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Allergie-Ratgeber: Wenn Essen zum Hürdenlauf wird

Jeder fünfte Deutsche glaubt, dass er auf mindestens ein Nahrungsmittel allergisch reagiert. Was tun? Es kommt darauf an, was wirklich hinter den Beschwerden steckt. In vielen Fällen ist es gar keine Allergie.

Von Eva-Maria Schnurr

Was ist der Unterschied zwischen einer Nahrungsmittelallergie und einer Nahrungsmittelunverträglichkeit?

Bei einer Nahrungsmittelallergie reagiert das Immunsystem auf harmlose Bestandteile im Essen - meist sind das Eiweiße - so, als wären diese gefährliche Eindringlinge in den Körper. Es produziert Antikörper, die dafür sorgen, dass bestimmte Botenstoffe, zum Beispiel Histamin, ausgeschüttet werden. Diese lassen dann die Haut jucken, die Nase laufen oder den Darm rebellieren. Eine Allergie zeigt sich in den meisten Fällen nicht nach dem ersten Kontakt des Organismus mit einem Nahrungsmittel.

Was genau bei einer Unverträglichkeitsreaktion passiert, ist unklar. Wahrscheinlich stimulieren bestimmte Substanzen in der Nahrung Botenstoffe im Körper, sodass diese eine Reaktion auslösen, die einer Allergie ähnelt. Tatsächlich ist das Immunsystem aber nicht beteiligt; es bildet keine Antikörper. Man spricht deshalb auch von einer "Pseudo-Allergie". Solche Pseudo-Allergien können schon nach dem ersten Kontakt mit einem Lebensmittel auftreten.

Bei einer auch als "klassische Unverträglichkeit" bezeichneten Stoffwechselstörung kann der Körper bestimmte Nahrungsbestandteile nicht richtig verdauen. Bei der Milchzucker-Unverträglichkeit (Laktose-Intoleranz) fehlt im Darm ein bestimmtes Enzym, das den Milchzucker spaltet. Bei der Zöliakie führt das Getreideeiweiß Gluten zu einer Entzündung der Darmschleimhaut.

Wie viele Menschen haben eine Nahrungsmittelallergie?

Fünf bis zehn Prozent der Kleinkinder bis zwei Jahre sind allergisch, meist auf Kuhmilch oder Hühnerei. Die meisten dieser Allergien verschwinden jedoch im Laufe der Zeit, nur etwa ein bis zwei Prozent der Erwachsenen haben noch eine Nahrungsmittelallergie. Hinzu kommen Menschen mit Heuschnupfen: Sie reagieren oft auch auf Lebensmittel, zum Beispiel auf Äpfel.

Häufiger als Allergien sind klassische Unverträglichkeiten durch Stoffwechselstörungen: Etwa 10 bis 15 Prozent der Deutschen vertragen keinen Milchzucker, jeder tausendste ist an Zöliakie erkrankt, einer Unverträglichkeit gegen das Getreideeiweiß Gluten. Von pseudo-allergischen Unverträglichkeiten ist höchstens jeder tausendste Erwachsene betroffen.

Gegen welche Nahrungsmittel kann man allergisch werden?

Im Prinzip kann man auf alles Essbare allergisch reagieren. Einige Lebensmittel sind jedoch häufiger für Allergien verantwortlich als andere - wobei auch die Ernährungsgewohnheiten eines Landes eine Rolle spielen. Während zum Beispiel Allergien gegen Erdnüsse in den USA und in Frankreich verbreitet sind, spielen sie in Deutschland eine geringere Rolle. Der Grund dafür: Kinder essen hier weniger Erdnussbutter und kommen mit den allergieauslösenden Stoffen später in Kontakt.

Kleinkinder in Deutschland sind vor allem gegen Kuhmilch und Hühnerei allergisch, dann folgen Weizen und Soja. Bei Erwachsenen sind Allergien gegen Kuhmilch und Hühnerei ebenfalls häufig, außerdem solche gegen Fisch und Schalentiere.

Menschen mit Heuschnupfen reagieren auf Lebensmittel, deren Eiweiße zufällig Ähnlichkeit mit denen der Blütenpollen haben, die ihr Immunsystem reizen. Meist sind dies Äpfel, Haselnüsse, Karotten oder Sellerie, aber auch Früchte wie Kiwis, Pfirsiche und eher selten - Erdbeeren.

Wie bemerke ich eine Nahrungsmittelallergie?

Die gleichen Nahrungsmittel können bei verschiedenen Allergikern ganz unterschiedliche Körperreaktionen hervorrufen. Folgende Symptome sind mögliche Hinweise auf eine Nahrungsmittelallergie:

* Hautreaktionen wie Juckreiz, Rötungen, Quaddeln, Ekzeme wie Neurodermitis * Reaktionen des Verdauungssystems wie Durchfall oder Erbrechen oder aber Kribbeln und Anschwellen der Mundschleimhaut * Reaktionen der Atemwege wie Schnupfen bis hin zu Asthma oder etwa tränende Augen. Besonders Menschen, die schon Asthma haben, sind hier gefährdet *Reaktionen des Herz-Kreislauf-Systems wie verlangsamter Herzschlag, Blutdruckabfall bis hin zum allergischen Schock.

Meistens treten die Symptome plötzlich nach einer Mahlzeit auf. Aber auch eine zeitversetzte Reaktion des Körpers ist möglich, zum Beispiel bei Neurodermitis.

Muss ich zum Arzt?

Auf jeden Fall zum Arzt muss, wer auf ein Nahrungsmittel mit schweren Symptomen wie Asthma oder Herz-Kreislauf-Problemen reagiert hat. Auch wenn nicht klar ist, welches Nahrungsmittel genau für eine allergische Reaktion verantwortlich war, kann der Arzt weiterhelfen.

Heuschnupfengeplagte mit Verdacht auf eine Kreuzallergie (zum Beispiel auf Äpfel) sollten sich ebenfalls von einem Arzt beraten lassen. Wer vermutet, eine Allergie gegen Grundnahrungsmittel wie Milch oder Getreide zu haben, sollte sich auf jeden Fall testen lassen. Denn eine eigenmächtige, möglicherweise grundlose, einschneidende Diät kann zu Mangelernährung führen.

Die richtige Anlaufstelle sind Ärzte, die eine Zusatzausbildung zum Allergologen haben. Oft sind das Hautärzte. Diese helfen auch dann weiter, wenn die Haut selbst gar nicht reagiert hat.

Wie wird eine Nahrungsmittelallergie diagnostiziert?

Wichtig ist ein ausführliches Gespräch über die Vorgeschichte des Patienten. Damit versucht der Arzt, möglichst genau einzugrenzen, ob überhaupt eine Allergie für die Beschwerden infrage kommt und welche Lebensmittel unter Verdacht stehen. Dann testet er, welche Stoffe die Allergie auslösen.

Beim so genannten Prick-Test werden die verdächtigen Substanzen auf die Innenseite des Unterarms gegeben, dann wird die Haut leicht angeritzt. Liegt eine Allergie vor, kommt es innerhalb einer Stunde zu einer Hautreaktion. Ein Bluttest auf das Immunglobulin kann die Diagnose weiter stützen, außerdem werden manchmal aufwendige Labortests (wie beispielsweise "basophile Allergenstimulationstests") eingesetzt.

Ist nach diesen Untersuchungen immer noch unklar, welches Lebensmittel für die Reaktion verantwortlich war, muss der Patient alle verdächtigen Lebensmittel für eine Zeit vom Speiseplan streichen. Dann isst er die verdächtigen Lebensmittel unter Kontrolle eines Arztes. Weil es bei diesem Vorgehen zu schweren Reaktionen kommen kann, sollte die "orale Provokation" immer unter Notfallbedingungen stattfinden, am besten im Krankenhaus. Ein Selbstversuch kann lebensgefährlich sein.

Bisweilen angebotene Diagnosemethoden wie der Test auf Immunglobulin G, Vegatest, Elektroakupunktur, Bioresonanz oder Kinesiologie sind nach aktuellem Forschungsstand nicht geeignet, um eine Allergie festzustellen.

Was kann man gegen eine Nahrungsmittelallergie tun?

Die einzige sichere Maßnahme gegen eine Nahrungsmittelallergie ist, die allergieauslösenden Stoffe zu meiden. Wer gegen Kuhmilch oder andere Grundnahrungsmittel allergisch ist, sollte sich bei der Diät von einem Ernährungsberater unterstützen lassen, um Mangelernährungen zu vermeiden.

Bei Kindern mit einer eindeutig diagnostizierten Kuhmilchallergie können Ärzte die teurere hypoallergene Ersatzmilch verschreiben. Bei ihnen sollte jedes Jahr getestet werden, ob die Allergie noch besteht, denn sie verliert sich häufig im Laufe der Zeit.

Menschen mit Heuschnupfen, die auch auf Nahrungsmittel wie Karotten oder Äpfel allergisch reagieren, erzielen mit einer Desensibilisierung gegen die Pollenallergie oft auch Erfolge gegen die Nahrungsmittelallergie.

Kann man Nahrungsmittelallergien vorbeugen?

Sicher verhindern lassen sich Nahrungsmittelallergien nicht, auch nicht durch bestimmte Ernährungsformen. Experten empfehlen aber vor allem bei allergiegefährdeten Babys (wenn beide Eltern eine Allergie haben oder Geschwister bereits erkrankt sind), das Kind mindestens vier Monate lang ausschließlich zu stillen.

Wie äußert sich eine Nahrungsmittelunverträglichkeit?

Die Symptome einer Nahrungsmittelunverträglichkeit sind ähnlich wie bei einer Allergie, jedoch meist milder. Häufige Reaktionen sind Nesselsucht, Hautrötungen und Juckreiz, aber auch alle anderen Symptome einer Allergie können vorkommen.

Gegen welche Lebensmittel können Unverträglichkeiten auftreten?

Menschen mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten reagieren oft auf Lebensmittel mit so genannten "biogenen Aminen". Das sind Abbauprodukte von Eiweißen, wie zum Beispiel Histamin, Tyamin oder Serotonin. Solche Stoffe kommen vor allem in gereiften oder fermentierten Lebensmitteln wie Käse, Wein, Bier oder Schokolade vor, aber auch in einigen Fischarten.

Natürlich vorkommende Stoffe in Tomaten, Gewürzen oder Beeren können ebenfalls Unverträglichkeiten auslösen. Häufig werden auch Lebensmittelzusätze wie Konservierungs-, Farb- oder Aromastoffe für Unverträglichkeiten verantwortlich gemacht.

Wie wird eine Unverträglichkeit diagnostiziert?

Die Diagnose einer Unverträglichkeit ist schwieriger als die einer Allergie, weil es keine eindeutigen Marker im Körper dafür gibt und Prick-Tests ohne Ergebnis bleiben. Meist hilft nur eine Diät, bei der Betroffene unter Aufsicht eines Arztes ausprobieren, welches Lebensmittel die Beschwerden verursacht. Auch hier gilt: Ohne ärztlichen Rat sollte man keine einschneidenden Diäten beginnen!

Welche Reaktionen deuten auf eine Stoffwechselstörung?

Durchfall, Blähungen oder Übelkeit nach dem Essen sind manchmal Anzeichen für eine Laktose-Intoleranz. Etwa jedem zehnten Europäer fehlt das Enzym Laktase, das den Milchzucker im Darm spaltet. Deshalb gärt der Zucker im Darm - und das verursacht die Probleme. Meist tritt diese Störung im jungen Erwachsenenalter auf. Der Arzt kann sie durch einen speziellen Atemtest diagnostizieren.

Zöliakie oder Sprue, die Unverträglichkeit von Gluten aus Getreide, kann zu Übelkeit, Verstopfung und Blähungen nach dem Essen führen, weitere mögliche Symptome sind Erbrechen, Durchfall und Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit und Müdigkeit. Die auslösenden Klebereiweiße stecken vor allem in Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel - können sich aber auch in anderen Lebensmitteln verbergen, denen sie in Aromen oder Stabilisatoren beigemischt werden, zum Beispiel Joghurts, Schokolade oder Wurst. Verträgt ein Mensch kein Gluten, entzünden sich Schleimhautfalten in seinem Dünndarm und lösen die Beschwerden aus.

Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Thomas Werfel, Dermatologe und Allergologe an der Medizinischen Hochschule Hannover und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Nahrungsmittelallergie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie

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