gefunden, die ich gar nicht kannte. Mein Team hatte Angst um seine Jobs. Aber mich hat diese Verantwortung für Familie, Geschäft und sie alle eher gestärkt", sagt Hubig-Schall zum Schluss. Er ist kein großer Mann, 1,75, enge Jeans zum schwarzen Pullover, eher zäh als stark. 

Fürchtet er, dass sich seine Familie, dass sich das ganze Viertel diesmal nicht wieder erholen wird? Er mag den Gedanken nicht zu nahe an sich heran lassen. "In zwei Monaten ist hier wieder alles beim Alten", sagt er schnell. Er will nicht klagen - nicht vor seinen Mitarbeitern, denen er ein gutes Beispiel geben will. Da ist er ganz alte Schule. Aufstehen. Weitermachen. "Aber die zwei Monate jetzt, die brauchen wir erst einmal, um dieses Trauma zu verarbeiten."

Zwei Monate, sie werden wohl nicht reichen.

Aligre Markt, Pariser Osten

Ariane aus Paris
Ariane hat Angst wenn sie ins Kino geht. Oder in die U-Bahn
© Corentin Fohlen

Sie liegt am Sonntagnachmittag im Bett ihres Kinderzimmers, weiße Wände, gelbe Bettdecke, die getigerte Katze schnurrt neben ihr. Sie fühlt sich zu schwach, um aufzustehen. Als sie erfuhr was passiert war, verschloss sich ihr Magen. So lange, dass sie drohte, umzukippen. Sie weinte, immer wieder. An Schlaf nicht zu denken. Jene, die im Bataclan ihr Leben ließen, waren ihre Freunde gewesen. Ariane, 16, wollte eigentlich bei ihnen sein. Mit ihnen feiern am Freitagabend. Ihr Freund sollte die Tickets besorgen. "Aber die Karten sind zu teuer für mich gewesen. Nur deshalb bin ich mit meiner Mutter am Ende zum Geburtstag meiner Cousine gefahren", sagt sie leise. Nun liegt eine Freundin aus ihrer Klasse im Krankenhaus, wie auch Jonas, ein anderer Freund ihres Freundes. Bombensplitter haben ihn erfasst. 

Sechs ihrer Bekannten, zwei ihrer engsten Freunde: Tod.

Fast elfenhaft wirkt sie, wie sie da liegt, die blonden Haare, leicht gewellt auf ihrer Schulter. Die Decke ruht auf ihrer Taille. Schutz, das will man ihr am liebsten geben, und Schutz hätte sie schon oft in ihrem noch jungen Leben nötig gehabt, nicht erst jetzt, da sich alle unsicher fühlen. In der Banlieue, längst Chiffre für den Friedhof von Frankreichs uneingelösten Einwanderungsversprechen, hat sie noch vor zwei Jahren mit ihrer Mutter gelebt. Multi-Kulti, das wollten sie und ihre Mutter erleben in einem Bezirk, in dem gerade zehn Prozent der Einwohner weiß sind.

Doch es kam anders. Kaum ein Tag, an dem Ariane nicht sexuell belästigt wurde auf dem Weg nach Hause. Als sie es zur Anzeige brachte, wurde es schlimmer. Die Polizei, sie tat nichts. Nicht hier.

Nun, unweit des Aligre-Markt, fühlen sich Mutter wie Tochter sicher. Zumindest in dieser Hinsicht. "Hier gibt es auch viele Muslime, aber das sind gute Menschen. Wenn man mit den Älteren von ihnen spricht, sind die auch entsetzt, was da mit der nächsten Generation passiert", sagt die Mutter Marie Edith. 

Sie ist keine Rechte, sie hat nur ein schlechtes Gefühl

Wie die Tochter will sie heute Nachmittag zum Place de la Republique gehen, noch immer so etwas wie der Bauch dieses Landes. Dort treffen sie sich, wenn die großen Fragen ihrer Nation verhandelt werden. Und sei es nur, um einander zu spüren. "Wir müssen unsere Freiheit verteidigen. Wir haben keine Angst zu haben", sagt Marie-Edith. Sie sei keine Frau, die von einer rechten Gesinnung durchdrungen sei, ganz und gar nicht. Aber wie so viele hat auch sie das Gefühl, dass eine missglückte Einwanderungspolitik auf dem Rücken ihrer Werte ausgetragen werde. Mehr Härte jenen gegenüber, die auf Toleranz mit Gewalt und Willkür antworten, das wünscht sie sich. Es sagt viel über das Paris dieser Tage aus, dass sie nach dem Gespräch noch einmal anruft, um einen zu bitten, den eigenen Namen lieber nicht in die Zeitung zu setzen. Ihrer Sicherheit und jener der Tochter wegen. 

Fürchtet sie, dass die Tochter ein unheilbares Trauma von all dem davonträgt. "Natürlich ist das ein Problem", sagt sie, doch dann bricht da dieser typische französische Behauptungswillen durch. Nirgendwo lieben sie ihren Savoire-Vivre wie hier, in Paris: Liberte, Egalite, Fraternite - zutiefst Französisch ist das. "Wir lassen uns nicht vertreiben. Wir sind hier zu Hause", sagt die Mutter mit fester Stimme. Dabei wirkt sie nicht minder zerbrechlich, eine dünne Frau um die 60. 

Seit "Charlie Hebdo" haben sie Angst

Ariane sagt kurz darauf: "Wir haben alle Angst seit "Charlie Hebdo". Aber man hat uns ja gesagt, dass es krachen wird." Man - sind bei ihr Medien, Muslime, der Sicherheitsapparat. Ihre Stimme stockt, sie beginnt zu schluchzen. "Heute habe ich Angst, wenn ich ins Kino gehe. In die U-Bahn. Das Theater." Dann, das Gespräch ist eigentlich schon zu Ende, holt sie noch schnell ihren Laptop hervor. Es ist ihr ein Anliegen, man spürt das. Dann beginnt sie mit klarer Stimme jene Zeilen aus der "New York Times" zu lesen, die der Schauspieler Jean Dujardin nach dem Attentat auf Facebook stellte. Es ist ihre ganz persönliche Hymne dieser Tage: 

"Frankreich verkörpert alles, was die religiösen Fanatiker der Welt hassen: Lebensfreude, die sich in Myriaden von Kleinigkeiten finden lässt: Der Geruch von Café und Croissants am Morgen, befreit lächelnde Frauen in geschmackvollen Kleidern auf der Straße, der Geruch von warmem Brot. Eine Flasche Wein, die man mit Freunden teilt, ein paar Spritzer Parfum; Kinder, die im Jardin du Luxembourg spielen; das Recht, an keinen Gott zu glauben, sich über Kalorien lustig zu machen, zu flirten, zu rauchen und Sex außerhalb der Ehe zu genießen. Ferien machen, irgendein Buch lesen, gratis zur Schule gehen, spielen, lachen, streiten, sich über Würdenträger und Politiker lustig machen; sich nicht um das Leben nach dem Tod zu sorgen. Kein Land auf der Welt hat eine bessere Definition dessen, was das Leben ausmacht, als Frankreich."
 


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