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Erster Flug auf anderem Planeten Wie fliegt ein Helikopter auf dem Mars? "Ingenuity" soll es der Nasa verraten

Der Mars Helicopter Ingenuity über der Oberfläche des Mars
Soll als erstes irdisches Fluggerät unter den Bedingungen eines anderen Planeten fliegen: Mars Helicopter "Ingenuity"
© Nasa / JPL-Caltech
Wir kennen Satelliten in einer Umlaufbahn und Fahrzeuge, die auf anderen Himmelsobjekten herumfahren. Aber wie fliegt eigentlich ein Flugzeug auf einem anderen Planeten? Mit dem Mars-Helikopter "Ingenuity" will die Nasa das jetzt herausfinden. Ein Erfolg könnte ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

Zugegeben, die Bezeichnung "Helikopter" ist etwas hochtrabend. Raumfahrer übertreiben gern. "Ingenuity" ist eher eine Drohne; mit 1,8 Kilogramm sogar eine sehr leichte. Aber sie ist dennoch etwas ganz besonderes: Wenn alles klappt, wird der kleine Mars-Helikopter das erste irdische Flugzeug sein, das auf einer anderen Welt fliegt. Wie sich ein Fluggerät bei anderer Schwerkraft und anderer Atmosphäre verhält, lässt sich bisher nur vermuten. Das soll sich nun ändern. Zusammen mit dem Rover "Perseverance" schickt die US-Raumfahrtagentur Nasa die "Ingenuity"-Drohne an diesem Donnerstag Richtung Mars. Im Februar 2021 sollen die Geräte den Roten Planeten erreichen, und dann wird man ja sehen. Hoffentlich.

Unter Raumfahrt-Fans wie Wissenschaftlern herrscht gleichermaßen Vorfreude. Der kleine Helikopter soll beweisen, dass das Fliegen auf dem Mars möglich ist. Seine vier Rotorblätter aus Kohlefasern rotieren deutlich schneller als die von Hubschraubern auf der Erde - unter anderem weil die Atmosphäre des Mars deutlich dünner ist. Bis zu vier Flugversuche könnte "Ingenuity" auf dem Roten Planeten starten. Die beiden Kameras an Bord sollen dabei neue Perspektiven des Mars einfangen, auf die wir uns alle freuen dürfen.

Können Planeten mit Fluggeräten erkundet werden?

"Das Team hat alles getan, um den Hubschrauber auf der Erde zu testen, und wir freuen uns darauf, unser Experiment in der echten Umgebung des Mars fliegen zu lassen", sagt Nasa-Projektchefin MiMi Aung. "Wir werden die ganze Zeit währenddessen weiter lernen und es wird die ultimative Belohnung für unser Team sein, wenn wir der Art und Weise, wie wir neue Welten erkunden, für die Zukunft eine weitere Dimension hinzufügen können." 

Was Aung so freudig-leichthin beschreibt, dürfte für die Nasa von einiger Bedeutung sein. So erfolgreich bisherige Rover-Missionen auch waren, allzu weit kommen die Forschungsroboter auf ihren sechs Rädern nicht. Mit flugfähigen Geräten könnte ein Planet wie der Mars viel großflächiger und schneller erforscht werden. Ganz zu schweigen von Astronauten, die mit einem Flugzeug viel größere Strecken in kurzer Zeit zurücklegen könnten. Kurzum: Gelingen die Testflüge von "Ingenuity" bekommen die Pläne einer bemannten Mars-Mission und die Träume von einer ständigen Mars-Station einen neuen Schub.

"Ingenuity": Schülerin hatte Idee für den Namen

Der Name "Ingenuity" ("Genialität" oder "Einfallsreichtum") ist eine Idee von Vaneeza Rupani. Die Raumfahrt-begeisterte Schülerin aus Alabama hat damit einen Namens-Wettbewerb gewonnen, den die Nasa ausgeschrieben hatte. "Genialität" sei ein guter Name für den Helikopter, begründet Vaneeza ihren Vorschlag, "weil genau das nötig war, um diese Maschine zu konstruieren." Dass sie auf diese Weise Teil der Mission sein könne, sei sehr aufregend.

Los geht's für "Ingenuity" um 7.50 Uhr Ortszeit (13.50 Uhr MESZ) an diesem Donnerstag. Dann startet eine Atlas-V-Rakete von Cape Canaveral in Florida, um das bisher anspruchsvollste Rover-Projekt der Nasa auf den Weg zu bringen. Zwei Jahre lang soll der SUV-große "Perseverance" ("Beharrlichkeit") Gesteins- und Bodenproben zu sammeln. Im Jahr 2031 sollen die Proben dann bei einer späteren Mission zur Erde gebracht werden - eine Premiere in der Geschichte der Erkundung des Mars, für die nun alles vorbereitet wird.

Im Krater Jezero auf Suche nach Leben

Der fünfte Nasa-Rover auf dem Mars ist mit Mikrofonen, einem zwei Meter langen Roboterarm, rund 20 Kameras sowie einem Laser-Spektrometer zur Untersuchung der Geochemie von Gestein und Bodenbeschaffenheit in seiner Umgebung reichlich ausgestattet. Das eine Tonne schwere Gerät wird, so der Plan, im Krater Jezero landen, einem früheren Flussdelta, das vor drei bis vier Milliarden Jahren vermutlich in einen See mündete. "Jezero beherbergt eines der besterhaltenen Deltas auf der Mars-Oberfläche", sagt die Nasa-Wissenschaftlerin Katie Stack Morgan. Und das ist vielversprechend für die Suche nach Spuren extraterrestrischen Lebens.

Denn Wissenschaftler halten es durchaus für möglich, dass die Flüsse organische Moleküle oder andere potenzielle Anzeichen mikrobiellen Lebens, vielleicht sogar Mikroorganismen, mit sich führten. So ist es schließlich auf der Erde auch. Spuren dieses früheren Lebens könnten daher in den Ablagerungen des Flussdeltas oder den See-Sedimenten von Jezero konserviert sein und sich heute dort finden lassen. Sollte der Rover trotz aller beharrlicher Suche nichts feststellen können, erhoffen sich die Nasa-Forscher sie mit größeren Analyse-Möglichkeiten in ihren Laboren zu entdecken, wenn 2031 die Proben des Marsgesteins zur Erde transportiert werden. Keine Frage, Raumfahrer brauchen Geduld.

Erster Flug auf dem Mars wäre ein Prestige-Erfolg

Vielleicht sind Flugroboter auf dem Mars in gut einem Jahrzehnt schon deutlich selbstverständlicher. "Ingenuity" dürfte dann, von reichlich rotem Sand bedeckt, aber längst irgendwo in der rötlichen steinigen Wüste herumstehen. Zunächst aber gilt der kleinen Drohne alle Aufmerksamkeit. Den Mars wird sie an der Unterseite von "Perseverance" hängend erreichen. Nach der Landung Ende Februar soll sich die Kassette öffnen, aus der sich "Ingenuity" in einer Abfolge automatischer Schritte nach und nach entfaltet. Hat sich der kleine Helicopter unter dem massigen Rover komplett aufgebaut, fährt "Perseverance" zur Seite und gibt "Ingenuity" frei.

Der Premierenflug auf einem anderen Planeten wäre für die Nasa und die USA auch ein wichtiger Prestige-Erfolg. Etwa zur gleichen Zeit, zu der "Ingenuity" seine ersten Runden drehen soll, will China einen Rover erfolgreich auf dem Mars aufsetzen. Das Rennen um den Mars läuft.

Quellen: Nasa/Mars Helicopter; Mission Homepage Mars 2020; Interview Vaneeza Rupani; Nachrichtenagenturen AFP und DPA


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