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stern-Kolumne "Winnemuth": Der Königsnuss-Effekt

Die Piemont-Kirsche kommt aus Polen, und auch das "Simmentaler Rind" ist nur blödes Fleckvieh. Aber offenbar wollen wir uns ja blenden lassen.

Von Meike Winnemuth

Beim Einkauf im Supermarkt lassen wir uns gerne blenden. Bio, regional, nachhaltig - so werden viele Lebensmittel beworben. Doch nicht immer ist auch drin, was draufsteht. (Symbolbild)

Beim Einkauf im Supermarkt lassen wir uns gerne blenden. Bio, regional, nachhaltig - so werden viele Lebensmittel beworben. Doch nicht immer ist auch drin, was draufsteht. (Symbolbild)

Einer der größten Lebensmittelskandale in meiner war für mich die Enthüllung, dass die Piemont-Kirsche, unverzichtbare Zutat von Mon Chéri, reine Erfindung war. Weder gibt es diese Sorte, noch werden die Kirschen für die Schnapspralinen in Italien geerntet – sie stammen vornehmlich aus Osteuropa. Ebenso erfunden war natürlich auch die legendäre Kirschqualitätsprüferin Claudia Bertani, die in einem weißen Cabrio durch die Lande fuhr auf der Suche nach den schönsten Früchten. Für mich war ihre Enttarnung damals traumatischer als die des Weihnachtsmannes. Wie jetzt, es gibt gar keine Kirschexpertinnen? Ich musste meine Berufswahl völlig neu überdenken.

Etwas später flog auch die Byzantiner Königsnuss auf, bekannt aus Ferrero Rocher: ebenfalls ein Gewächs aus dem Märchenreich, aber trotzdem seit gut 20 Jahren beim Deutschen Patent- und Markenamt gemeldet und geschützt. Dahinter verbergen sich stinknormale Haselnüsse, die Berichten zufolge auch von türkischen Kinderarbeitern geerntet werden sollen. Lektion: je profaner das Produkt, desto grandioser die erfundenen Zutaten.

Rindfleisch-Werbung mit Sissis Papa

Das aktuelle Beispiel: McDonald’s wirbt neuerdings damit, "100 Prozent Simmentaler aus Deutschland" zu verhackstücken. Das klingt auf den ersten Blick mächtig bio und regional und nachhaltig und was man sonst noch gern zwischen zwei labbrigen Brötchenhälften hat, nach glücklichen Kühen auf saftigen Almwiesen, nur halt in bissfreundlicher Bierdeckelform. Die hauseigene Website setzt noch einen drauf. Das Fleisch habe "in Adelskreisen und bei Spitzenköchen gepunktet" – der Vater von Sissi zum Beispiel habe immer gern Schmankerln im Wirtshaus vom Viehzüchter Max Obermayer gegessen, der die Rinder im 19. Jahrhundert aus dem Berner Oberland herübertrieb.

Blöd nur: Simmentaler Rind ist nichts anderes als hundsnormales Fleckvieh, also eine der am weitesten verbreiteten Rinderrassen der Welt. Ein "leistungsbereites und effizientes Doppelnutzungsrind zur Produktion von Milch, Fleisch und Nebenprodukten", wie man unter fleckvieh.de lernt – und ich bin sicher, dass die Leistungsbereitschaft in einer repräsentativen Umfrage unter mindestens 1000 Doppelnutzungsrindern ermittelt wurde. Mit anderen Worten: verwendet 100 Prozent Fleisch von Durchschnittsrindern wie eh und je. Nur jetzt halt mit dem Königsnuss-Effekt.

Jeder will beschissen werden

Bevor die Müslifraktion nun zu feixen beginnt, lohnt ein Gang in einen beliebigen Öko-Supermarkt, wo sich im Regal Müslimischungen finden mit Namen wie "Alles klar. Aha, ich verstehe". Ich scherze nicht. Auf der Packung steht: "Wieso? Weshalb? Warum? Oft reicht oft (sic!) schon eine kurze Pause, um auf richtig gute Ideen zu kommen. 'Alles klar' steht dir dabei mit gehaltvollen Pecannüssen, fruchtigem Apfel und frisch-würzigem Ingwer zur Seite. Ist doch klar!" Ja, ist klar. Vor allem, dass der Pecannuss-Anteil gerade mal zwei Prozent beträgt hinter sehr viel Hafenflocken, Zucker und Fett und dass der frisch-würzige Ingwer in der Zutatenliste "nach Ayurveda-Rezeptur" gleich hinter Kardamom kommt, sich also im Nanobereich bewegen dürfte. Was lernen wir? Jeder will beschissen werden. Jeder. Dringend.

Qualitätskolumne, wiederverwendbar

Nur diese Seite liefert natürlich weiterhin eine original St. Georger Qualitätskolumne aus 26 deutschen Buchstaben (heute exklusiv mit nicht nur fünf, sondern gleich sechs Ypsilons!), ohne Kinderarbeit im aufwendigen Zehnfingersystem hergestellt, ohne Konservierungsmittel und komplett recyclingfähig – jeder einzelne Buchstabe kann umgehend von Ihnen wiederverwendet werden. Das ist noch Wertarbeit! Demnächst melde ich darauf ein Patent an.

Die Kolumne...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern Dieser Text wurde im Heft Nr. 21 veröffentlicht.