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Umgedrehter Buchstabe Stiller Widerstand gegen die Nazis: Jan Liwacz musste den Schriftzug "Arbeit macht frei" schmieden und versteckte darin eine Botschaft

Eingangstor zum KZ Auschwitz
Das Eingangstor zum KZ Auschwitz
© Yay Images / Imago Images
Über dem Eingangstor zum KZ Auschwitz prangt der berühmte Satz "Arbeit macht frei". Ein Häftling musste ihn schmieden – und nutzte die Gelegenheit, um ein kleines Zeichen gegen die Brutalität der Nazis zu setzen.

Das Tor zum Konzentrationslager Auschwitz steht nicht nur für eines der größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte, es zeigt auch die zynische Weltsicht. “Arbeit macht frei” steht dort in schweren Eisenlettern, eingefasst in einen schmiedeisernen Bogen. In dem Lager starben zwischen 1940 und 1945 1,1 Millionen bis 1,5 Millionen Menschen, die allermeisten davon Juden. Der Satz "Arbeit macht frei" ist zum Symbol dafür geworden.

Doch wer genau hinschaut, entdeckt eine Unregelmäßigkeit. Der Buchstabe B im Wort "Arbeit" sieht anders aus als gewohnt, er steht auf dem Kopf: die kleine Wölbung oben, die große unten. Was nach einem kleinen handwerklichen Fehler aussieht, war in Wirklichkeit ein Akt des Widerstands durch einen Lagerhäftling, der auch heute noch für alle Besucher des ehemaligen Konzentrationslagers zu erkennen ist.

"Arbeit macht frei": Ein Symbol des Widerstands 

Jan Liwacz war der Mann, der den berüchtigten Schriftzug anfertigte und der auch für das umgedrehte B verantwortlich. Liwacz wurde 1898 in der polnischen Kleinstadt Dukla geboren. 1939 wurde er von den Nazis verhaftet und in verschiedenen Gefängnissen festgehalten, bis er 1940 zu den ersten Häftlingen gehörte, die ins damals neu entstandenen KZ Auschwitz deportiert wurden.

Von Beruf war Liwacz Kunstschlosser – und als solcher musste er für die SS-Wachleute im Lager immer wieder Schmiedearbeiten ausführen. Unter anderem wurde er auch damit beauftragt, den Schriftzug "Arbeit macht frei" zu schmieden. Der Kommandant Rudolf Höß hatte veranlasst, dass das Eingangstor mit diesem Satz geschmückt werden sollte. Auch in anderen Konzentrationslagern wurde der Spruch benutzt.

Liwacz bog dafür zwei Gasrohre zurecht und schweißte die Buchstaben dazwischen – darunter auch das auf dem Kopf stehende B. Der Lagerleitung und den SS-Wachleuten fiel dies wohl gar nicht auf, ansonsten hätte der Häftling wohl erneut drastische Konsequenzen über sich ergehen lassen müssen. Erst nach dem Krieg berichteten andere KZ-Insassen, dass Liwacz den Buchstaben falsch herum eingesetzt habe. Damit wollte der Pole wohl ein (wenn auch kleines) Zeichen des Widerstands setzen, auch ein Symbol der Hoffnung und des Lebenswillens in dieser lebensfeindlichen Umgebung.

Auschwitz – kein Arbeits-, sondern ein Vernichtungslager

Denn nichts liegt den Bedingungen im Konzentrationslager Auschwitz ferner als der Satz "Arbeit macht frei". Im Lager wurden die Insassen zu harter körperlicher Arbeit gezwungen, doch nie mit der Aussicht, sich dadurch von ihrem Leiden "befreien" zu können. Anders als in einem herkömmlichen Arbeitslager büßten die Häftlinge keine "Strafe" ab, sie hatten auch nicht die Möglichkeit, bei "guter Leistung" entlassen werden zu können. Viele Häftlinge starben an Erschöpfung, Krankheiten und Hunger. 

Jan Liwacz überlebte den Holocaust: Ende 1944 wurde er ins KZ Mauthausen verlegt und kurz vor Kriegsende von US-Soldaten befreit. Nach dem Krieg kehrte er nach Polen zurück und arbeitete wieder als Kunstschmied. 1980 starb er im Alter von 81 Jahren. 2009 wurde das Eingangstor mit der von ihm geschmiedeten Inschrift gestohlen, jedoch schnell wieder aufgefunden und restauriert.

Der Holocaustüberlebende Daniel Hanoch

So ist sein umgedrehtes B ist bis heute das erste, was Besucher der Gedenkstätte Auschwitz erblicken – und weiterhin ein Symbol für den Widerstand gegen : Das Internationalen Auschwitz Komitee vergibt seit 2010 eine Skulptur in dieser Form an Persönlichkeiten, "die nach dem Gedanken der Überlebenden von Auschwitz 'Nie wieder!' handeln". Zu den bisherigen Preisträger:innen zählen unter anderem Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel.

Quellen: "Neues Deutschland" / Ines Rensinghoff:  "Auschwitz-Stammlager – Das Tor Arbeit macht frei" / Internationales Auschwitz Komitee


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