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Tod eines Messies: Als Bruno starb, waren seine Briefmarken bei ihm

Ein Rentner stirbt in seiner Wohnung in Moers, völlig verwahrlost. Doch der Mann war reich. Er hatte Briefmarken gesammelt. Sehr viele, sehr seltene Briefmarken. Und einige wussten das auch. Der stern erzählt seine Geschichte.

Briefmarkenalben von Bruno

Australien und Argentinien, die DDR und Französisch-Antarktis - Briefmarken waren Bruno Krömers Leidenschaft. China hatte er vollständig.

Am Ende seines Lebens fühlte Bruno Krömer sich verfolgt. Er wollte ausziehen aus seiner Wohnung in dem Bergmannshaus in Moers bei Duisburg. Krömer ärgerte sich über seinen Vermieter, den Immobilienkonzern Vivawest. Es ging wohl um Sanierungskosten. Er verweigerte schließlich den Kontakt.

Vergangenen Dezember verschafften sich zwei Mitarbeiter der Vivawest Zugang. Damit hatte der 75-Jährige nicht gerechnet. Die Wohnung war längst nicht mehr vorzeigbar. Sie war die Wohnung eines Messies.

Bei Krömer löste das Eindringen der Vivawest Stress aus, in einem Maße, dem er nicht standhielt. Er starb im Beisein der Mitarbeiter.

Die Vivawest macht keine Angaben zu ihrem jahrzehntelangen Mieter. Das Unternehmen, das 120.000 Wohnungen vermietet, ist nicht scharf darauf vorzukommen in dieser Geschichte, die von einem tragischen Tod handelt und von gelebter Leidenschaft, aber auch vom Ausnutzen eines alten Menschen.

Eine Sammlung, einzigartig in Deutschland

Bruno Krömer hinterließ niemanden. Doch sein Tod blieb nicht unbemerkt. Einige wurden bald darauf aktiv. Sie interessieren sich für den Nachlass des Mannes, der ärmlich wirkte, tatsächlich aber Silber- und Goldmünzen besaß und vor allem: Briefmarken. "Eine Sammlung, wie sie in Deutschland wohl keine andere Einzelperson hat", sagt der Duisburger Briefmarkenhändler Rudi Stark, der Krömer gut kannte.

Briefmarken haben in den letzten Jahren an Wert verloren. Bruno Krömers Kollektion geht ersten Schätzungen zufolge trotzdem weit in den fünfstelligen Bereich. Der Rentner lebte zuletzt verkommen. Zugleich war er reich.

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Die Männer legen Atemschutzmasken an

Ein Morgen im März, das Auktionshaus Felzmann aus Düsseldorf hat drei Lieferwagen nach Moers geschickt. Ein Nachlasspfleger, beauftragt vom Amtsgericht Moers, hat das organisiert. Die Mitarbeiter tragen festes Schuhwerk und legen sich weiße Atemschutzmasken an. Einer steckt Umzugskartons zusammen. 19 Kisten sind bereits abgeholt, ein Viertel der Sammlung. Heute wollen sie den Rest der Marken bergen. Doch es sind zu viele.

Schon hinter der Eingangstür türmen sich Kartons mit so genannter Kiloware, lose Briefmarken, teils auf Papier geklebt. Rechts geht es ins Wohnzimmer. Hier waren sie schon beim letzten Mal, aber es sieht immer noch wüst aus. Vom Boden wachsen Stapel aus Alben, Ordnern und kleinen Kisten in die Höhe, eng aneinander, sich gegenseitig stützend. Das Fenster ist kaum zu erreichen, das Sofa bedeckt bis auf ein Eckchen. Einzig die Wände sind frei, ab Schulterhöhe. Krömer hat nur einen Jesus aufgehängt. Eine fingerdicke Staubschicht bedeckt die Dornenkrone.

Im Keller Konserven, mindestens 15 Jahre alt

Im Keller finden sich Hinweise auf ein Leben jenseits von Briefmarken, es scheint allerdings schon etwas länger her zu sein. Fahrradskelette, ein Sekretär mit Kugelschreibern, Radiergummis und fünf Schweizer Taschenmessern, ein Buch, Günter Ogger, Nieten in Nadelstreifen, Deutschlands Manager im Zwielicht, 1992. Daneben im Stahlregal "Junge Bohnen ganz eingelegt" und "Junge Erbsen sehr fein". Auf den Konserven kleben Preisschilder, 1,45 D-Mark.

Ansonsten, unter der steilen Stiege und in den beiden Kellerräumen, wild verteilt über den Betonboden: Briefmarkenalben.

Im Obergeschoss sieht es ähnlich aus, kaum ein Durchkommen im Schlafzimmer. Das Lattenrost ist hochgestellt, im Bettgestell quetschen sich Kartons mit Alben, dazwischen, darunter, darauf: ungewaschene Klamotten.

Der Schmutz fraß sich ins Bad

Bruno Krömer hauste am Ende seines Lebens. Der Schmutz hat sich ins Bad gefressen. Die Küche ist zugestellt und weitgehend ungenutzt, die Waschmaschine eingerostet. Einen Mülleimer, sagt eine Nachbarin, habe er nicht mehr rausgestellt.

Krömer hat mit seinen Marken gelebt, mit hunderttausenden, die meisten eingeordnet nach Ländern und Jahrgängen. Er sammelte Australien und Argentinien, die DDR und Island, Französisch-Antarktis, Hongkong. Sehr viel Japan und auch China.

Die Deutschland-Marken wecken Kindheitserinnerungen, wenn man selbst mal gesammelt hat, der Posthorn-Satz aus den 1950er Jahren, die Serie Burgen und Schlösser, das Notopfer Berlin. Viel Zeitgeschichte steckt in den Alben, Hitler, Stalin, Lenin. Ulbricht, Tito. Kennedy.

In Kartons schlummern unerzählte Geschichten

Ein dicker Stapel Briefumschläge kündet von Geschichten, die wohl niemals erzählt werden. Erich Münchenberg zum Beispiel, er schreibt nach dem Zweiten Weltkrieg aus Santiago de Chile an die Firma Henschel&Sohn, Kassel, US-Zone. Erich Mühlenberg hatte Deutschland im Dezember 1921 verlassen, per Schiff  aus Bremen. 1933 wollte er offenbar kurz zurückkehren. Im Bundesarchiv in Koblenz liegt im Bestand "Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, Abteilung Musik (M)" ein Vermerk: "Erich Münchenberg, Bericht über eine Südamerikareise, Verbreitung deutschen Liedguts." Das Ministerium sollte ihm eine Genehmigung erteilen.

Bruno Krömer

Bruno Krömer wurde 75 Jahre alt. Am Ende seines Lebens fühlte er sich verfolgt.

Was dieser Erich Münchenberg nach dem Zweiten Weltkrieg von der Rüstungsfabrik in Kassel wollte, hat Bruno Krömer nicht erfahren. Das Schreiben ist weg, Krömer ging es ohnehin um den Umschlag. Die Briefmarke, 2,50 Pesos, zeigt die "Antártica chilena".

"Sammler sind glückliche Menschen", sagt im Vorgarten der Philatelist Axel Möller vom Auktionshaus Felzmann, "sie leben mit dem, was sie lieben und was sie fasziniert." Bruno Krömer muss seine Liebe ziemlich exzessiv gelebt haben.

"Sein Äußeres war ihm total egal"

Der Vater starb 1945, seine Schwester schon als Kind, seine Mutter lebte mit ihm im Bergmannshaus bis zu ihrem Tod 1987. Sie stammte aus Hirschberg in Niederschlesien. Vielleicht dort wird der Nachlasspfleger Krömers Erben aufspüren. Menschen, deren Vorfahren mit Krömers Urgroßeltern verwandt waren. Die nichts wissen von einem alten Mann am Rhein und dann trotzdem erhalten, was dessen Besitz einbrachte.

Krömer arbeitete sein Leben lang in Moers. Er war Buchhalter im Treibstoffwerk neben der Zeche Rheinpreußen, das später der Deutschen Erdöl-AG und dann der Texaco gehörte. Er verdiente gut.

2500 Euro betrug seine Rente, davon konnte Krömer mehr als gut leben. In die Wohnung im Bergmannshaus investierte er nichts, in Kleider auch nicht. "Sein Äußeres war ihm total egal", sagt Bruno Bretzke vom Briefmarken- und Münzsammlerverein Kamp Linfort. Bretzke kannte Krömer, alle paar Wochen schaute er mal vorbei. "Über Erscheinungsbild und Geruch habe ich hinweg gesehen", sagt er.

Mittagessen im Lehrlingsheim

Sein Auto hatte Krömer abgemeldet. Auf Tauschbörsen nahmen ihn Sammlerkollegen mit, manchmal fuhr er auch mit dem Rad, dutzende Kilometer, die Alben auf dem Gepäckträger. Er war körperlich fit, bis zuletzt.

Ein Sammler, der massenhaft zukaufte. Die Sammlung Deutsches Reich hatte er von 1923 bis 1945 komplett, eine fünfstellige Summe hätten ihm allein schon die "Blöcke 1 bis 3" mit Wasserzeichen gebracht. Am meisten Geld hätte Krömer aber wohl für seine vollständige China-Sammlung bekommen.

Bruno Krömer konnte es sich leisten, nichts zu verkaufen. Er musste ja nur die Wohnungsmiete zahlen und täglich ein preiswertes Mittagsgericht in einem Lehrlingsheim. Später sah man ihn nur noch beim Bäcker.

Die Hälfte der Rente schnappte sich eine "Betreuerin"

Eine Frau aus Moers, berichten Bekannte, habe sich um ihn gekümmert. Dem stern gegenüber wollte sich die Frau nicht äußern. Dass Bruno Krömer in den letzten Monaten seines Lebens verwahrloste, verhinderte sie nicht. Er trug immer dieselbe blaue Jogginghose und wohl auch die selbe Unterwäsche.

Bruno Krömers Keller

In Krömers Keller finden sich Hinweise auf ein Leben jenseits von Briefmarken, es scheint allerdings schon etwas länger her zu sein


Die Dame kassierte allerdings kräftig bei Krömer ab. Mindestens fünf Jahre lang flossen Monat um Monat 1250 Euro an sie, die Hälfte von seiner Rente. Sie besaß auch Zugang zu Krömers Konto. Nach seinem Tod hob sie noch einmal einen vierstelligen Betrag ab. Als der Nachlasspfleger sie aufsuchte und darauf ansprach, rückte sie den Betrag wieder raus.

Einige behaupten, sie hätten ihm Briefmarken geliehen

Dem Nachlasspfleger ist auch aufgefallen, dass nach Krömers Tod irgendwann die Hintertür der Wohnung offen stand - als habe sich jemand Zugang verschafft. Später meldeten sich bei ihm verschiedene Personen. Sie behaupteten, Krömer Briefmarken ausgeliehen zu haben. Die wollten sie jetzt mal schnell zurückhaben.

Dazu passt, dass sich zwar Krömers Sammlerkollegen sicher sind, dass er die China-Sammlung komplett hatte. Der wertvolle Teil der China-Marken aber, die 60er und 70er Jahre, tauchten nicht auf in den Kartons, die das Auktionshaus Felzmann inzwischen ausgepackt hat.

Bei der Firma in Düsseldorf wird der Nachlass des Bruno Krömer irgendwann zu erstehen sein, die Münzen und die Marken, all das, was sein Leben bis zuletzt ausmachte. Oder zumindest das, was davon übrig blieb.