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Skurrile Zitate aus dem Alltag: Was man in der Straßenbahn so über Deutschland lernt

Skurril, skurriler, Alltag: Erkan Dörtoluk sitzt in der Bahn und hört mit, was die meist jungen Menschen bewegt. Die Realität habe die Satire längst überholt, sagt er.

Der Autor Erkan Dörtoluk posiert mit seinem Buch "Du hast mir das Kind gemacht nicht ich" in einer Straßenbahn

Der Autor Erkan Dörtoluk posiert mit seinem Buch "Du hast mir das Kind gemacht nicht ich" in einer Straßenbahn

"Die Merkel soll mal mit der Straßenbahn fahren, da weiß sie hinterher aber, was los ist in Deutschland" (Martina, 48). Erkan Dörtoluk fährt sehr viel Straßenbahn. Und damit nicht nur er weiß, was los ist in Deutschland, schickt er das, was er dabei zu hören bekommt, per Twitter ("rheinbahn_intim") an seine 30 000 "Follower". Auch Martinas Kommentar findet sich dort wieder.

Was sich alles ansammelt, wenn man dem Volk jahrelang sprichwörtlich "aufs Maul schaut", hat Dörtoluk jetzt in einem Buch zusammengetragen ("Du hast mir das Kind gemacht, nicht ich."). 224 Seiten voller Zitate aus mehr als fünf Jahren öffentlichem Nahverkehr.

Wenn Dörtoluk die Bahn besteigt, dann macht er es sich erst einmal gemütlich. Ein Auto besitzt der Social-Media-Experte nicht. Die Vornamen, denen er die Zitate zuschreibt, sind ausgedacht, das Alter ist geschätzt, die Sprüche echt: "Wenn du nicht sein Titelbild auf Facebook bist, dann liebt er dich nicht" (Lisa, 14) oder "Rede nicht, wenn dein Kopf leer ist" (Zahra, 19).

Erkan Dörtoluk immer wieder erstaunt

Wird es laut und spannend, zückt Dörtoluk sein Smartphone und twittert los. Dabei ist er selbst immer wieder erstaunt über das, was er alles mitbekommt: "Viele Leute wollen nichts von sich im Internet sehen. Aber in der Bahn, die nun einmal auch öffentlich ist, sprechen sie plötzlich über ihre Krankheiten und Straftaten."

Er selbst bezeichnet sich selbst eher als der Typ "guter Zuhörer". Besonders junge Mädchen seien wegen ihrer "glockenhellen, schneidenden Stimmen" kaum zu überhören, sagt er. Aus ihnen sprudeln Sätze wie "Ich will nicht dem Lukas seine erste Freundin sein. Der ist voll sensibel und braucht noch seine Mutter."

Oder Lisa (18): "Ich mach nur WhatsApp. In E-Mail sind mir zu viele Wörter." Aber auch mittlere Semester sind gut für Tweets: "Der Ralf ist nicht oberflächlich, der postet Delfine und tote Kinder auf Facebook." (Steffi, 33) Dörtoluk sagt: "Die Realität hat die Satire mittlerweile überholt."

Zitate "unter datenschutzrechtlichen Gesichtspunkten unbedenklich"

Der Twitterer aus Tarifzone A zerrt zwar die teils intimen Gesprächsfetzen in die Öffentlichkeit, er wahrt aber die Anonymität der Absender. So seien die Zitate "unter datenschutzrechtlichen Gesichtspunkten unbedenklich" erklärt Medienrechtler Prof. Thomas Hoeren von der Universität Münster. Tatsächliche Personennamen oder andere persönliche Angaben würden ja nicht genannt.

Es ist gleichzeitig eine Art Milieustudie, an der Dörtoluk arbeitet: Werden draußen die Villen prachtvoller, die Autos größer und die Bäume mehr, dann wechseln auch die Themen der Bahnfahrer.

Dann gehe es nicht mehr darum, "wo das letzte Geld für Wettscheine draufgeht und nichts mehr fürs Deo übrig bleibt", sondern um sogenannte "First-World-Problems". Aber Fortpflanzung, die sei überall ein Thema, egal in welchen Rheinbahn-Sphären er sich auch bewege. 

fin/Lena Binz / DPA
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