VG-Wort Pixel

Zweiter Weltkrieg Frühlingserwachen – in einer verrückten Offensive verheizte Hitler seine letzten SS-Divisionen

Formal waren die Verbände fast auf Sollstärke.
Formal waren die Verbände fast auf Sollstärke.
© Commons
Im März 1945 traten die Deutschen zu einer letzten Offensive an – getragen von der Waffen-SS. Sie blieb in Schlamm und Abwehrfeuer stecken. Hitlers setzte seine besten Verbände nicht bei Berlin ein, sondern weit im Süden.

Im Frühjahr 1945 war die Lage für Deutschland an der Ostfront nahezu katastrophal. Die Rote Armee stand nur noch 70 Kilometer vor Berlin. Die Verteidigungsstellungen auf den Seelower Höhen waren das einzige Hindernis vor der deutschen Hauptstadt. Am 6. März 1945 startete die letzte große Offensive des Dritten Reiches. In den zusammenbrechenden Strukturen von Wehrmacht und Kriegswirtschaft gelang es den Deutschen, noch einmal eine große Streitmacht zusammenzuziehen. An der Operation Frühlingserwachen nahmen 430.000 Soldaten, etwa 800 Panzer und Sturmgeschütze, 6000 schwere Geschütze und Mörser teil. Sogar 800 Flugzeuge hatte man zusammengekratzt.

Die 6. SS-Panzerarmee unter Generaloberst Josef "Sepp" Dietrich war der Rammbock, der die Linien der Alliierten durchbrechen sollte. Aber die Offensive diente nicht dazu, die Russen vor Berlin zurückzuwerfen oder den Einmarsch der US-Truppen in das Reichsgebiet zu verhindern. Die letzte deutsche Offensive setzte in Ungarn an. Dort sollte die Rote Armee über die Donau zurückgeworfen werden. Das Ziel der Operation "Frühlingserwachen" war es, alle feindlichen Kräfte an der Donau und Drau sowie am Plattensee einzukesseln und zu vernichten. So sollten die letzten größeren Ölfelder in Westungarn und Österreich gesichert werden.

Beeindruckende Stärke auf dem Papier

Die 6. SS-Panzerarmee bestand aus zwei Korps mit gesamt vier SS-Panzerdivisionen: der 1. (Leibstandarte Adolf Hitler), 2. (Das Reich), 9. (Hohenstaufen) und der 12. (Hitlerjugend). Nach der Ardennenoffensive waren die Verbände aufgefüllt worden. Aber das Personal unterschied sich von den fanatischen Freiwilligen, mit denen die Divisionen einst aufgestellt worden waren. Der Ersatz der einstigen Elite-Divisionen bestand aus eingezogenen Rekruten, den Resten zusammengeschossener Verbände und großen Mengen an Luftwaffen-Bodenpersonal.

Dem unmittelbaren Stoß stand nur die 3. Ukrainische Front mit etwa 400.000 Mann gegenüber, nach den harten Kämpfen um Budapest waren Panzer knapp. Aber das russische Oberkommando verfügte in der Gegend über mehrere Großverbände als Reserven. Ein Erfolg des Unternehmens über einen temporären Einbruch hinaus, war daher von vornherein unwahrscheinlich.

Angriffspläne waren bekannt

Hinzu kam, dass Moskau trotz einer strengen Geheimhaltung die deutschen Pläne durchschaut hatte. 14 Tage vor Beginn des deutschen Schlages wurden drei tiefgestaffelte Verteidigungslinien aufgebaut. Zu Beginn am 6. März gelangen den Deutschen zumindest örtliche Erfolge. Die Hauptkräfte konzentrierten sich zwischen dem Velence- und dem Balatonsee. Begünstigt wurden sie durch schlechtes Wetter: Nebel und Schnee. Die deutschen Panzer tauchten aus dem Nichts nur wenige Hundert Meter vor den sowjetischen Stellungen auf.

"Am Balaton erlitt unser Regiment kolossale Verluste", schrieb Leutnant Eduard Melikov vom 877. Artillerie Regiment. "Zweihundert deutsche Panzer rollten auf einmal auf unsere Division zu, unsere Haubitzen schossen aus allen Rohren ... Die Kämpfe waren grausam. Im ganzen Krieg hat das Regiment nicht so viele Männer verloren wie in Ungarn."

Doch die Rote Armee war ein Meister der Verteidigung und beherrschte die Kunst, gedeckte Abwehrstellungen für Panzerabwehrwaffen aufzubauen. An den gefährdeten Zonen standen 65 Geschütze und Granatwerfer auf einen Kilometer Frontbreite, dazu kamen 28 Panzerabwehrkanonen. Zusätzlich wurden Minen ausgebracht.  Dazu kam das Wetter. Tiefer Schlamm behinderte die deutschen Bewegungen. Ein Großteil des schweren Geräts konnte überhaupt nicht in die Kampflinie gebracht werden. Warnungen, dass die Gegend um das Gebiet des Sárvíz – des Schlammsees - sich im Frühjahr nicht für gepanzerte Verbände eigne, hatte die deutsche Führung ignoriert.

Lähmender Schlamm

Für die Offensive bieten die Deutschen ihr bestes Gerät auf: Panther, Tiger und Königstiger-Panzer. Dazu die gefährlichen "Jagdpanther", die überschweren "Jagdtiger". Erstmals setzten die Deutschen Panzer mit Nachtsichtgeräten ein. Die Verlust- und Klarstandsmeldungen zeigen, dass nur die wenigsten Panzer wirklich kämpften. Die meisten blieben wegen des Schlamms und des Artilleriebeschusses liegen.

Beim Gegenschlag fielen der Roten Armee ganze Kolonnen aufgegebener deutscher Kampfwagen in die Hände. Schon am Abend des 6. März meldete der Befehlshaber der Heeresgruppe Süd, General Otto Weller: "Die Panzer können sich wegen des schweren Schlamms kaum im Gelände bewegen, und alle Straßen sind durch Minenfelder und feindliche Artillerie blockiert. Die Infanterieeinheiten konnten keinen schnellen Durchbruch erzielen, und die heftigen Kämpfe verbrauchten große Mengen an Munition, sodass diese bei den Soldaten knapp wird. Der Feind erwartete eindeutig unsere Offensive und hatte sich darauf vorbereitet, obwohl er nicht genau wusste, wann und wo die Hauptangriffe stattfinden würden."

Nach mehreren Tagen schwerer Kämpfe hatten die Deutschen zwei der Verteidigungslinien durchbrochen. Doch dieser "Erfolg" besagte wenig. Das sowjetische Oberkommando opferte die Truppen in der ersten Linie und wartete, bis sich die deutschen Kräfte erschöpft hatten, um dann die Reserven einzusetzen.

Auflösung der Verbände

Die Deutschen hingegen hatten noch genügend Truppen für einen ersten Schlag zusammengezogen, aber es fehlten ihnen nun frische Einheiten, um die Kämpfe fortzusetzen. Die Kraft reichte nicht aus, die Offensive weiter zu nähren. Die Deutschen kamen 30 Kilometer weit, dann war Schluss. Heinz Guderian schrieb in seinen Memoiren: "Die bis dahin hohe Kampfmoral der SS-Divisionen war nun verloren. Unter der Deckung der hartnäckig widerständigen Panzerbesatzungen zogen sich ganze Verbände gegen den Befehl zurück. Auf diese Divisionen konnte man sich nicht mehr verlassen."

Hitler bekam einen Wutausbruch. Er geriet in einen furchtbaren Zorn und befahl, den Soldaten die Bänder mit den Regimentsnamen vom Ärmel zu reißen. Guderian hingegen kannte die Verlustzahlen der Truppe und wusste, dass die verrückte letzte Offensive nicht wegen mangelnder Einsatzbereitschaft der Soldaten gescheitert war.

Außerdem wusste er auch, dass die SS-Leute die Bänder mit Namen wie "Reichsführer SS" selbst entfernt hatten, um im Falle der Gefangennahme nicht sofort erschossen zu werden.

Am 16. März setzte die sowjetische Gegenoffensive ein. Die Stawka gab die Reservearmee der 3. Ukrainischen Front frei, außerdem wurde ihr eine weitere Garde-Panzerarmee zugeteilt. Es begann die "Wiener Offensive". In nur einem Monat wurde die Hauptstadt Österreichs eingenommen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker