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Lebensmittelwerbung: Nebenwirkungen auf jeder Tütensuppe

"Fettfrei", "stärkt die Abwehrkräfte" - mit solchen Slogans buhlt die Lebensmittelindustrie um Käufer. Doch welche Versprechen sind glaubwürdig? Ein neues Gesetz soll mehr Klarheit schaffen - und sorgt für viel Kleingedrucktes.

Von Angelika Unger

Glaubt man der Lebensmittelindustrie, kann sie uns zu gesünderen, besseren Menschen machen. "Stärkt die Abwehrkräfte", "Senkt den Cholesterinspiegel" - nur zwei der Versprechungen, mit denen sie für Saft, Müsli, Joghurt wirbt. Brot mit Omega-3-Fettsäuren gibt es und in den USA sogar "Diet Coke plus" mit Mineralstoffen und Vitaminen. Functional Food heißen diese Produkte in Marketingsprache. Der Markt boomt.

Neben echtem Functional Food werben im Supermarkt viele weitere Produkte um die Gunst der gesundheitsbewussten Käufer: kalorienfreie Limonaden, mit Fruchtzucker gesüßter Joghurt und Fruchtgummis mit der Aufschrift "ohne Fett". Viele dieser Slogans sind irreführend: Fruchtzucker ist nicht gesünder als anderer Zucker und die Fruchtgummis sind zwar fettfrei, aber wegen des reichlich enthaltenen Zuckers ganz und gar nicht gesund.

Die Kunden sind verwirrt. Laut einer repräsentativen Umfrage der Zeitschrift "Zeit Wissen" haben zwar 82 Prozent der Befragten schon mal Functional Food gekauft, doch nur jeder Vierte traut den Gesundheitsversprechen.

All das soll nun ein Ende haben: Ab 1. Juli 2007 wird neu geregelt, was die Hersteller auf die bunten Lebensmittel-Packungen schreiben dürfen und was nicht. Denn dann tritt die "EU-Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben auf Lebensmitteln" in Kraft. Ein Überblick über das, was uns im Supermarkt erwartet.

"Fettarm" nur bis drei Gramm pro 100 Gramm

"Fettarm", zuckerfrei", "reich an Vitamin C" - solche Slogans heißen

nährwertbezogene Angaben

. Sie beschreiben, welche gesunden Stoffe drin sind in Lebensmitteln - oder aber, welche ungesunden Stoffe nicht drin sind.

Die neue Verordnung regelt mit genauen Grenzwerten, wann welcher Slogan erlaubt ist. So dürfen Lebensmittel etwa nur dann als "kalorienarm" vermarktet werden, wenn sie maximal 40 Kilokalorien pro 100 Gramm haben. "Fettarm" darf nur auf Produkten stehen, die weniger als drei Gramm Fett pro 100 Gramm enthalten. Und wer die Packung mit "light" beschriften will, muss den Kaloriengehalt des Lebensmittels um mindestens 30 Prozent reduzieren.

Ebenfalls neu: "Wer mit einer solchen nährwertbezogenen Angabe werben will, muss die Nährwerte des Produkts ausführlich kennzeichnen", sagt Oliver Frandrup-Kuhr vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Mit dem plakativen Aufdruck "light" ist es dann oft nicht mehr getan - der Hersteller muss genau aufführen, wie viele Kalorien, Kohlenhydrate, Eiweiß, Zucker, Fett, gesättigte Fettsäuren, Ballaststoffe und Kochsalz das Lebensmittel enthält. Die Beweggründe der EU sind klar: Mehr Transparenz für die Verbraucher.

Strenge Auflagen für Heilsversprechungen

Daneben gibt es die so genannten

"Health Claims"

. "Stärkt die Abwehrkräfte" ist so einer, "senkt den Cholesterinspiegel" ein anderer. Sie erläutern, wie das Lebensmittel oder einer seiner Bestandteile die Gesundheit fördert.

Hier müssen die Hersteller künftig Studien vorlegen, die die versprochene Wirkung beweisen. Niemand soll mehr mit Botschaften werben dürfen, deren Wahrheitsgehalt fragwürdig ist. Außerdem muss auf der Packung stehen, wie viel man essen muss, damit der positive Effekt eintritt, und ob übermäßiger Verzehr gefährlich sein kann.

"In Deutschland durfte man bislang, bis auf wenige Ausnahmen, bei der Werbung für Lebensmittel nicht auf Krankheiten Bezug nehmen", erläutert Frandrup-Kuhr. Mit der neuen Verordnung werden Versprechen wie "Senkt das Herzinfarkt-Risiko" erstmals möglich. Die so genannten

"Risk Reduction Claims"

müssen aber vorher von der zuständigen Behörde geprüft und zugelassen werden - und wie bei den Health Claims geht auch hier nichts ohne wissenschaftliche Nachweise.

"Fettfrei - aber mit viel Zucker"

Mit den umsatzfördernden Gesundheitsversprechen soll jedoch nicht jeder Hersteller werben dürfen: Enthält ein Produkt etwa zu viel Zucker, zu viel Fett oder zu viel Salz, darf der Hersteller nicht mehr behaupten, es sei in irgendeiner Weise gesundheitsfördernd. Bei den Angaben zum Nährwert ist die EU nicht ganz so streng: Die Hersteller dürfen ihre Fruchtgummis weiter als "fettfrei" vermarkten - aber nur, wenn sie den Warnhinweis "aber mit viel Zucker" hinzufügen.

Nährwertprofile

heißen diese Höchstgrenzen für Stoffe, die womöglich krank machen können, wenn man sie häufig und in großen Mengen isst. Sie sollen verhindern, dass Lebensmittel als gesund beworben werden, die es in Wahrheit gar nicht sind.

Neue Slogans? Vorerst allenfalls vereinzelt

Was ändert sich mit der neuen Richtlinie für die Verbraucher? Vorerst zumindest nicht viel. Zwar wird die Regelung zu Nährwert-Angaben - etwa "fettarm", "light" und "reich an Vitamin C" - am 1. Juli verbindlich. Für bereits hergestellte Lebensmittel gelten aber Übergangsfristen.

Die Nährwertprofile gibt es bisher noch gar nicht: Die EU-Kommission wird sie erst im Januar 2009 festlegen. "Das Damoklesschwert der Nährwertprofile schwebt über den Unternehmen", urteilt Frandrup-Kuhr. Er hält es beispielsweise für möglich, dass die Süßwarenindustrie bald nicht mehr ohne weiteres behaupten darf, ihre Erzeugnisse seien aufgrund einer bestimmten Zusammensetzung gesundheitsfördernd. Vorerst aber dürfen Fruchtgummi-Hersteller noch mit dem Slogan "fettfrei" werben und den Zuckergehalt dezent im Kleingedruckten verstecken.

Auch bei den vollmundigen Gesundheitsversprechen wird sich vorerst wenig tun: Die EU gibt den Herstellern Zeit, ihre alten Werbebotschaften mit wissenschaftlichen Studien zu untermauern. Frandrup-Kuhr rechnet damit, dass in der Zwischenzeit höchstens vereinzelt neue Slogans auftauchen: "Einige Hersteller werden sicher die Chance nutzen, ihre Claims zu schärfen oder zu konkretisieren."

Versprechen wie "Senkt das Herzinfarkt-Risiko", bisher verboten, dürfen die Hersteller nun beantragen. Zugelassen werden sie jedoch erst nach einem langwierigen Prozess - müssen doch die Firmen zum Schutz der Verbraucher die Aussage wissenschaftlich belegen. "Wird der Nachweis nicht erbracht, ist die Aussage nicht zulässig“, betont Frandrup-Kuhr. "Die Hürden für die Zulassung eines Risk Reduction Claims sind hoch."

Kryptische Botschaften

Die neu beschrifteten Lebensmittel werden also erst nach und nach Einzug im Supermarkt halten. Wer heute in den USA in den Supermarkt geht, erhält dort einen Vorgeschmack auf das, was uns bald erwartet. Dort sind "Risk Reduction Claims" bereits seit 1993 erlaubt - und auf den Packungen stehen kryptische Botschaften wie diese: "Eine Ernährung, die arm ist an gesättigten Fettsäuren und Cholesterin und die zwei Portionen eines Lebensmittels beinhaltet, das insgesamt mindestens 1,3 Gramm Pflanzensterine täglich liefert, kann das Risiko einer Herzkrankheit verringern. Eine Portion dieses Lebensmittels enthält x Gramm Pflanzensterine."

Womöglich brauchen unsere Lebensmittel bald einen Beipackzettel, weil die Informationen nicht alle auf der Packung Platz finden - der Margarine-Hersteller Becel hat es mit seiner "pro activ"-Reihe schon vorgemacht. Und wir brauchen vielleicht bald einen Abschluss in Ernährungswissenschaften, um das Kauderwelsch zu verstehen.