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Kolumne Winnemuth: Ausflug in die Abstinenz

Drynuary, Janupause - es gibt ziemlich dämliche Begriffe für einen Jahresstart ohne Alkohol. Aber man kann eine Menge dabei lernen.

Von Meike Winnemuth

"Mein Griff zum Korkenzieher eher Gewohnheit als Bedürfnis".

Meike Winnebuth findet, man ist "ja geradezu umzingelt von Alkohol". Das übliche Glas Wein sei inzwischen "eher Gewohnheit als Bedürfnis".

Vor mir stehen vier Weinflaschen. Mein Lieblings-Riesling von der Mosel, mein Lieblings-Primitivo di Manduria, ein Veltliner aus dem Kremstal, ein Malbec aus Mendoza. Was man halt so im Haus hat als Heavy User. Eine von denen soll es werden: die erste Flasche, der erste Schluck nach einem Monat Enthaltsamkeit. Den ganzen Januar über habe ich keinen Tropfen angerührt, aber heute, am 1. Februar, beginnt mein Prost Neujahr. Endlich wieder , Wein zum Essen, ein Single Malt zum Buch am Abend. Es gibt nur ein Problem. Ich starre die Flaschen seit zehn Minuten an und stelle fest: keine Lust. Auf nichts davon. Stattdessen sogar leiser Widerwille. Verdammt.

So war das nicht geplant. Ich dachte: ein alkoholfreier Monat, vernünftige Sache. Machen immer mehr Leute. Im Netz läuft das unter den dämlichen Hashtags Drynuary und Janupause und ist wie alle nervigen angelsächsischen Rituale (Halloween, Junggesellinnenabschied, Babyshower) sauber in den deutschen Kalender eingebürgert. Der Zeitpunkt für die nach den Exzessen des Jahresendes ist einerseits logisch, andererseits unnötig grausam. Ausgerechnet im tristesten aller Monate, wenn der Frühling in unerreichbarer Ferne scheint, soll man auf jeden Trost verzichten, auf Entspannung und den ungerechtfertigten und deshalb umso nötigeren Optimismus, den Alkohol, "der große Ja-Erreger im Menschen" (William James, Philosoph und deshalb muss es ja stimmen), bei sachgemäßem Gebrauch bewirken kann? Und dann auch noch in diesem Trump-Januar?

Egal. Flaschen zu und durch. Ich wollte mir beweisen, dass ich auch ohne kann. Ich trinke nicht viel, aber oft, und deshalb eben doch viel. Ich habe Leberwerte wie ein junges Reh, aber miserable Gewissenswerte: Wenn man sich die Frage stellt, ob man weniger trinken sollte, hat man die Antwort schon gefunden, schätze ich.

Was mir vorher nicht klar war: Man ist ja geradezu umzingelt von Alkohol. Alkohol ist der Normalfall. Im Januar war es hier ein lustiger Frauen-Kochabend, da eine Lesung in einem Weingeschäft, dort eine Party bei einem Gin-Promoter und dann auch noch der traditionelle Burns Supper zu Ehren des schottischen Dichters Robert Burns, bei dem man Haggis isst – mit Schafsherz, -lunge und -nierenfett gefüllten Schafsmagen – und dazu reichlich Whisky trinkt, aus nachvollziehbaren Gründen. Ich nicht. Nüchtern Haggis essen, das ist wahres Heldentum. Ein alkoholfreies Bier zur Feier des Tages, ansonsten Wasser, sehr, sehr, sehr viel Wasser.

Komisch angeguckt wird man nicht, oder höchstens wie Leute im Marathon-Training, mit diesem "Das könnte ich nie"-Blick. Man geht so früh, wie es die Höflichkeit zulässt, und schläft unglaublich gut – beides nicht blöd zur Abwechslung. Euphorie und Albernheit kriegt man auch so hin, wenngleich mühsamer.

Ergebnis nach einem Monat: drei Pfund weg, Tränensäcke erkennbar reduziert, morgens deutlich ausgeschlafener. Der gesundheitliche Nutzen ist zwar vorhanden, wie eine kleine Studie ergab, aber zu vernachlässigen, wenn man sich anschließend wieder die Kante gibt. Mir hat der kleine Ausflug in die Abstinenz eher was anderes gebracht: die Erkenntnis, dass mein Griff zum Korkenzieher eher Gewohnheit als Bedürfnis ist, mein abendliches Glas Rotwein eher gedankenlos weggekippt wird und deshalb auch nicht so genussvoll ist, wie es sein könnte.

Meine vier Weinflaschen packe ich wieder in den Schrank. Irgendwann trinke ich wieder was, und zwar genau dann, wenn ich so richtig Lust darauf habe. Heute nicht. Vielleicht morgen. Vielleicht aber auch nicht.

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