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Wiederaufbau: Zwischen Zelten und einer neuen Zukunft

Vor knapp einem Jahr wurden große Teile Südostasiens vom Tsunami heimgesucht. Der Wiederaufbau gewinnt an Schwung, ist jedoch angesichts der riesigen Ausmaße der Katastrophe noch nicht so weit wie erhofft.

Die Bilder von unvorstellbarer Zerstörung, Tod und Leid gingen um den Globus und versetzten die Welt in einen Schock. Ohne jede Vorwarnung hatte am 26. Dezember 2004 ein gewaltiges Seebeben vor der Küste Sumatras eine verheerende Flutwelle ausgelöst, die mit der Geschwindigkeit eines Düsenjets auf die Länder rund um den Indischen Ozean zuraste. Binnen Minuten zerstörte die entfesselte Naturgewalt hunderte Kilometer Küste und riss wohl mehr als 230.000 Menschen in den Tod. Der Katastrophe folgte beispiellose Anteilnahme und Hilfe. Vielerorts ist der Wiederaufbau ein Jahr nach der Killerwelle in Schwung gekommen, wenn auch angesichts der Dimension der Verwüstungen häufig langsamer als erhofft.

Wie etwa in Aceh an der Nordspitze Sumatras, der am schlimmsten getroffenen Region. Wohl rund 170.000 Menschen starben dort oder gelten zumindest offiziell noch als vermisst. Die Zeichen des Wiederaufbaus sind vor allem in der Provinzhauptstadt Banda Aceh unübersehbar; zwischen Häuserskeletten und blanken Fundamenten wachsen allmählich kleine Siedlungen. Doch ist der Weg noch lang, bis alle Betroffenen wieder ein Dach über dem Kopf haben. Auf 120.000 veranschlagt die indonesische Wiederaufbauagentur BRR die Zahl der nötigen Häuser. Anfang Dezember waren gerade 15.000 errichtet. Nach der Katastrophe und dem schweren Erdbeben auf der Insel Nias im März waren mehr als 540.000 Menschen obdachlos geworden; mehr als die Hälfte kam bei Gastfamilien unter. Wer weniger Glück hatte, musste mit Zelten oder eilig gebauten Holzbaracken vorlieb nehmen.

"Die Dinge beginnen, sich zu bewegen"

Die Zeltstädte in Sri Lanka, in denen noch im Sommer viele der Tsunami-Opfer wohnten, sind selten geworden - doch es gibt sie noch. Hilfsorganisationen standen nach dem Tsunami vor gigantischen Aufgaben. Rund 40.000 der nur 20 Millionen Einwohner des Landes kamen ums Leben, fast 80.000 Häuser wurden ganz oder teilweise zerstört. So stellen internationale Helfer dem Wiederaufbau trotz der Probleme ein befriedigendes Zeugnis aus. "Die Dinge beginnen, sich zu bewegen", sagt der Leiter von CARE International in Sri Lanka, Nick Osborne. "Wir haben gelernt, dass es einfach eine lange Zeit dauert."

Mit offiziell rund 5400 Toten - davon etwa die Hälfte ausländische Touristen - ist auch in Thailand die Bilanz schrecklich, doch ist das Ausmaß der Zerstörung weit geringer als in Indonesien oder Sri Lanka. Oft wird die Arbeit von Regierung, einem Heer Freiwilliger aus aller Welt und der Hilfsorganisationen mit Lob bedacht. Schon im Oktober waren nach Schätzungen des UN-Entwicklungsprogramms UNDP knapp zwei Drittel der etwa 5000 zerstörten Häuser durch neue ersetzt worden. Bangkok half den Betroffenen mit Zuschüssen und der so wichtigen Tourismusindustrie, die gerade in der schwer getroffenen Gegend um Khao Lak kometenhafte Zuwächse hatte, mit billigen Krediten. Und wie es scheint, kehren die Urlauber in den Südwesten Thailands zurück. Die Branche hofft, dass sich 2006 alles normalisiert hat.

Gemeinschaften müssen wieder aufgebaut werden

Häufig sahen und sehen sich die Helfer auch damit konfrontiert, dass viele Spender schnelle Resultate sehen wollen. "Es gibt viel Druck auf Organisationen, die Hilfsgelder auszugeben", sagt Osborne von CARE in Sri Lanka. Dabei müsse die Hilfe langfristig angelegt sein. "Es geht nicht nur darum, Häuser zu errichten, sondern Gemeinschaften wieder aufzubauen." Das aber werde Jahre dauern.

Eine Botschaft, die auch in Aceh häufig zu hören ist, wo die Killerflut etwa ein Drittel der Provinzhauptstadt Banda Aceh ausradierte und zahlreiche Dörfer von der Landkarte verschwinden ließ. Viele Grundbesitzer sind tot oder vermisst, vor dem Wiederaufbau müssen oft komplizierte Landrechtsfragen geklärt werden, bevor es zum Spatenstich kommt und die Menschen endlich Zelte und Baracken hinter sich lassen können. Zugleich geht es im Norden Sumatras darum, der überlebenswichtigen Fischereiindustrie neues Leben einzuhauchen. "Das ist kein Sprint, das ist ein Marathon", betonen auch dort nicht wenige Helfer.

Internationale Organisationen halten die großzügige Katastrophenhilfe der Weltgemeinschaft in Sri Lanka trotz aller Schwierigkeiten unterdessen für "gut angelegt". Osborne glaubt gar, der Wiederaufbau biete eine "goldene Möglichkeit" für das teilweise bitter arme Land. "Seit dem Tsunami ist erst ein Jahr vergangen", sagt er. "Ich hoffe, nach drei bis vier weiteren Jahren geht es den Menschen hier besser als vor der Katastrophe."

Frank Brandmaier und Can Merey/DPA / DPA