Der gestrandete Buckelwal liegt noch immer in der Kuhle vor der Insel Poel. Diese wurde geschaffen, weil das Tier aufgrund des niedrigen Wasserstandes der vergangenen Tage von seinem eigenen Gewicht erdrückt zu werden drohte.
In eine Art stählernes Aquarium gesperrt, soll der Wal bis in die Nordsee oder gar bis in den Atlantik geschleppt werden. Dieses neue Konzept der privaten Initiative für einen Transport des Tiers werde laut Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) geduldet – die Verantwortung liege weiterhin bei der Initiative. Nach Eindruck der beteiligten Kleintierärztinnen sei das Tier transportfähig.
Wal liegt in Seitenbucht bei Poel fest
Das von Fachleuten bereits aufgegebene und mutmaßlich schwerkranke Tier war seit Anfang März vor der Ostseeküste umhergeirrt und dabei wiederholt gestrandet. Seit dem 31. März liegt es in einer Seitenbucht bei Poel vor Wismar fest.
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Zum Sterben im niedrigen Gewässer?
Der laut Umweltminister Backhaus rund vier bis sechs Jahre alte Walbulle war Anfang März erstmals in der Ostsee gesehen worden: Am 3. März tauchte er im Hafen von Wismar auf; später saß er weiter westlich vor Timmendorfer Strand (Schleswig-Holstein) fest. In den mehr als 50 Tagen seither lag er zu deutlich mehr als der Hälfte der Zeit in Flachwasserzonen.
Experten vermuten, dass er sie gezielt immer wieder aufgesucht haben könnte, weil er schwer erkrankt Ruhe suchte.
Wie schon beim kurzzeitigen Losschwimmen des Tieres am Montag gab es am Sonntag steigende Wasserstände. Diesmal reichte womöglich die Kraft nicht mehr: Der Wal blieb jedenfalls zunächst liegen.
„Es ist durchaus denkbar, dass sich der Wal zum Ausruhen oder sogar zum Sterben in das niedrige Gewässer begeben hat“Experten der Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation
„Kakophonie aus wechselnden vermeintlichen Experten”
Greenpeace-Experte Thilo Maack erklärt: „Keinem Wildtier an Land, wie zum Beispiel einem sterbenden Wolf, Hirsch oder Wildschwein, würde man ein solches ans Würdelose grenzende Gezerre zumuten.“ Minister Backhaus hatte in den letzten Tagen immer wieder stark vermenschlichende Sätze hören lassen, am Freitag zum Beispiel: „Wenn man bei ihm ist und er Vertrauen zu fassen scheint, hebt er den Kopf.“
„Keinem Wildtier an Land, wie zum Beispiel einem sterbenden Wolf, Hirsch oder Wildschwein, würde man ein solches ans Würdelose grenzende Gezerre zumuten“Greenpeace-Experte Thilo Maack
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Warten auf Ankunft von Spezialschiff: Waldrama vor Ostseeinsel Poel geht weiter
Der Schiffsverband mit dem Spezialschiff sei nur relativ langsam. Er müsse zunächst aber durch den Nord-Ostsee-Kanal und werde in Kiel von einem Schlepper erwartet, der ihn nach Wismar bringe. Dort müssen laut Initiative noch einige vorbereitende Arbeiten an der sogenannten Barge stattfinden. Der eigentliche Waltransport könnte den bisherigen Planungen zufolge dann womöglich am Dienstag oder Mittwoch starten.
Gutgemeintes kann das Tier zusätzlich quälen
Die augenscheinliche Ruhe des Buckelwals könne in die Irre führen. „Es gibt Daten, die belegen, dass manche Wale die Lautstärke und Häufigkeit ihrer Laute erhöhen, wenn sie unter Stress stehen und menschengemachtem Lärm ausgesetzt sind, während andere Wale unter ähnlichen Umständen möglicherweise ganz aufhören zu kommunizieren“, heißt es von WDC.
Ähnliches gelte für die Bewegungen: Manche Wale äußerten ihren Stress durch Flossenschläge, andere verfielen in eine Art sogenannte Myopathie, bei der die Muskeln sich verkrampfen und das Individuum als Reaktion auf Stress eher ruhig wird. Die konkrete Situation des Wals vor Poel einzustufen, sei aus der Ferne nur bedingt möglich. Die WDC habe keine Einblicke in die Gespräche oder Konzepte vor Ort.
„Wir raten (...) immer dazu, so viel Abstand wie möglich zu halten und das Individuum aus der Ferne zu begutachten, und würden nicht empfehlen, dass Menschen zur Gesellschaft oder zum Trost bleiben – auch wenn dies gut gemeint ist, kann es den Wal zusätzlich belasten“Experten der Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation
Ruhig wirkender Wal im Trubel: Doch was fühlt er wirklich?
Auch am Sonntag lässt er sich erneut zum geschwächten Walbullen bringen, fasst ihn sogar an. Der Wal scheint das gelassen und ruhig hinzunehmen – doch stimmt dieser Eindruck?
Auch die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) betonte, dass Kontakt zu Menschen für Wildtiere immer Stress bedeute. Bei Rettungseinsätzen in Nordamerika hätten nach WDC-Erfahrung alle Meeressäuger Anzeichen von Angst gezeigt, wenn man sich ihnen näherte.
Bei Robben zeige sich dies durch Gähnen und das Schlagen mit den Vorderflossen. Bei Großwalen sei das Stresserleben häufig nicht direkt offensichtlich. „Dazu können eine erhöhte Herzfrequenz, Atemfrequenz und andere physiologische Stresssymptome gehören, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sein können.“
„Die Möglichkeit der Flucht hat der Buckelwal in seiner jetzigen Lage nicht, was die Situation für ihn noch dramatischer macht“Experten des Deutschen Meeresmuseums
Totgesagte leben länger
Seit etwa eineinhalb Wochen dulden die Behörden jedoch einen weiteren Rettungsversuch für das weiterhin lebende Tier durch die Initiative, die unter anderem mehrere Walexperten aus den USA und Norwegen einflog.
Nach Angaben der Initiative könnte der eigentliche Transport mit dem Spezialschiff möglicherweise am Dienstag oder Mittwoch starten. Der derzeit in einem sehr flachen Bereich im Bereich einer Landzunge gestrandete Wal soll darin wie in einem Becken transportiert werden.
Hautverletzungen des Wals heilen
Er sei ein „Patient“, werde jedoch „nicht von heute auf morgen sterben“. Anhaltende Kritik an den Rettungsversuchen unter anderem von externen Fachleuten weist der Minister erneut zurück.
Angedacht ist, das Tier in das Schiff zu ziehen, sofern der Wal nicht selbst aufschwimmt. Am Sonntag herrscht in der Bucht bei Poel erneut Hochwasser, was das Tier vor einigen Tagen schon einmal zu einem Freischwimmversuch genutzt hatte. Zunächst lag es aber ruhig.
Das Schiff müsse dann noch vorbereitet werden, Konzept und Zeitplan stünden. Das Tier sei laut Expertenauskunft "transportfähig".
„Wal ist nicht beschossen worden“ – trotzdem wird es heute blutig
Tönnies beschreibt zunächst das gute Verhältnis zwischen dem Retterteam und den Verantwortlichen im Ministerium. „Wir werden hier noch best friends“, so ihre Zusammenfassung. Da in der Vergangenheit durchaus nicht immer Einigkeit zwischen den Parteien herrschte, scheint das erwähnenswert.
Heute Nachmittag wird dem Wal Blut abgenommen. Damit wwerde gecheckt, ob alle Vitalwerte für den geplanten Transport ok sind. Falls etwas fehle, bekomme das Tier, laut Tönnies, Nahrungsergänzungsmittel. Die Entnahmestelle wird an der Finne des Wals sein. Das sei zwar nicht optimal – besser wäre es, dies an der Flunke zu tun –, doch für die blutabnehmende Person sei es so am ungefährlichsten, da dann keine unerwarteten gefährlichen Bewegungen des Wals erwartet würden.
Auch zu Gerüchten, die derzeit online kursieren, nimmt Tönnies Stellung. Die verbreiteten Absurditäten könne sie wegen der schieren Menge gar nicht alle kommentieren. Wichtig sei es ihr aber zu betonen: „Der Wal wurde nicht beschossen“, nicht gestern, nicht heute und auch nicht zuvor. Woher das Gerücht genau kam und warum sie genau diese offensichtliche Absurdität aufgriff, bleibt einstweilen unklar.
„Der Wal wurde nicht beschossen“Tierärztin Kirsten Tönnies
Schon wieder Verzögerung der „Mission“ Wal – eine unendliche Geschichte
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
am Walfahrtsort Kirchdorf (bitte entschuldigen Sie den lauen Gag) beginnt ein neuer Tag der Rettungsversuche. Wie immer das Wichtigste zuerst: Der Buckelwal lebt. Umweltminister Till Backhaus ist seit einiger Zeit vor Ort und checkt persönlich, wie die „Mission“, wie er sagt, vorangeht. Er freue sich über den gestiegenen Pegelstand, der gegen 12.00 Uhr seinen Peak erreichen soll.
Der Plan sieht vor, den zwölf Tonnen schweren Walbullen mit einer Art Lastkahn, einer sogenannten Barge, zu transportieren. Die an der Aktion beteiligte Kleintierärztin Kirsten Tönnies sagt, die Initiative gehe davon aus, dass der Transport des Wals mit dem Lastkahn zwischen Dienstag und Mittwoch starten könne.
Derzeit befindet sich die Barge noch nicht vor Poel. Ihre Ankunft verzögert sich also erneut. Nach Angaben von Felix Bohnsack, dem neuen technischen Leiter der privaten Initiative für einen Transport des Tiers, befand sie sich am Samstagabend noch in der Nähe von Hamburg. Sie soll heute in Poel ankommen und für den Transport umgebaut werden.
An der benötigten mehr als 100 Meter lange Rinne war bereits intensiv gebaggert worden. Sie soll weitgehend fertig sein, hieß es schon am Samstagmorgen aus dem Team. Der vier bis sechs Jahre alte Wal soll durch die Rinne auf den absenkbaren Kahn gelotst werden.
Sollte der Wal allein wieder losschwimmen oder aber kommende Woche nicht auf den Kahn wollen, soll ein bereits befestigter Tracker seine weitere Position zeigen.
Allerdings gibt es dabei ein gravierendes Problem: Der Tracker funktioniere nicht unter Wasser, erklärt Backhaus. Sollte der Wal also abtauchen oder ertrinkend auf den Grund sinken, wäre er wohl nicht mehr zu erfassen. An einer neuen Lösung werde gearbeitet, so der Minister.