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Viele Tote befürchtet: Erdbeben verwüstet Hauptstadt von Haiti

Chaos und Tod auf Haiti: Mehrere Erdbeben haben die Karibik-Insel erschüttert und weite Teile der Hauptstadt Port-au-Prince zerstört. Es werden Hunderte, wenn nicht gar Tausende Tote befürchtet.

Das schwerste Erdbeben seit mehr als 200 Jahren in Haiti hat weite Teile der Hauptstadt Port-au-Prince verwüstet und Zehntausende Bewohner obdachlos gemacht. Noch ist völlig unklar, wie viele Tote sich unter den Trümmern befinden. "Unsere Diplomaten vor Ort haben viele Leichen auf den Straßen und Gehwegen gesehen", sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Washington. Der Präsidentenpalast, das Hauptquartier der UN-Mission und zahlreiche weitere Gebäude wurden bei dem Beben der Stärke 7, dass sich kurz vor 23 Uhr MEZ ereignete, zerstört oder schwer beschädigt.

Wie ein Korrespondent aus einem Vorort der Hauptstadt berichtete, dauerte das Beben länger als eine Minute. Autos seien regelrecht in die Luft geflogen. Viele Einwohner seien in Panik auf die Straßen gerannt. Überall in der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt lagen blutüberströmte Menschen. Helfer versuchten, mit bloßen Händen, Verletzte aus den Trümmern zu bergen.

Auch der Koordinator der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti, Michael Kühn, befürchtet eine große Zahl von Todesopfern. "Ich kann mir vorstellen, dass die Zahl der Opfer in die Tausende gehen wird." Die Menschen wären schreiend und betend durch die Straßen gelaufen, überall lägen Tote und Verletzte. Viele von ihnen sind in Tränen aufgelöst.

Hauptquartier der UN-Friedensmission schwer beschädigt

"Es scheint klar, dass es zahlreiche Tote gibt", sagte US-Außenamtssprecher Philip Crowley in Washington. Die Sprecherin einer katholischen US-Hilfsorganisation berichtete nach einem Telefonat mit einem Mitarbeiter in Port-au-Prince, dieser befürchte "Tausende Tote". In der Hauptstadt Haitis sei Chaos ausgebrochen. Laut einem Bericht eines im Internet übertragenen haitianischen Fernsehsenders stürzten der Präsidentenpalast und viele andere Gebäude ein. Präsident René Préval habe das Beben nach Angaben der haitianischen Botschaft in Mexiko jedoch überlebt. Unter anderem seien mehrere Ministerien, das Parlament und Schulen beschädigt worden. An mehreren Stellen brach Feuer aus - vermutlich weil Gasleitungen geplatzt waren.

Auch das Hauptquartier der 9000 Mann starken UN-Friedensmission in Haiti war betroffen. Das Hauptquartier in Port-au-Prince sei schwer beschädigt, sagte ein UN-Sprecher in New York. Zahlreiche Mitarbeiter würden derzeit vermisst, auch der Chef, der Tunesier Hedi Annabi. Genauere Angaben lägen noch nicht vor, weil die Kommunikation mit Port-au-Prince sehr schwierig sei. Aus anderen Landesteilen gab es gar keine Informationen, alle Kommunikationswege waren abgeschnitten. Bei dem Einsturz des Luxushotels Montana konnten sich etwa 100 Menschen in Sicherheit bringen. "Wir gehen davon aus, dass es dort auch etwa 200 Tote gibt", sagte der französische Entwicklungsminister Alain Joyandet dem Sender France 2.

"Der Himmel ist voller Staub"

Vor allem in den Slums seien viele Hütten und Behausungen eingestürzt. Außerdem seien in der Geschäftsstraße Delmas viele Gebäude zusammengebrochen. Wie eine Überlebende berichtete, lag über der haitianischen Hauptstadt nach den Erdstößen eine riesige Staubwolke. "Es ist schrecklich", schrieb sie in einer E-Mail. "Ich glaube, es gibt viele Tote."

In der Nähe der Ortschaft Petionville stürzte ein Krankenhaus ein. Auch andere Gebäude wurden beschädigt. Ein US-Regierungsbeamter berichtete, mehrere Häuser seien in eine Schlucht gestürzt. "Sie ist voller eingestürzter Mauern, Trümmer und Stacheldraht", sagte Henry Bahn vom US-Landwirtschaftsministerium. "Der Himmel ist voller Staub und ganz grau."

Der Sprecher einer Privatuniversität berichtete im Radio, unter den Trümmern des Gebäudes seien zahlreiche Studenten begraben. Der französische Entwicklungsstaatssekretär Alain Joyandet teilte in Paris mit, unter den Schuttbergen eines großen Hotels in Port-au-Prince seien vermutlich 200 Menschen eingeschlossen.

Obama kündigt US-Hilfe an

Haitis Botschafter in Washington, Raymond Alcide Joseph, sagte dem Fernsehsender CNN: "Ich befürchte, es ist eine große Katastrophe." Hunderte, vielleicht sogar Tausende Menschen seien unter den Trümmern begraben, sagte ein Mitarbeiter der US-Hilfsorganisation Food for the Poor. "Die ganze Stadt liegt im Dunkeln", so Rachmani Domersant. "Tausende Menschen sitzen auf der Straße und wissen nicht wohin."

US-Präsident Barack Obama erklärte in Washington, die USA ständen bereit, Hilfe zu leisten. "Meine Gedanken und Gebete sind bei denen, die von dem Erdbeben betroffen sind", sagte Obama. Die US-Regierung verfolge die Situation genau und stehe bereit, "dem Volk von Haiti zu helfen". Noch am Abend schickten die USA erste Rettungsmannschaften mit Spürhunden los. Auch sollten umgehend 48 Tonnen Hilfsmaterial in den Karibikstaat gebracht werden. Auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle sicherte Hilfe zu, ebenso wie Kanada, Frankreich und mehrere Länder Lateinamerikas. Die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) gab ihrerseits 200.000 Dollar (140.000 Euro) Soforthilfe für Wasser, Lebensmittel und Medikamente frei.

Auf rasche Hilfe der eigenen Behörden können die Menschen in Haiti einer Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) zufolge nach dem Beben nicht hoffen. "Es gibt keine medizinische Versorgung für die Bevölkerung, und die wird es jetzt natürlich auch nicht geben", sagte Svenja Koch. Zudem gebe es keinerlei Katastrophenvorsorge, die Menschen seien auf sich gestellt.

In Port-au-Prince zögen sich die Elendsviertel die Hügel hoch, zudem gebe es am Meer große auf Müll gebaute Slumgebiete. Sie seien besonders anfällig für Erdbeben. Allerdings sei von Vorteil, dass die Hütten dort nicht massiv seien. "Es gibt nicht so viele feste und große Gebäude, vielleicht ist das für die Leute ein Glück."

Auf Hauptbeben folgten weitere schwere Nachbeben

Das Epizentrum befand sich 16 Kilometer westlich von Port-au-Prince in zehn Kilometer Tiefe. Nach dem Hauptbeben wurde Haiti laut US-Erdbebenzentrum von drei weiteren heftigen Erdstößen der Stärke 5,9, 5,5 und 5,1 sowie weiteren kleineren Nachbeben erschüttert. Auch in der benachbarten Dominikanischen Republik bebte die Erde, es gab nach Behördenangaben aber keine Schäden. Ausläufer waren nach Angaben der US-Armee selbst im 300 Kilometer entfernten Lager Guantanamo auf Kuba zu spüren.

Das US-Tsunami-Zentrum löste zunächst Alarm für fast alle Karibikstaaten aus, besonders für Haiti, Kuba, die Bahamas und die Dominikanische Republik. Diese Warnungen wurden später wieder zurückgenommen.

Haiti, ohnehin das ärmste Land Lateinamerikas, hatte in der Vergangenheit mehrfach mit schweren Naturkatastrophen zu kämpfen. Erst 2008 waren beim Durchzug von vier heftigen Stürmen fast 800 Menschen gestorben.

AFP/DPA/APN/Reuters / DPA / Reuters