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Verbraucherschutz: Täuschungsmanöver mit Tütensuppe

"Natur Pur" verspricht eine Tütensuppenlinie aus dem Hause Maggi. Außerdem: 100 Prozent Geschmack - und zwar ohne den Zusatzstoff Geschmacksverstärker. Für "Etikettenschwindel" halten das die Verbraucherschützer von "foodwatch". In einer neuen Kampagne warnen sie, Maggi führe Verbraucher in die Irre.

Von Claudia Wüstenhagen

Eine Spargelcremesuppe hat den Zorn der Verbraucherschützer geweckt. "Natur Pur" heißt die Tütensuppe von Maggi, die foodwatch bei ihrer aktuellen "abgespeist"-Kampagne ins Visier nimmt. 100 Prozent natürliche Zutaten verspricht Maggi. Um das zu unterstreichen, hat das Unternehmen sogar bei der Tüte auf braune Papier-Optik gesetzt - weil das "an Verpackungen auf dem Markt oder beim Bio-Händler erinnert" heißt es in einer Pressemeldung des verantwortlichen Designers. Foodwatch zeigt sich von der Tüte im rustikalen Papier-Look wenig beeindruckt, vom pulverisierten Inhalt ebenso wenig.

Täuschung der Verbraucher

Was an einer Tütensuppe, einem hochgradig verarbeiteten "High-Tech-Produkt", noch Natur pur sein soll, leuchtet den Mitarbeitern von foodwatch schon grundsätzlich nicht ein. Ganz besonders ärgert sie an der gezielten Inszenierung als Naturprodukt aber der Hinweis, die Suppen seien ohne den "Zusatzstoff Geschmacksverstärker" hergestellt worden. Foodwatch sieht darin eine Täuschung der Verbraucher. "Die Kunden lesen das und freuen sich, denn sie verstehen es so, als wäre tatsächlich kein Geschmacksverstärker drin", sagt Matthias Wolfschmidt, foodwatch-Kampagnenleiter. Und gerade hier liege der Irrtum. Denn die Suppen enthalten Hefeextrakt, einen Geschmacksverstärker auf natürlicher Basis.

Hefeextrakt besteht aus den geschmacksverstärkenden Substanzen Glutamat, Inosinat und Guanylat. Mit natürlicher Hefe habe er zudem nicht mehr viel zu tun, da er in einem hochgradig technisierten Verfahren hergestellt würde. Weil es kein isolierter Stoff, sondern eine Stoffmischung ist und als "natürliche Zutat" definiert wird, muss Hefeextrakt vom Gesetzgeber aus aber nicht als Zusatzstoff Geschmacksverstärker deklariert werden. Er gilt als Zutat, nicht als Zusatzstoff.

Legaler "Etikettenschwindel"

Was Maggi auf seine Suppentüte schreibt, ist also ganz legal. Für foodwatch ist es trotzdem ein "Etikettenschwindel". Auch wenn die Begriffe juristisch korrekt seien, werde der Kunde über den Charakter des Produktes getäuscht. "Es ist ein raffiniert formuliertes Versprechen, das Verbraucher in die Irre führt", sagt Wolfschmidt. "Wer soll denn da noch durchblicken?", fragt er. "Der Laie kann das doch unmöglich verstehen." Dass die Suppen aus der Natur-Pur-Linie deutlich teurer seien als andere Suppen von Maggi, "setzt dem Ganzen die Krone auf", sagt Wolfschmidt.

Umfrage zeigt: 75 Prozent finden die Aufschrift irreführend

Verbraucher sehen sich durch die Beschriftung offenbar tatsächlich getäuscht. Das bestätigt eine von foodwatch in Auftrag gegebene, repräsentative EMNID-Umfrage, deren Auswertung stern.de vorliegt. Die Meinungsforscher fragten 1003 Leute, ob sie es für irreführend hielten, wenn eine Tütensuppe einen Geschmacksverstärker auf natürlicher Basis enthalte, auf der Verpackung aber der Hinweis "ohne den Zusatzstoff Geschmacksverstärker" stünde. 75 Prozent der Befragten antworteten mit ja.

Bei Nestlé Deutschland, dem Mutterkonzern der Maggi GmbH, kann man die Aufregung um den Hefeextrakt offenbar nicht verstehen. Auf Anfrage von stern.de erklärt eine Sprecherin: "Wir können nicht nachvollziehen, warum die Verwendung dieses Lebensmittels plötzlich als Verbrauchertäuschung interpretiert werden soll, nur weil sich die Lebensmittelindustrie die Eigenschaften von Hefeextrakt in alternativen Rezepturen zunutze macht." Hefeextrakt werde Lebensmitteln zur Geschmacksabrundung zugeben - bislang besonders in der alternativen Küche und im Reformhaus. Hier diene er schon seit Jahrzehnten zum Würzen, zur Vitamin-B1- und Mineralstoffanreicherung.

Glutamat in anderen Lebensmitteln

Außerdem weist Nestlé daraufhin, dass Hefeextrakt "von Natur aus" freies Glutamat enthalte - ebenso wie alle eiweißhaltigen Lebensmittel sowie Obst und Gemüse. Sogar in der Muttermilch sei es zu finden. Foodwatch lässt dieses Argument nicht gelten. "Es stimmt, Glutamat ist sogar in Tomaten enthalten, aber der Unterschied ist doch, dass es in die Tomate nicht erst reingesetzt werden muss." Der Maggi-Suppe hingegen werde es in Form des Hefeextraktes erst zugesetzt.

Warum überhaupt der Wirbel um Glutamat? Manche Kritiker halten es für möglich, dass große Mengen des Geschmacksverstärkers die Appetitregulation stören und Übergewicht fördern können. Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) könnten außerdem einzelne Personen überempfindlich reagieren. Dennoch hat das BfR keine Bedenken dagegen, geringe Mengen von Glutamat gelegentlich bei der Zubereitung von Speisen zu verwenden. In der Öffentlichkeit sowie unter Wissenschaftern wurde auch immer mal wieder ein möglicher Zusammenhang zwischen einem erhöhten Glutamatverzehr und chronisch neurodegenerativen Erkrankungen, wie Morbus Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose diskutiert. Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) kam jedoch vor Jahren zu dem Ergebnis, dass bei Verwendung der üblichen Mengen an Glutamat in Lebensmitteln neurotoxische Wirkungen nicht zu befürchten sind. Die Senatskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat sich 2005 dieser Auffassung angeschlossen, dabei jedoch den Bedarf weiterer Forschung betont, um mögliche Risikogruppen zu charakterisieren.

"Wer den Mund so voll nimmt, ist in einer Bringschuld"

Der Gesundheitsaspekt spielt bei der "abgespeist"-Kampagne auch eher eine Nebenrolle. In erster Linie gehe es foodwatch darum, trickreichen Werbelyrikern das Handwerk zu legen, die mit den Emotionen der Verbraucher spielten. "Niemand geht davon aus, dass jemand tot umfällt oder Schwindelanfälle bekommt, wenn er diese Suppen isst", sagt Kampagnenleiter Wolfschmidt. Doch es sei die Pflicht des Herstellers, korrekt über den Inhalt der Suppe zu informieren und Substanzen wie Glutamat beim Namen zu nennen. "Wer den Mund so voll nimmt wie Nestlé und Maggi, der ist seinen Kunden gegenüber in einer Bringschuld."

Dabei enthält die Spargelsuppe aus der Natur-Pur-Linie deutlich weniger Glutamat als andere Spargelsuppen von Maggi. Foodwatch hat sich mithilfe einer Laboruntersuchung selbst davon überzeugt. "Das könnte man ja auch entsprechend hervorheben", sagt Wolfschmidt. "Es wäre doch vollkommen ok, zu sagen, durch den Einsatz von Hefeextrakt konnte der Glutamatgehalt gezielt gesenkt werden. Das wäre ehrlicher gewesen."

Nicht nur Gammelfleisch-Ganoven führen hinters Licht

Und in puncto Ehrlichkeit gibt es unter deutschen Lebensmittelherstellern offenbar noch Verbesserungsbedarf. Bei der "abgespeist"-Kampagne geht es foodwatch vor allem darum, "bei den Verbrauchern ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sie nicht nur von finsteren Gesellen hinters Licht geführt werden, die im Hinterzimmer mit vergammeltem Fleisch handeln, sondern auch von großen Unternehmen, die uns mit ihrer Werbelyrik in Sicherheit wiegen, ihre vollmundigen Versprechen aber nicht einhalten." Das Vertragsverhältnis zwischen Kunde und Hersteller müsse sich ändern. "Wer etwas verspricht, der muss auch von Kunden dazu gezwungen werden können, es einzuhalten."

Nicht nur die Verbraucher hätten das Nachsehen. Auch Hersteller, die tatsächlich keine Geschmacksverstärker einsetzen, würden benachteiligt, meint foodwatch. Einen fairen Wettbewerb fördere die aktuelle Gesetzeslage daher nicht. Auch wenn Maggi in der aktuellen Kampagne im Zentrum der Kritik steht - andere Hersteller machen es ähnlich. Auf Suppen aus dem Hause Knorr steht beispielsweise ebenfalls der Hinweis "ohne geschmacksverstärkende Zusatzstoffe". Hefeextrakt findet sich auch dort auf der Zutatenliste. "Wir wollen eine Diskussion anfachen, in deren Verlauf man sicher auch über die Kennzeichnungspraktiken anderer Hersteller sprechen muss", sagt Wolfschmidt.