Russische "Sojus" Geld oder Wissenschaft?


Eigentlich sollte Astronaut Thomas Reiter mit dem US-Shuttle "Atlantis" zur ISS fliegen. Wegen des von der Nasa verfügten Startverbots sind nun die Russen die letzte Hoffnung der Esa. In der "Sojus" müsste aber ein Tourist seinen Platz frei machen - doch der zahlt gut.
Von Jens Lubbadeh

Thomas Reiter übt sich in Geduld. Eine Übung, die er besonders beherrscht. Schon seit 2001 trainiert der 47-jährige im Europäischen Astronautenzentrum Köln-Porz für seinen Langzeiteinsatz auf der Internationalen Raumstation ISS. Reiters Hauptaufgabe wird sein, das Prunkstück der Europäischen Raumfahrt, das in Bremen gebaute und getestete "Columbus"-Labor zur ISS zu bringen. Und das geht nur mit den US-Shuttles, die als einzige die notwendige Nutzlast-Kapazität besitzen, um das "Columbus"-Labor ins All zu transportieren.

Zu schade fürs Museum

Das Labor, das von mehreren europäischen Ländern in Kooperation und mit einem Auftragswert von 715 Millionen Euro hergestellt wurde, ist Europas zentraler Beitrag zur ISS. Mit 336 Millionen Euro sind deutsche Unternehmen unter den europäischen Partnern am umfangreichsten an dem Vorhaben beteiligt. Das Labor soll der Grundlagenforschung in vielen Bereichen, wie der Biologie, der Material- und der Humanforschung dienen. Doch ohne US-Shuttle wäre das Labor allenfalls gut fürs Museum.

Ein erster Testflug Reiters zur ISS, wo er alles für den Einbau des Columbus-Labors vorbereiten sollte, war ursprünglich für Juli geplant, doch die Startverschiebungen für die "Discovery" verlegten seine Reise immer wieder in die Ferne. Mit der Nasa war ausgemacht, dass der Deutsche auf dem zweiten Flug in der "Atlantis" Anfang September 2005 dabei sein sollte. Angesichts der Probleme auf der "Discovery" und des vorläufigen Startstopps für alle Shuttle, das die Nasa wegen des noch immer akuten Isolierschaum-Problems erlassen hatte, hat sich allerdings auch diese Option vorerst zerschlagen.

Jede Verzögerung kostet Geld

" Zur Zeit ist es ganz unklar, wie lange die Shuttle am Boden bleiben und ob das einen Einfluss auf den Start von 'Columbus' hat. Man geht jetzt erst einmal von einem Start Ende 2007 aus", sagt Dr. Volker Sobick vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum DLR.

Dies könnte nach Einschätzung von DLR-Vorstandschef Sigmar Wittig sogar zu einem politischen Thema zwischen Europäern und USA führen. Auf den Einsatz des Labors beharren die Europäer. Wittig, der auch Vorsitzender des Rates der Europäischen Weltraumorganisation Esa ist, kündigte an, entsprechend Druck zu machen. Sollten die in einem Regierungsabkommen gegebenen Zusagen der US-Regierung zum Transport des Weltraumlabors verändert werden, sei das eine Frage für die Regierungen. Wittig beklagte, dass weitere Verzögerungen auch erhebliche zusätzliche Kosten bei "Columbus" bedeuteten.

Geld oder Wissenschaft?

Eine Möglichkeit gäbe es allerdings, um zumindest Reiters Testflug zu retten: "Thomas Reiter könnte im Oktober mit dem planmäßigen Crew-Austausch-Sojus mitfliegen", meint Sobick. "Das würde aber bedeuten, das der eigentlich vorgesehene zahlende Passagier nicht an Bord der Sojus mitfliegen könnte".

Und der ist zahlungskräftig: Der amerikanische Millionär und Wissenschaftler Gregory Olsen hat bereits 20 Millionen Dollar an die Russen bezahlt, um mit der Besatzung des russischen Raumschiffs "Sojus TMA-7" zur Internationalen Raumstation zu fliegen. Olsens ursprünglich für April geplante Reise wurde verschoben, nachdem russische Ärzte ein nicht näher bezeichnetes Gesundheitsproblem bei ihm feststellten. Dieses gilt nun als geheilt

Nach dem Amerikaner Dennis Tito und dem Südafrikaner Mark Shuttlewort wäre Olsen somit der dritte Weltraumtourist in der Geschichte der bemannten Raumfahrt. Nun muss die Esa mit den Russen verhandeln, was schwerer wiegt: die Früchte der Wissenschaft oder harte Dollars.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker