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Vereinte Nationen: Atombomben-Überwacher als Frühwarner?

Die verheerende Flutkatastrophe in Asien und das schwere Beben vor der Küste Sumatras haben eine bisher kaum bekannte UN-Behörde über Nacht in die Schlagzeilen gerückt: Die Atombomben-Überwacher bemerkten das Beben zuerst.

Denn im Datenzentrum der "Vorbereitungs-Kommission für die Organisation des umfassenden Testverbots für Nuklearwaffen" (englische Abkürzung CTBTO) liefen an jenem schicksalhaften 26. Dezember 2004 innerhalb kürzester Zeit wichtige Informationen auf, die nötig waren, um die Staaten Süd- und Südostasiens rechtzeitig zu warnen. Doch nichts geschah. Denn für einen Alarmfall ist die Behörde bisher nicht ausgerüstet. "Wir haben einen ganz anderen politischen Auftrag", erläutert CTBTO-Sprecherin Daniela Rozgonova: "Aber das könnte sich jetzt nach der Katastrophe ändern".

Daten lösten nirgends Alarm aus

Nur wenige Sekunden dauerte es nach dem Seebeben der Stärke 9.0 im Indischen Ozean, dann liefen in der Wiener Atom-Teststoppbehörde die Drähte heiß. 78 der weltweit bereits für die Organisation errichtetem 170 Überwachungsstationen hatten das Beben der Stärke 9.0 erfasst und sofort über Satellit in das Datenzentrum der UN-Behörde nach Wien gesendet. Doch das Zentrum war, wie an Wochenenden üblich, auch am 26. Dezember 2004 nicht besetzt. Stattdessen wurden die Tod verheißenden Daten automatisch an die angeschlossenen Erfassungsstellen der Mitgliedsländer übermittelt (in Deutschland ist dies das Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover). Doch auch hier lösten sie keinen Alarm aus.

Die Wiener Behörde zur Überwachung des 1996 beschlossenen "Umfassenden Nuklearen Teststopp-Abkommens", die von dem deutschen Diplomaten Wolfgang Hoffmann geleitet wird, hat in den vergangenen Jahren ein weltweites Netzwerk aufgebaut, das mit seinen Überwachungsstationen heimliche unterirdische Atomtests aufspüren soll. Mit wenigen hundert festen Mitarbeitern in Wien und den von Mitgliedsländern entsandten Geologen und anderen Experten verfügt die Organisation bereits heute über ein System, dem selbst kleinere Explosionen in entlegenen Winkeln der Erde nicht mehr entgehen.

Atom-Überwachung bisher "Trockentraining"

Doch die CTBTO ist nach wie vor eine "Organisation auf Abruf". Ihre Arbeit gleiche, so Daniela Rozgonova, "bisher einem Trockentraining". Zwar haben bereits 174 Länder das Teststopp- Abkommen unterzeichnet, und 120 haben es ratifiziert. Doch in Kraft treten kann es erst, wenn es auch alle 44 so genannten Gründungsstaaten ratifiziert haben. Zu den elf Ländern, die sich bisher verweigern, gehören jedoch ausgerechnet die Atommächte USA, Indien, Pakistan und China sowie Israel. Bis auf weiteres werden in Wien deshalb zwar weiterhin alle größeren Erschütterungen auf dem Planeten Erde gemessen, doch werden die Daten nach ihrer Analyse kommentarlos an die Mitgliedsländer weitergegeben. Weitere Befugnisse hat die Behörde (noch) nicht.

Nach der Flutkatastrophe in Asien haben die CTBTO-Mitarbeiter allerdings Hoffnung, dass ihr Know-how und die in Wien vorhandenen Daten wenigstens künftig in ein internationales Frühwarnsystem eingebunden werden. "Das Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden", meint Sprecherin Rozgonova. "Technisch gesehen müssten wir einen Teil unserer Software und auch der Hardware ändern. Auch müsste das Personal aufgestockt werden." Das alles, so hört man in der Wiener Behörde, sei "jedoch eine Frage des politischen Willens". Immerhin habe man auf diplomatischer Ebene bereits seit zwei Jahren über die Nutzung der CTBTO für ein Frühwarnsystem gesprochen. Nach der Flutkatastrophe habe sich "die Diskussion allerdings dynamisiert".

Christian Fürst/DPA / DPA