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Gift in Lebensmitteln: "Man sollte auf Biokost umstellen"

Pestizide in Obst und Gemüse - für Verbraucher eine Horrorvorstellung. Das EU-Parlament hat auf die Sorgen der Konsumenten reagiert und über neue Richtlinien im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln abgestimmt. Susanne Smolka vom Pestizid Aktions-Netzwerk erklärt, worum es dabei geht.

Frau Smolka, welche Schäden können bei Pestiziden in Lebensmitteln auftreten?

Grundsätzlich sind die gesundheitsschädigenden Effekte von Pestiziden sehr unterschiedlich und können an verschiedenen Punkten im Körper wirken. Insektizide können zum Beispiel auch beim Menschen das Nervensystem schädigen. Akut können Befindlichkeitsstörungen und Zuckungen auftreten. Bei hormonell wirksamen Stoffen wie das gerade erst verbotene Vinclozolin genügen bereits geringe Mengen, um den Organismus aus dem Gleichgewicht zu bringen. Als Signalgeber sind die Hormone unter anderem für die Entwicklung von Organen und dem Gehirn zuständig. Daher ist das Risiko für langfristige Schäden gerade bei Kindern groß.

Das EU-Parlament hat jetzt über die Zulassungskriterien von Pestiziden abgestimmt. Was ist dabei heraus gekommen?

Es wurden unter anderem Ausschlusskriterien für krebserregende, erbgut- und fortpflanzungsschädigende Pestizide festgelegt ebenso wie für Wirkstoffe, die immuno- beziehungsweise neurotoxisch sind oder das Hormonsystem negativ beeinflussen. Positiv ist auch, dass gefährliche Stoffe durch weniger gefährliche Alternativen ersetzt werden sollen.

Was soll sich noch an dem Zulassungsverfahren von Pestiziden ändern?

Die Gesundheit des Bürgers soll insgesamt stärker in den Mittelpunkt gerückt werden. So sollen empfindliche Gruppen der Gesellschaft wie Babys, Kinder und Allergiker, aber auch stark gefährdete Gruppen wie die Landbevölkerung bei der Risikobewertung im Zulassungsverfahren stärker berücksichtigt werden.

Es wurden auch Rahmenbedingungen für die Anwendung von Pestiziden diskutiert. Was bedeutet das Gesetz für die Verbraucher?

Bisher gab es keine EU-weite Richtlinie darüber, wie Pestizide verwendet werden sollen. Mit dem neuen Entwurf würde sich die EU auf generelle Ziele einigen, die aber in den nationalen Gesetzen konkretisiert werden müssen. Festgelegt wurde beispielsweise, dass in der Nähe von Schulen und Spielplätzen keine Pestizide mehr gespritzt werden sollen. Der Abstand und die Art der Kontrollen bleiben allerdings offen. Abgestimmt wurde auch über die Einführung des integrierten Schädlingsmanagements in die konventionelle Landwirtschaft. Leider wurde keine Zeitvorgabe für die Umstellung festgelegt.

Worum geht es dabei genau?

Leitziel beim Schädlingsmanagement ist, erst Vorsorgemaßnahmen und Alternativen wie Sortenwahl und nichtchemische Produkte zu verwenden, bevor synthetische Pestizide zum Einsatz kommen. Dafür wäre es wichtig, dass den Landwirten sowohl finanzielle Mittel als auch Weiterbildungsmaßnahmen und für die einzelnen Kulturen und Regionen geeignete Leitfäden zur Verfügung gestellt würden.

Was kam bei dem Gesetzesentwurf Ihrer Ansicht nach zu kurz?

Es gab den Vorschlag vom Umweltausschuss des EU-Parlaments den Pestizideinsatz um 20 Prozent innerhalb von zehn Jahren zu reduzieren. Dieser Vorschlag konnte leider keine Mehrheit finden. Immerhin soll der Einsatz "besonders problematischer Pestizide" bis 2013 halbiert werden und jeder Mitgliedstaat eigene verbindliche Pläne entwickeln.

Stoffe mit sehr langer Wirkzeit dürfen in Deutschland schon lange nicht mehr verwendet werden. Wieso können Pestizide und andere Stoffe die Gesundheit dennoch gefährden?

Besonders langlebige Stoffe wie DDT wurden zwar vom Markt genommen, befinden sich aber immer noch im Boden und in Organismen.

Die Gesetzesentwürfe werden frühestens Ende 2008 in Kraft treten. Wie können sich Verbraucher bis dahin am besten schützen?

Man sollte möglichst auf Biokost umstellen, da diese nahezu pestizidfrei ist und so oft wie möglich auf saisonale Ware zurückgreifen. Außerdem sollten sich Verbraucher umfassend informieren. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen stellt neuerdings Untersuchungsergebnisse von Lebensmittelkontrollen ins Internet, damit jeder sehen kann, welche Stoffe in welchem Produkt und bei welchem Händler gefunden wurden. Wir hoffen, dass die anderen Bundesländer diesem Modell bald folgen.

Interview: Marika Muster
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