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Neue stern-Kolumne: Höchststrafe Lächerlichkeit

Converse Chucks, Minis und Motorradjäckchen: Es ist doch albern, wie die eigene Tochter auszusehen, findet stern-Kolumnistin Meike Winnemuth.

Nach meiner ersten Kolumne warfen mir einige Leser fortgeschrittene Koketterie vor. Ich hatte geschrieben, dass ich jenseits der 50 altersmilde und nicht mehr erregungsbereit sei. 50, das sei doch kein Alter, wurde protestiert. Doch, es ist eins. Es wird nur viel zu selten als eines akzeptiert. Und deshalb ein weiteres (vorerst: letztes) Mal was zum Thema.

Vor Kurzem las ich eine kleine Meldung im Vermischten: Eine 52-jährige Französin hatte sich anstelle ihrer 19-jährigen Tochter in die schriftliche Abiturprüfung geschmuggelt, gut getarnt mit teenagerhaft engen Hüftjeans, Sneakern und einer Maurerkelle Make-up. Der Schwindel flog auf, die Frau wurde von der Polizei abgeführt. Auf dem Revier "beteuerte die 52-Jährige zunächst weiterhin, nicht älter als 19 Jahre alt zu sein".

Es ist schwer zu entscheiden, was an diesem Fall irrsinniger ist: zu glauben, man könne eine Abiklausur schaffen, obwohl man nach drei Jahrzehnten mindestens 90 Prozent dessen vergessen hat, was man je in der Schule gelernt hatte – oder zu glauben, dass man alle anderen diese drei Jahrzehnte vergessen machen kann. Wir wissen nichts über den Erhaltungsgrad der Frau und was sie dafür alles auf sich genommen hat, aber sogar als scheckheftgepflegte Pariserin geht man mit 50 nicht als 20-Jährige durch. Allein der Versuch ist strafbar, denn selbst bei mildesten Richtern winkt stets die Höchststrafe: Lächerlichkeit.

Und doch wird es immer wieder probiert. Die böse englische Redewendung vom "mutton dressed as lamb" – dem als Lamm verkleideten Hammel – für die über 40-Jährigen mit Neigung zu uneinsichtiger Jugendlichkeit ist aktueller denn je.

Inzwischen müssen die sich nicht mal an den Kleiderschränken der Töchter vergreifen, weil ihre eigenen mit genau denselben Klamotten gefüllt sind: Boyfriend-Jeans und Converse Chucks, Minis und Motorradjäckchen. Früher wollten kleine Mädchen wie ihre Mütter aussehen, heute ist es umgekehrt: bestens zu beobachten am Erfolg der Kin- derbekleidungsmarke Petit Bateau bei erwachsenen Frauen, der sogar schon zu einem Flagshipstore in der Hamburger Mönckebergstraße geführt hat. Bis vor Kurzem standen auf den Nackenschildern der Ringelhemden statt Größenangaben "14 Jahre" und "16 Jahre". Wenn man das oft genug liest, beginnt man es irgendwann zu glauben, so scheint es, und ebenso das Motto der Firma: "Jamais vieux pour toujours" – niemals alt, für immer.

Die große Verdrängung

Diese Altersamnesie ist einerseits verständlich, denn die Verwirrung darüber, wie man in welchem Alter auszusehen, sich zu fühlen und zu benehmen hat, ist so groß wie nie. Einerseits werden Anti-Aging- Cremes mit computerretuschierten 25-Jährigen beworben, andererseits kann man dank Social Freezing, dem Einfrieren von Eizellen in jungen Jahren, die Gebärfähigkeit bis ins Großmutteralter ausdehnen – Frauen sind inzwischen fast so gut wie Männer im Verdrängen ihrer Sterblichkeit. Für beide gilt: Jeder will alt werden, keiner will es sein.

Vielleicht darf es auch keiner mehr. Denn kaum ist man endlich in einem Alter angekommen, in dem man sogar von Apple-Verkäufern gesiezt wird, wird einem von allen Seiten ein Neuanfang angeraten. Starte noch mal durch in ein zweites Leben, erfülle deine Träume, fordern die vielen Zeitschriften für mittelalterliche Menschen. Beginne noch mal von vorn, sei wieder 20, jamais vieux pour toujours.

Ich mag aber nicht wieder 20 sein. Das erste Mal hat mir gereicht. Ich will mich anziehen für den Körper, den ich habe, nicht den, den ich gern hätte. Lasst mich in Ruhe 50 sein, ich habe es mir verdient.

Und während ich hier sitze und schreibe, starre ich betreten unter den Schreibtisch auf meine ausgelatschten Converse Chucks.