Meinung
Bitte, lasst den Wal endlich sterben!

Wal auf Sandbank
Seit Montagabend liegt der Buckelwal auf einer Sandbank vor Niendorf an der Ostsee. Er wird immer schwächer, alle Rettungsversuche scheiterten 
© Susanne Hübner / Imago Images
Der vor Niendorf gestrandete Buckelwal kämpft weiter um sein Leben. Doch wir lassen ihn weiter sinnlos leiden, statt uns um die Wale zu kümmern, die wir noch retten könnten.

Ich erinnere mich noch sehr gut an den ersten toten Wal, den ich an einem Strand sah. Es war ein heißer Tag an der Ostsee, und der Kadaver stank im Wortsinn zum Himmel. Vermutlich schon seit ein paar Stunden lag der knapp zwei Meter lange Schweinswal im Sand. Möwen oder Krähen hatten ihm den Bauch aufgehackt und sich an seinen Innereien gütlich getan. Die Augen waren trüb und blickten ins Nichts. Äußere Verletzungen, die darauf hingedeutet hätten, woran der Miniwal – der mit den Delfinen verwandt ist – gestorben sein könnte, ließen sich für mich als Biologen nicht entdecken. 

Die übrigen Strandbesucher schenkten dem Meeressäuger kaum Beachtung. Lediglich vermieden sie es, in der Duftspur des Tieres zu liegen. Am nächsten Morgen war der Kadaver verschwunden. Ob er auf dem Untersuchungstisch eines Veterinärs gelandet war, der vielleicht seine Todesursache ermittelte, oder ob er direkt in der Tierkörperverwertung verschwand, war unklar. 

Warum ich Ihnen diese Geschichte erzähle? Wir messen mal wieder im Artenschutz mit zweierlei Maß. Das Leben eines kleinen Wals, der noch dazu in der Ostsee heimisch ist, lässt die meisten Menschen meist kalt. Das Schicksal des zehn Meter langen Buckelwals auf einer Sandbank vor Niendorf hingegen beschäftigt Medien und Bürger schon tagelang. Ist der Meeressäuger noch zu retten? Kann ihm ein kleiner Saugbagger eine Rinne in den Sand graben, die tief genug ist, um ihm den Weg zurück ins offene Meer zu ermöglichen? Kann man ihn mit einem Boot an einer Schleppleine vom Ufer wegziehen? Oder gar mit einem Schaufelbagger befreien?

Bislang lauten die Antworten auf all diese Fragen: nein!

Warum sollte dieses Mal gelingen, was zuletzt im Februar auf der dänischen Insel Fanø gescheitert ist? Dort sind gleich sechs Pottwale gestrandet und verendet. Denn Meeressäuger sind nur einmal nicht dafür gebaut, auf dem Strand zu liegen und dann wieder munter im Wasser zu schwimmen. Sie sind schlicht zu schwer. Ihr eigenes Körpergewicht lässt die inneren Organe versagen. Massenstrandungen in Australien oder an anderen Orten auf der Welt enden fast immer fatal.

Gestrandete Wale haben nur selten eine Überlebenschance

Die Ostsee ist für große Wale eine Todesfalle, aus der es meist kein Entrinnen gibt. Oft ereilt es Jungtiere, die noch unerfahren sind und leicht falsche Abzweigungen im Meer nehmen. Sind sie einmal über den Skagerrak in dem flachen Binnenmeer gelandet, finden sie zwar für einige Zeit Futter, aber der Weg zurück in die Nordsee ist kaum noch zu erreichen. Und selbst dort ist die Chance, wieder in den ausreichend tiefen Atlantik zu schwimmen, verschwindend gering. 

Darauf zu hoffen, dass der Buckelwal dauerhaft in der Ostsee leben könnte, wenn er denn befreit würde, dürfte ein Wunschtraum sein. Zum einen gibt es in dem stark überfischten Gewässer kaum genug Nahrung für einen solchen Riesen, zum anderen verlaufen im Baltischen Meer einige der weltweit am meisten frequentierten Schifffahrtsrouten. Zudem gibt es dort zahlreiche Pipelines, Kabel und Windenergieanlagen. Ganz zu schweigen von Hunderten Stell- und wohl noch viel mehr Geisternetzen, die einem Großsäuger den Weg versperren. Außerdem ist das Tier laut Experten inzwischen so geschwächt, dass es kaum eine Chance hat, sich wieder zu erholen.  

Ist es also sinnvoll, dem Überlebenskampf des Wals weiter zuzusehen? Wäre es nicht aus Sicht des Tierschutzes und der Menschlichkeit, ihm einen schnellen Tod zu wünschen? Nein, ich bin kein Tierfeind oder herzlos, aber wir sind dafür verantwortlich, dass Tiere nicht unnötig leiden. Auch dieser Wal nicht. 

Weltweit ist ein Viertel der rund 90 Wal-, Delfin- und Schweinswalarten bedroht, darunter auch die heimische Spezies. Wäre es nicht sinnvoller, den heimischen Ostsee-Wal besser zu schützen als bisher, auch wenn er so viel kleiner und unscheinbarer ist als ihr verirrter großer Verwandter? Damit diese Meeressäuger nicht länger in Netzen ertrinken oder vor lauter Schiffs- und Baulärm die Orientierung verlieren. Um dann tot an einem Badestrand zu landen. Es wird Zeit für die richtige Hilfe.

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