VG-Wort Pixel

Zugunglück bei Bad Aibling Trotz sicherer Technik: Bahnmitarbeiter im Fokus der Ermittler


Nach dem verheerenden Bahnunglück in Oberbayern mit zehn Toten läuft die Suche nach den Ursachen. Ein Bahnmitarbeiter steht im Verdacht, die Tragödie verschuldet zu haben - trotz hochkomplexer Sicherheitstechnik.

Das tragische Zugunglück in Bayern mit zehn Toten und 17 schwer Verletzten hat ganz Deutschland schockiert. Wie konnte es dazu kommen, dass zwei Regionalzüge am Dienstag auf eingleisiger Strecke frontal zusammenprallten? Die Unfallursache ist weiterhin nicht klar, doch es gibt Hinweise auf menschliches Versagen. Zwar hat das die Polizei bislang nicht bestätigt, doch das technische System auf der Strecke gilt als fehlerfrei. Warum rasten die Züge trotzdem unbemerkt aufeinander zu? Und welche Rolle spielt der Fahrdienstleiter?

Technik sichert den Bahnverkehr bei Bad Aibling

Die Bahnstrecke zwischen Bad Aibling und Kolbermoor etwa 50 Kilometer südöstlich von München ist mit einer sogenannten Punktförmigen Zugbeeinflussung (PZB) ausgestattet. Züge werden automatisch abgebremst, wenn sie ein rotes Hauptsignal überfahren. Damit soll verhindert werden, was nun passiert ist: Dass zwei Züge kollidieren.

Den Angaben der Deutschen Bahn zufolge wurde das System erst vergangene Woche überprüft. Es habe keine Beanstandungen gegeben, hieß es.

Fahrdienstleiter überwacht das System

Die PZB ist jedoch nicht die letzte Instanz. Die Fahrdienstleiter, die in den Stellwerken an den Bahnhöfen sitzen, kontrollieren den Zugverkehr zusätzlich. Sie sehen, wo sich ein Zug befindet, stellen Weichen und geben Signale.Und sie können die Lokführer anweisen, ein rotes Haltesignal zu ignorieren. Das kann zum Beispiel per Ersatzsignal oder Funkspruch geschehen.

"Normalerweise macht das System die sicherheitsrelevanten Überprüfungen allein", sagte der Ehrenvorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Karl-Peter Naumann zum stern. Der Fahrdienstleiter müsse dann keine eigenen Entscheidungen treffen, sondern führe Routinearbeiten aus. "Anders ist es, wenn Züge verspätet sind. Dann müssen die Fahrdienstleiter eingreifen", sagte Naumann. Auf einer eingleisigen Strecke müsse dann der Kreuzungspunkt verlegt werden.

Häufige Verspätungen bei Bad Aibling

Ob die Züge vor dem Unglück in Bayern verspätet waren, wurde noch nicht geklärt. Aber: "Auf der Strecke gibt es häufiger Verspätungen", sagte Naumann. "In einem solchen Ballungsraum ist das nicht unwahrscheinlich."Das "Redaktionsnetzwerk Deutschland" berichtete, dass ein Bahnmitarbeiter das automatische Signalsystem ausnahmsweise außer Kraft gesetzt habe, um einen verspäteten Triebwagen noch "quasi von Hand durchzuwinken". Der entgegenkommende Zug habe ebenfalls grünes Licht bekommen.

Ob es tatsächlich so ablief und was der Grund dafür gewesen sein kann, muss nun die Staatsanwaltschaft klären. Möglich ist auch, dass es zwischen den Stellwerken ein Missverständnis gegeben hat.

Sind Fahrdienstleiter überfordert?

Schon seit längerem ist bekannt, dass die Mitarbeiter in den Stellwerken hoher Belastung ausgesetzt sind. "Die Leute haben Stress", sagte Naumann von Pro Bahn. Diejenigen, die sich an die Öffentlichkeit trauen, sprechen von anstrengender Schichtarbeit, wenigen Pausen und immensem Druck.

Ein Personalmangel an Fahrdienstleitern führte im Jahr 2013 vorübergehend zu einem Bahnchaos am Mainzer Hauptbahnhof - ein Vorfall, der die Situation in Stellwerken bundesweit in den Fokus rückte. Fast die Hälfte der 15 Fahrdienstleiter war krank oder im Urlaub. Die Folge waren Zugausfälle und Umleitungen, zunächst nur nachts, dann ganztägig. Tausende Pendler im Rhein-Main-Gebiet waren betroffen. Die Bahn-Tochter DB Netz räumte daraufhin ein, dass das Unternehmen bundesweit Probleme habe, die Stellwerke zu besetzen. 


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker