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Zugunglück in Spanien: Lokführer in Polizeigewahrsam

Während Spanien über die Ursache des schweren Zugunglücks bei Santiago de Compostela rätselt, befindet sich der Lokführer in Polizeigewahrsam. Ein Gleis der Unglücksstrecke ist wieder befahrbar.

Der Lokführer des Unglückszugs in Spanien ist in Polizeigewahrsam genommen worden. Dies gab am Freitag Polizeichef Jaime Iglesias bekannt. "Er ist seit gestern Abend in Gewahrsam." Der Lokführer sei aber noch nicht vernommen worden. Dies solle "sehr bald" geschehen.

Bei dem schwersten Zugunglück in Spanien seit dem Zweiten Weltkrieg waren am Mittwochabend 80 Menschen ums Leben gekommen und 178 weitere verletzt worden. Der Lokführer überlebte die Katastrophe bei Santiago de Compostela mit leichten Verletzungen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht und dort unter Polizeibewachung gestellt. "Ich habe es vermasselt, ich möchte sterben", soll der 52-Jährige kurz nach dem Unglück nach einem Bericht der Zeitung "El Mundo" gesagt haben.

Als mögliche Unglücksursache gilt völlig überhöhtes Tempo, mit dem der Zug in eine Kurve vor dem Wallfahrtsort raste und entgleiste. Der Lokführer gab laut einem Zeitungsbericht in einem Funkspruch an, der Zug sei 190 Stundenkilometer schnell gewesen, dabei waren an dieser Stelle nur 80 Stundenkilometer erlaubt. Gewerkschaften nahmen den erfahrenen Lokführer trotzdem in Schutz und erklärten: Schuld sei das ungeeignete Tempokontrollsystem.

Lokführer soll mit Raserei geprahlt haben

Eines der Hochgeschwindigkeitsgleise wurde inzwischen wieder für den Verkehr freigegeben. Gleis zwei sei seit 7.50 Uhr wieder in Betrieb, teilte der Schienenbetreiber Adif am Freitag mit. Auch die Gleise für konventionelle Züge auf der Strecke zwischen Ourense und Santiago de Compostela sind seit 5 Uhr morgens wieder geöffnet. Das bei dem Unfall in Mitleidenschaft gezogene Hochgeschwindigkeitsgleis war dagegen weiter gesperrt. Zur Klärung der Unglücksursache wollen Ermittler auch die Blackbox des Zuges analysieren.

Nach Informationen der Zeitung "El País" soll der Lokführer unmittelbar nach der Katastrophe seine Vorgesetzten im Leitstand angerufen haben: "Wir sind entgleist, was sollen wir tun? Ich hoffe, es gibt keine Toten, denn die gingen auf mein Gewissen."

Medien erhoben am Freitag neue Vorwürfe gegen den Mann: Der 52-Jährige soll in der Vergangenheit auf Facebook mit seiner Raserei geprahlt haben. Er habe das Foto eines Zug-Tachometers veröffentlicht, der 200 Stundenkilometer anzeigte, berichteten spanische Zeitungen. "Ich bin am Anschlag, ich kann nicht schneller fahren, sonst kriege ich eine Strafe", soll er kommentiert haben. Ein weiterer Eintrag lautete demnach: "Was für ein Spaß das wäre, sich ein Rennen mit der Guardia Civil (Polizei) zu liefern und sie zu überholen, so dass ihr Radar in die Luft gehen würde, haha. Was für eine Riesenstrafe für Renfe." Laut der Eisenbahngesellschaft Renfe ist der Lokführer seit 30 Jahren angestellt und verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung als Lokführer.

Debatte um Tempokontrollsystem

Die Lokführer-Gewerkschaft (Semaf) brachte eine andere Debatte mit der Behauptung ins Rollen, die Tragödie hätte mit dem modernen, auch in Deutschland eingesetzten ERTMS-Tempokontrollsystem an der Unglücksstelle verhindert werden können. Da die 2011 eingeweihte Hochgeschwindigkeitsstrecke aber vier Kilometer vor Santiago - kurz vor der Unfallstelle - ende, sei das ältere ASFA-System im Einsatz gewesen, das den Zug beim Überschreiten der erlaubten Geschwindigkeit nicht immer automatisch bremse, klagte Semaf-Generalsekretär Juan Jesús Fraile im Radio. "Ideal wäre es gewesen, wenn man die Hochgeschwindigkeitsstrecke bis Santiago fertiggebaut hätte", sagte er.

Die Eisenbahninfrastruktur-Behörde ADIF wies die Vorwürfe zurück. Im städtischen Raum und bei der Stationseinfahrt sei das ASFA das geeignete System, hieß es. Polizei- und Eisenbahnexperten untersuchen die Unfallursache weiter. Einen Anschlag hatten die Ermittler schnell ausgeschlossen.

Drei Tage Staatstrauer in Spanien

Der Unglückszug war am Mittwoch auf der Fahrt von Madrid zur Küstenstadt Ferrol im Nordwesten Spaniens gewesen. Die Waggons des Zuges wurden bei dem Unglück auseinandergerissen und sprangen aus den Schienen. Einige Wagen prallten neben den Gleisen gegen eine Betonwand und stürzten um, andere Waggons verkeilten sich ineinander. Ein Wagen flog sogar über die Begrenzungsmauer hinweg.

Wie die Regionalbehörden in Galicien mitteilten, wurden bei dem schwersten Eisenbahnunglück in Spanien seit mehr als 40 Jahren 178 Fahrgäste verletzt. Bei 33 Menschen war der Zustand am Donnerstagabend noch kritisch. Nur 53 der 80 Todesopfer konnten rasch identifiziert werden. Gerichtsmediziner erklärten, die Identifizierung einiger Toten werde länger dauern.

Der Wallfahrtsort Santiago de Compostela, der das Ziel des Jakobsweges bildet, sagte alle Feiern zu Ehren des Heiligen Jakobs an diesem Wochenende ab. Die traditionelle Zeremonie ist das wichtigste Fest des Jahres in Santiago. Ministerpräsident Mariano Rajoy ordnete für ganz Spanien eine offizielle Trauer von drei Tagen an.

kng/DPA / DPA