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Der neue American Dream: Joint Venture - Geld verdienen mit Cannabis

In Colorado lebt der amerikanische Traum: In der Marihuana-Industrie können Tellerwäscher zu Millionären werden. Der stern hat sechs Unternehmer besucht, die vom grünen Rausch profitieren.

Von Martin Knobbe, New York

Kiffende Menschen auf der 420-Party in Denver. Seit der Legalisierung von Cannabis sind die USA im "Rausch".

Kiffende Menschen auf der 420-Party in Denver. Seit der Legalisierung von Cannabis sind die USA im "Rausch".

Amerika ist im Rausch. Nicht im goldenen wie im 19. Jahrhundert, der Rausch des 21. Jahrhunderts ist grün. Mit Colorado hatte es begonnen, dann folgte Washington State an der Pazifikküste. Nun haben auch die Bürger von Alaska, Oregon und dem District of Columbia, in dem die Hauptstadt Washington liegt, dafür gestimmt, den Freizeitgebrauch von Cannabis zu erlauben. Der Konsum für rein medizinische Zwecke ist ohnehin schon in 23 Bundesstaaten freigegeben.

Amerika wandelt sich nach und nach zur Kiffer-Nation, was nicht nur einer politischen Revolution gleichkommt, auch der wirtschaftliche Effekt ist enorm: Mit bis zu 2,6 Milliarden Dollar Umsatz rund ums Gras rechnet die Branche in diesem Jahr, mit bis zu zehn Milliarden in vier Jahren. Ein neuer Wirtschaftszweig ist entstanden, bunt, jung und extravagant. Der amerikanische Traum, wonach auch ein Tellerwäscher zum Millionär werden kann, ist plötzlich wieder Realität: In Colorado, wo seit 1. Januar ganz legal Cannabis gehandelt und konsumiert werden darf, kann man das am besten beobachten. Wir haben sechs Unternehmer besucht, die vom grünen Rausch profitieren.

Die Züchter

125.000 Dollar, von der Mutter geliehen, das war ihr Startkapital: Pete und Andy Williams, 44 und 46, kauften sich davon eine ehemalige Lagerhalle für Gewürze und die ersten Marihuana-Pflanzen. Heute besitzen sie die größte Plantage in Denver, 70 verschiedene Sorten von Marihuanapflanzen haben sie hier großgezogen. Erst neulich haben sie eine neue vollautomatisierte Zucht- und Produktionseinheit eröffnet. Bei "Medicine Man" arbeiten 53 Mitarbeiter, vom Züchter, über den Pflanzenschneider bis hin zum "Budtender", der am Tresen die Kunden bedient.

Die Brüder Pete und Andy Williams besitzen die größte Hanf-Plantage in Denver.

Die Brüder Pete und Andy Williams besitzen die größte Hanf-Plantage in Denver.

Bald schon aber werden es über 100 Mitarbeiter sein, so schnell expandieren sie. Neun Millionen Dollar Umsatz erwarten sie in diesem Jahr, 18 Millionen im nächsten Jahr. "Wir haben unsere kühnsten Visionen weit übertroffen", sagt Andy Williams, 46. "Wir stehen kurz vor der Überforderung." Neulich haben sie schon Kaufangebote bekommen: von einer Investementfirma aus New York und von einer großen Brauerei, die ins Marihuana-Geschäft einsteigen will. Sie haben dankend abgelehnt.

Der Programmierer

Er ist aus Wisconsin gekommen und sucht nun in Denver das Glück: Vor zwei Jahren hat Tim Opsal sein Studium in Wirtschaftsmanagement abgeschlossen, nun hat er sein erstes Unternehmen gegründet und eine eigene App geschrieben. Auf "Best Buds" kann man nicht nur durch verschiedene Anbieter von Cannabis Produkten navigieren, man kann sie auch bewerten und Freunden empfehlen. Über 30 der insgesamt 500 Marihuana-Geschäfte in Colorado machen schon mit. Die Läden zahlen dafür einen monatlichen Beitrag, dafür werden sie vom "Best Buds" Team fotografiert und ausführlich beschrieben.

Tim Opsal hat eine App zur Bewertung von Cannabis-Produkten entwickelt.

Tim Opsal hat eine App zur Bewertung von Cannabis-Produkten entwickelt.

"Ich habe im College selbst Marihuana geraucht und ich träumte immer davon, irgendetwas mit Apps zu machen", sagt Tim Opsal. Nun hat er seine beiden Leidenschaften verbunden. Noch verdienen er und seine zwei Partner gerade so viel, dass sie sich selbst einen Monatslohn zahlen können. Bald schon aber werde die App Gewinne einbringen. "Wir bauen sie ständig aus. Bald wird man auch seine ganz persönliche Marihuana-Reise über uns buchen können."

Die Edelboutique

Es sieht aus wie in einem Applestore, wenn man "Euflora" in Denver betritt. Weiße iPads stehen auf den Verkaufstischen, daneben Gläser, denen ein süßlicher Geruch entweicht, wenn man den Deckel öffnet. Über 20 verschiedene Gras-Sorten gibt es hier zu kaufen, sie heißen Sour Chunk, Headbang oder Gouda Cheese, jede einzelne ist auf dem Bildschirm des iPads genau beschrieben: wie hoch ist der THC-Gehalt, wie der Geschmack. In den Gläsern nebendran liegen die Cannabis-Pflanzen zum Erschnuppern. Auch die Lage des Ladens ist bestens: Die Gras-Apotheke liegt in der 16th-Street-Mall, einer der beliebtesten Touristenattraktionen Denvers.

In ihrer Edelboutique "Euflora" in Denver verkauft Jamie Perino das Grüne Gold.

In ihrer Edelboutique "Euflora" in Denver verkauft Jamie Perino das Grüne Gold.

Jamie Perino, 37, verkaufte jahrelang Design für Badezimmer, bevor sie sich mit einem Partner zusammentat und ins legale Drogen-Geschäft einstieg. "Wir wollten Cannabis aus seiner Schmuddelecke holen, wir haben lange gesucht, bis wir diesen Laden hier bekamen," sagt sie. Nun verkauft sie Marihuana auf gehobenem Niveau. Das Gras kostet 20 Dollar pro Gramm, aber es gibt auch nicht rauchbare Cannabis-Produkte: Gummibärchen für 24 Dollar, Schokoriegel für 15 Dollar oder ein THC-Badesalz für 36 Dollar.

Die Eventplanerin

"Statt besoffen zu werden, lasst uns doch lieber rauchen", sagt Jane West. "Ich finde es super, dass man nach Cannabis keinen Hangover hat wie nach einem Abend mit Alkohol." Das war im vergangenen Jahr auch der Gedanke, der sie dazu brachte, selbst Unternehmerin zu werden. Heute organisiert Jane West, 38, verheiratet, zwei Kinder, in Denver Veranstaltungen, die irgendetwas mit Marihuana zu tun haben. Zum Beispiel eine Reihe in der edelsten Galerie der Stadt: Drinnen gibt es Kunst und Musik, draußen wird gekifft, das alles zugunsten des Symphonieorchesters Denvers.

Jane West organisiert Events, die irgendetwas mit Marihuana zu tun haben.

Jane West organisiert Events, die irgendetwas mit Marihuana zu tun haben.

Ihren früheren Job bei einer Eventagentur hat sie mittlerweile aufgegeben, nicht ganz freiwillig: Weil sie im Lokalfernsehen mit einem Cannabis-Vaporisierer zu sehen war, legte der Chef ihr die Kündigung nahe. Daran sehe man, wie wenig akzeptiert die Droge trotz Legalisierung noch sei, sagt Jane West. "Wir haben noch viel zu tun." Neulich lud sie in eine alte Kirche ein. Ein kleiner Wirtschaftsgipfel sollte es werden. Nur Frauen, die ein Unternehmen in der Cannabis-Industrie führen, waren eingeladen. Am Ende kamen weit über 100. Das hat selbst Jane West überrascht.

Der Schokohersteller

Joe Hodas, 44, sieht nicht gerade aus wie ein Kiffer: Anzug, Krawatte, polierte Schuhe. Er mag Marihuana auch gar nicht so gerne, aber trotzdem war er schon immer für die Legalisierung, aus Prinzip. Heute profitiert er von ihr: Sein Unternehmen "Dixie Elixirs & Edibles" läuft bestens: gerade erst sind sie in eine größere Halle gezogen und haben eine neue Maschine gekauft. Mit der können sie nun 1000 Flaschen THC-haltiger Brause in der Stunde produzieren, bislang waren es 850 am Tag. Dixie Elixirs stellt Produkte her, die man nicht rauchen kann, die aber trotzdem high machen: Schokotrüffel mit Cannabisanteil, Minzbonbons oder THC-Öle, die man sich unter die Zunge träufeln kann.

Joe Hodas ist Gründer von "Dixie Elixirs". Seine Produkte kann man nicht rauchen, sie machen aber trotzdem high.

Joe Hodas ist Gründer von "Dixie Elixirs". Seine Produkte kann man nicht rauchen, sie machen aber trotzdem high.

In der neuen Halle haben sie nun auch Platz, ihre eigenen Pflanzen anzubauen. Derzeit sind es 340, alle bei den Behörden registriert und sorgsam gepflegt vom hauseigenen Züchter. Das einzige Problem, das Joe Hodas noch hat, sind die Banken: Weil der Handel mit Marihuana in den Bundesgesetzen noch immer verboten ist, scheuen die großen Banken, mit der Industrie Geschäfte zu machen. "Am Ende aber", sagt Joe Hodas, "ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch das sich ändert."

Der Berater

Manchmal noch schlüpft Kayvan Khalatbari, 31, in ein Hühnerkostüm und stellt sich vor das Rathaus in Denver: Dann protestiert er gegen Michael Hancock, den Bürgermeister, der zwar die Alkoholindustrie unterstütze, die Legalisierung von Marihuana aber bis heute bekämpfe. Kayvan Khalatbari war einer der frühen Aktivsten der Liberalisierungsbewegung, heute ist er einer ihrer größten Profiteure. Seine Cannabis-Apotheke "Denver Relief", mit fünf Jahren die älteste der Stadt, läuft bestens, noch besser aber geht es seiner Beratungsfirma für Unternehmen, die ins Cannabis-Geschäft einsteigen wollen. "Wir bekommen 150 Anfragen in der Woche, davon nehmen wir vielleicht drei an. Wir schaffen einfach nicht mehr." 2000 Dollar verlangt er für ein dreistündiges Informationsgespräch, bleibt ein Kunde, dann ist es am Ende ein lukrativer Auftrag. Derzeit haben er und seine 13 festen Mitarbeiter 40 langfristige Kunden in zwölf Bundesstaaten.

Kayvan Khalatbari berät Menschen, die ins Cannabis-Geschäft einsteigen wollen.

Kayvan Khalatbari berät Menschen, die ins Cannabis-Geschäft einsteigen wollen.

Trotz seines Erfolges aber hat Kayvan Khalatbari seine Vergangenheit nicht vergessen: Als er mit 21 Jahren nach Denver kam und neun Monate im Zelt schlief, weil er sich eine Wohnung nicht leisten wollte. Mit seinen ersten Ersparnissen machte er eine Pizzeria auf. Er besitzt sie noch heute.

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