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stern-Kolumne "Winnemuth": Wer ist hier frech?

Eine alte Liza Minnelli wird Gegenstand von Spott und Häme. Einen dicken alten Mann in einer Badewanne finden alle supergeil. Da stimmt doch was nicht.

Von Meike Winnemuth

Letzte Woche kursierte ein Foto, das sofortigen Ruhm als meistretweetetes Selfie der Weltgeschichte erlangte. Haben Sie garantiert gesehen: Es entstand bei der Oscar-Verleihung und zeigt die Moderatorin Ellen DeGeneres, umgeben von Julia Roberts, Meryl Streep, Jennifer Lawrence, Brad Pitt, Angelina Jolie und einer Handvoll weiterer Stars. Mindestens zwei Dinge daran sind interessant.

Erstens: "meistretweetetes Selfie"? Man kann gar nicht so schnell die neuen Vokabeln lernen, wie sie zu Phänomenen werden. Über den Selfie-Wahn – also sich selbst mit ausgestrecktem Arm per Smartphone zu fotografieren – ist ja schon reichlich philosophiert worden. Über diese Form der Selbstdarstellung, in der man gleichzeitig Fotograf und Fotografierter ist, sind momentan garantiert mindestens tausend Magisterarbeiten in Soziologie und/oder Psychologie in Arbeit. Müssen wir also hier nicht weiter behandeln.

Viel interessanter war für mich allerdings, wer nicht auf diesem inzwischen legendären Bild ist. Ein Making-of-Foto des Selfies, das die Situation von hinten zeigt, hat mein kleines altes Herz gebrochen. Darauf ist zu sehen, wie Liza Minnelli verzweifelt versucht, mit aufs Foto zu kommen, und es einfach nicht schafft. Sie wird von den anderen weggedrängt. Und darüber könnte ich nun zwar keine Magisterarbeit, aber gleich einen ganzen Zyklus von Trauergedichten schreiben.

Alt werden geht gar nicht?

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Liza Minnelli das war, was Jennifer Lawrence heute ist: das It-Girl, der heißeste Scheiß, ein Weltstar. Unfassbar talentiert. Und heute muss sie sich von Ellen DeGeneres von der Bühne herab anhören: "Da im Publikum sitzt der beste Liza-Minnelli-Imitator, den ich je gesehen habe – gute Arbeit, mein Herr", heute wird in Großaufnahmen seziert, wie sich unter dem Oberteil ihres königsblauen Satinanzugs ihre ("Iiiiih!") 67-jährigen Brustwarzen abzeichnen, heute wird über ihr komplett vergurktes Facelift gelästert wie auch über das noch vergurktere Facelift von Kim Novak, der inzwischen 81-jährigen Hitchcock- Göttin aus "Vertigo", die ebenfalls die Frechheit hatte, bei den Oscars aufzutauchen.

Diese Frauen haben über Jahrzehnte für ihr Publikum gebrannt, und man hat sich an ihrem Feuer gewärmt. Jetzt sind ihre verkohlten Überreste nur noch Anlass für Spott, und sie dürfen nicht mal mehr mit aufs Foto. Was immer sie tun, ist daneben: Alt werden geht gar nicht. Der sichtbare Kampf gegen das Alter geht erst recht nicht – sie wollen alles richtig machen und machen dabei alles falsch. Sie wollen so verzweifelt geliebt werden von einer Welt, die stattdessen verlangt, dass sie hinter zugezogenen Vorhängen ihrem Ende entgegendämmern.

Supergeiler haariger dicker Bauch

Und das Verstörendste daran ist, dass alles, was Liza Minnelli je gekonnt und getan hat – und das war viel –, plötzlich nicht mehr der Rede wert ist. Was für eine gnadenlose Welt, in der man auch mit 60, 70, 80 noch im Wettbewerb mit 30-Jährigen steht. Und in der es keine Anerkennung für das gibt, was man mal war, sondern nur noch Verachtung für das, was man jetzt geworden ist.

Ach, es ist ja alles tausendmal beschrieben worden, und ich hätte auch keine Seite darauf verschwendet, wenn nicht in genau derselben Woche der alternde haarige dicke Bauch eines Mannes in einer Badewanne millionenfach geliked und geshared und retweetet und sehr, sehr geil gefunden worden wäre, supergeil sogar. Es ist alles so gottverdammt supertraurig und superfrustrierend.

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