HOME
Fragen und Antworten

Angst vor Atom-Unfall: Das würde ein Gau im belgischen AKW Tihange für Deutschland bedeuten

Belgien hält künftig Jodtabletten für alle Haushalte bereit. Das hat in Deutschland die Angst vor einem Unfall im grenznahen AKW Tihange erneut wachgerüttelt. Welche Auswirkungen hätte hierzulande ein Gau?

Auf einer weißen Schachtel mit dünnem grünen Rand liegt ein Blister mit sechs Jodtabletten

Die Nachricht brauchte ein paar Tage, um ihre Wirkung zu entfalten. Belgien hält künftig für sämtliche Haushalte Jodtabletten bereit. Die Einnahme solcher Tabletten soll im Fall eines Atom-Unfalls verhindern, dass sich freigesetztes radioaktives Jod in der Schilddrüse einlagert. Die Maßnahme ist Teil der Modernisierung des nuklearen Notfallpans. Der belgische Innenminister Jan Jambon betonte im belgischen Rundfunk, es handele sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme. "Es gibt keinen Grund, die Sicherheit der belgischen Atomkraftwerke anzuzweifeln." Dennoch: Im Zusammenspiel mit immer neuen Berichten über Störfälle und bestehende Schäden in den belgischen AKW Tihange bei Lüttich und Doel nahe Antwerpen in den vergangenen Jahren, aber auch in jüngster Zeit, hat die Meldung seit Langem schwelende Ängste erneut wachgerüttelt.

Dies auch und gerade in Deutschland. Denn vor allem das als marode und anfällig geltende AKW Tihange liegt nahe der deutschen Grenze, rund 65 Kilometer Luftlinie von Aachen entfernt. Welche Folgen hätte ein Gau wie in Fukushima oder Tschernobyl in Deutschland?

Zuerst würde es die Region Aachen treffen

Belgien sieht in seinem neuen Notfallplan eine Sicherheitszone von 100 Kilometern um jedes AKW vor, in der unter anderem vorbeugend Jodtabletten verteilt werden. Für das kleine Belgien bedeutet das bei fünf Kernanlagen, dass das gesamte Land in einer solchen Zone liegt. In diesem Radius liegen aber auch die Stadt Aachen (244.000 Einwohner) und Umgebung. Dort sind bereits vor einem Jahr von den Behörden aus Angst vor der "tickenden Zeitbombe" Tihange Jodtabletten verteilt worden. Der Notfallplan der Bundesregierung sieht für Menschen in der 100-Kilometer-Zone vor, im Falle eines Gaus so lange in der eigenen Wohnung zu bleiben bis die radioaktive Wolke vorbeigezogen ist. Das kann Tage, aber auch Wochen dauern.

Einnahme von Jodtabletten in größerer Zone

Unter den diversen bei einem Atom-Unfall freigesetzten radioaktiven Stoffen ist das radioaktive Jod zunächst besonders aggressiv. Jod wird im Körper vor allem in der Schilddrüse eingelagert. Die Einnahme von Jodtabletten soll zu einer Sättigung der Schilddrüse führen, so dass das radioaktive Jod nicht mehr aufgenommen wird. Das soll Schilddrüsen-Krebs verhindern. Die Tabletten sollen im Fall eines Super-GAU alle Menschen in einem Radius von 200 Kilometer um das AKW einnehmen. In der Zone liegen auch die Großstädte Düsseldorf, Köln und Bonn. Radioaktives Jod zerfällt relativ schnell innerhalb von acht Tagen. Andere freigesetzte Stoffe entfalten ihre schädliche Wirkung Jahrzehnte lang. Vor allem Caesium lagert sich im Boden ab, kontaminiert so Pflanzen, Wasser und Nahrungsmittel und kann zudem bei Menschen schwere Krankheiten erzeugen - unter anderem Leukämie.

Je nach Wetter: Evakuierung von Aachen

Wie schwer Deutschland von einem Super-Gau in Tihange betroffen wäre, hängt zu einem Großteil davon ab, wohin der Wind die radioaktive Wolke treibt. Wer die Region kennt, weiß aber: Hier herrscht meistens Westwind. Das bedeutet: Eine radioaktive Wolke aus Tihange würde aller Voraussicht nach Richtung Deutschland treiben. Laut einer Studie des Wiener Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften (ISR) aus dem Jahr 2016 ist die Wahrscheinlichkeit einer hochdosierten radioaktiven Belastung von Aachen und Umgebung nach einem Unfall im Reaktor Tihange-2 weit höher als beispielsweise eine Verseuchung des belgischen Küstengebiets, das vermutlich kaum bis gar nicht betroffen sein würde. Die Ergebnisse der Studie lassen befürchten, dass bei den üblichen Wetterbedingungen im belgisch-deutsch-niederländischen Grenzgebiet Aachen so stark von Radioaktivität getroffen würde wie Orte in der unbewohnbaren 20-Kilometer-Zone rund um Fukushima. Heißt also: Kommt es zum Gau, ist es wahrscheinlich, dass Aachen total evakuiert werden muss und für lange Zeit eine Geisterstadt bleibt. Dass es im Fall einer Katastrophe so kommt, beziffert die IRS mit einer Wahrscheinlichkeit von über 30 Prozent (zum Vergleich: Dass die belgische Küste getroffen würde, ist danach nur zu einem Prozent wahrscheinlich). 


Weitere deutsche Städte wahrscheinlich betroffen

Von einem Gau in Tihange wären rund 25 Millionen Menschen betroffen. Ein ähnliches Schicksal wie Aachen würden beim anzunehmenden West-Südwest-Wind laut ISR-Studie ganz sicher die Städte Lüttich (Belgien) und Maastricht (Niederlande) erleiden. Von der Wolke getroffen würden zudem Düsseldorf und Köln (20 Prozent und mehr Wahrscheinlichkeit), Dortmund (10 Prozent und mehr), Frankfurt am Main (acht Prozent und mehr) und so weiter. Eine radioaktive Wolke würde laut Studie in nordöstliche Richtung abziehen - das hat die "Aachener Zeitung" auf Grundlage der IRS-Erkenntnisse anschaulich gemacht. Das bedeutet: Ein Atomunfall in Tihange würde das halbe Land in einen Ausnahmezustand versetzen - zumal alle drei betroffenen Länder nach Ansicht des Niederländischen Forschungsrates für Sicherheit OVV nach einem Bericht der belgischen Zeitung "De Tijd" nicht gut vorbereit sind und die Katastrophenpläne schlecht aufeinander abgestimmt seien.

Wie wahrscheinlich ist Katastrophenfall in Tihange?

Die Akw Tihange und Doel werden schon seit geraumer Zeit wenig schmeichelhaft als "belgische Bröckelreaktoren" bezeichnet. Entsprechend groß ist die Sorge vor einem ernsten Zwischenfall - wie beschrieben auch entlang der deutschen Grenze. Was Tihange angeht, ist das offenbar alles andere als unbegründet. Seit Längerem bekannt ist, dass in einem der Druckbehälter Risse entdeckt wurden - und zwar nicht einige, sondern Tausende. Betreiber und belgische Atombehörde halten dies für unbedenklich, da die Risse von Anfang an in dem Stahlmantel gewesen seien. Anti-Atom-Aktivisten und kritische Wissenschaftler halten dagegen eine Untersuchung des Stahlmantels für nötig, um Gefahren auszuschließen. Da sich in der Druckkammer die radioaktiven Stäbe befinden, ist dies nicht möglich, und so gilt der rissige Mantel den Tihange-Gegnern als unkalkulierbares Risiko. Sie fordern daher, Tihange umgehend abzuschalten. Jüngste Berichte, dass es in der Anlage in den vergangenen Jahren vermehrt zu Ereignissen gekommen ist, die als Vorboten einer Katastrophe gewertet werden können, stützen diese Forderung. Sollten die Risse größer werden, könnte der Mantel irgendwann brechen, das Kühlwasser auslaufen, die Brennstäbe überhitzen. Dann würde es zu einer Kettenreaktion mit Explosionen und einer Kernschmelze kommen - das wäre ein Gau wie in Fukushima.


Der belgische Innenminister bleibt dabei, dass es keine akute Gefahr gebe, dass es zu einer solchen Katastrophe komme. Nicht nur Aktivisten und ängstliche Bürger, sondern auch die deutschen Behörden gehen dagegen von einer realen Bedrohung aus, was unter anderem die Ausgabe von Jodtabletten im Raum Aachen zeigt, die von der NRW-Landesregierung mitfinanziert wurde. Die Regierung in Düsseldorf fordert von Belgien immer wieder, Tihange aus Sicherheitsgründen abzuschalten - erst kürzlich wieder während eines Belgien-Besuchs von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) - ohne Erfolg. Letztlich, so sowohl die Bundes- wie die Landesregierung, könne man das Nachbarland aber nicht zum Einlenken zwingen. Belgien beteuert zwar, aus der Atomenergie aussteigen zu wollen, die besonders umstrittenen Reaktoren Tihange-2 und Doel-3 sollen aber bis 2022/23 am Netz bleiben. "Ach gut", meint eine Twitter-Userin sarkastisch, dann sind es ja nur noch 4 bis 5 Jahre, in denen ein Atomunfall passieren kann."