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Nobelpreis in Physik Das Universum rast


Endet das All als Feuer oder als Eis? Geht es nach den diesjährigen Physik-Nobelpreisträgern, wird es frostig: Sie haben beobachtet, dass sich das All immer schneller ausdehnt - und mit ihrer Entdeckung die Kosmologie in den Grundfesten erschüttert.

Das Weltall dehnt sich aus, und die Galaxien werden darin mitbewegt wie die Rosinen in einem aufgehenden Hefeteig. Das ist schon lange bekannt. Doch sorgen die Gravitationskräfte dafür, dass sich die Ausdehnung mit der Zeit verlangsamt und sich das All sogar irgendwann wieder zusammenzieht? Endet das Universum als heißer Feuerball oder verteilt sich die Materie im kühlen Raum und wird das All zu Eis?

Geht es nach den Preisträgern des diesjährigen Physik-Nobelpreises, stimmt wohl eher die zweite, frostige Annahme: Das Universum dehnt sich immer rascher aus. Für diese These, die bisherige Annahmen erschütterte, erhalten drei Astronomen in diesem Jahr den Physik-Nobelpreis. Dies berichtet die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm. Sie vergibt die bedeutendste Physik-Auszeichnung in Höhe von insgesamt 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Schwedischen Kronen).

Schwaches Leuchten aus dem All

Saul Perlmutter (USA), Brian P. Schmidt (USA und Australien) und Adam G. Riess (USA) hatten dutzende von riesigen Sternenexplosionen, sogenannte Supernovae, beobachtet. Die postulierte Verlangsamung der Expansion des Alls konnten sie nicht nachweisen. Vielmehr beobachteten sie, dass sich das Universum mit steigender Geschwindigkeit ausbreitet.

Mit dieser Entdeckung hätten die Forscher 1998 die Kosmologie in ihren Grundfesten erschüttert, so das Nobelpreis-Komitee. Für ihre Untersuchung beobachteten die Wissenschaftler eine bestimmte Art der Sternenexplosionen, sogenannte Supernovae vom Typ Ia. Dabei handelt es sich um alte, kompakte Sterne, die so schwer wie die Sonne sind, aber lediglich die Ausmaße der Erde besitzen. Sie können bei ihrer Explosion so viel Licht erzeugen wie eine gesamte Galaxie.

Insgesamt 50 solcher Supernovae konnten die Forscher nachweisen. Doch deren Licht kam schwächer auf der Erde an, als es den Berechnungen zufolge hätte sein dürfen. Daraus schlossen die Forscher, dass sich das All immer schneller ausdehnt.

Harte Fakten, weiche Knie

Sie seien selbst völlig überrascht von ihrer Entdeckung gewesen, sagen die Nobelpreisträger. Die Jury erreichte einen der drei Preisträger, Brian Schmidt, am Telefon. Bei dem Australier war es bereits neun Uhr abends. Der Forscher zeigte sich dankbar und begeistert über die Ehrung. "Es fühlt sich an, wie der Tag, an dem meine Kinder geboren wurden. Mir zittern noch die Knie", sagte Schmidt. Er sei von dem Preis völlig überrascht, bekannte der frisch gekürte Nobelpreisträger. "Aber wir waren auch über unser Forschungsergebnis selbst völlig perplex."

Wird sich das All wirklich nie mehr zusammenziehen? "Wir sind ziemlich sicher, dass sich das Universum ewig ausdehnt, aber nicht sicher, dass es sich ewig beschleunigt", erläuterte Lars Brink vom Nobelkomitee. Als Ursache der Ausdehnung sehen die Physiker derzeit die sogenannte Dunkle Energie im All an, die sie allerdings noch nicht beschreiben können. Diese sei "ein Rätsel, das bislang noch keiner lösen konnte", schreibt die Stiftung. Zusammen mit der gleichermaßen nicht bekannten Dunklen Materie mache die Dunkle Energie insgesamt 95 Prozent des Universums aus. Für die uns bekannte Welt der Materie mit Galaxien, Sternen, Planeten, Ozeanen, Pflanzen, Tieren und Nobel-Medaillen bleiben demnach gerade einmal fünf Prozent übrig.

Einsteins Eselei

Albert Einstein hatte in seiner Allgemeinen Relativitätstheorie schon 1915 vorhergesagt, dass sich das Universum entweder ausdehnt oder zusammenzieht. Er stellte die sogenannte Kosmische Konstante auf, die er später als größte Eselei bezeichnet haben soll. Nach den Ergebnissen der diesjährigen Nobelpreisträger könne man jedoch sagen, dass Einsteins Konstante brillant war, schreibt die Nobelstiftung.

Perlmutter kam 1959 in Champaign-Urbana im US-Bundesstaat Illinois auf die Welt. Der Astrophysiker arbeitet am Lawrence Berkeley National Laboratorium in Kalifornien. Der vielfach ausgezeichnete 44 Jahre alte Schmidt wurde in Missoula (Montana) geboren und arbeitet heute an der Australischen National-Universität in Weston Creek. Schmidt hat sowohl die US-amerikanische als auch die australische Staatsbürgerschaft. Riess kam 1969 in der US-Hauptstadt Washington zur Welt. Er forscht an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.

Vorfreude auf die Kälte

Am Montag war der Medizin-Nobelpreis den Immunforschern Bruce Beutler, Jules Hoffmann und Ralph Steinman zugesprochen worden. Steinman war wenige Tage zuvor gestorben, er wird dennoch mit dem Preis geehrt. Als nächstes wird am Mittwoch der Nobelpreis für Chemie verliehen, am Donnerstag der Literaturnobelpreis. Am Freitag kürt das norwegische Nobelkomitee in Oslo den diesjährigen Träger des Friedensnobelpreises.

Die Verkündung der Nobelpreisträger kann live im Internet verfolgt werden. Mehr zu den Geehrten und ihren Entdeckungen berichtet die Nobelstiftung auch auf Twitter und Facebook.

Die feierliche Überreichung der Auszeichnungen findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel. Zu dem Termin werde er auf jeden Fall kommen, meinte der in Australien forschende Physiker Schmidt: "Ich bin in Alaska aufgewachsen und freue mich auf die Kälte." Angesichts der Entdeckung der Physiker ein durchaus doppeldeutiger Satz.

lea/DPA/AFP DPA

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