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Grabstätte Jebel Sahaba Wiederkehrende Kämpfe statt Steinzeit-Krieg: Neue Erkenntnisse über die Skelette aus dem Niltal

Ein menschliches Skelett wird ausgegraben
Bei einer erneute Analyse der Skelette entdeckten die Forscher:innen neue Wunden (Symbolbild)
© University of Sheffield / Picture Alliance
Anstatt eines einmaligen Massakers sollen wiederkehrende gewalttätige Auseinandersetzungen verantwortlich gewesen sein für die Verletzungen der 1965 im Niltal ausgegrabenen Skelette. Als Grund für diese ersten frühzeitlichen Kämpfe ziehen Forscher:innen den Klimawandel in Betracht.

1965 wurden 61 Skelette im Niltal, dem heutigen Gebiet des Sudan, ausgegraben. Die Grabstätte Jebel Sahaba galt fortan als frühester Beweis für gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Menschen – ein Vorläufer der organisierten Kriegsführung sollte nach damaligen Erkenntnissen der wahrscheinliche Grund für den Tod der gefundenen Skelette gewesen sein. Dem widersprechen jedoch nun neuste Studienergebnisse französischer und britischer Forscher:innen, welche die im British Museum in London aufbewahrten menschlichen Überreste anhand neuster wissenschaftlicher Methoden einer erneuten  Untersuchung unterzogen haben. Ihr Ergebnis: Kein einmaliges Massaker war, wie bisher vermutet, der Grund für den Tod der 61 Menschen. Wahrscheinlicher ist, dass sie sporadischen  wiederkehrenden Angriffen ausgesetzt waren, im Zuge derer einige von ihnen immer wieder Verletzungen erlitten und schließlich starben. Ihre letzte Ruhe fanden sie dann auf dem Friedhof Jebel Sahaba. 

106 weitere Verletzungen entdeckt

Die im Fachjournal "Scientific Reports" veröffentlichte Studie der Forscher:innen gibt Aufschluss darüber, wie sie zu dieser neuen Einschätzung und zum Verwurf der Annahme eines ersten prähistorischen Krieges kamen: Es gelang dem Team, 106 zuvor nicht dokumentierte, verheilte und unverheilte Verletzungen an den Skeletten sowie Splitter von Steinwaffen in einzelnen Knochen festzustellen. Von den 61 untersuchten Individuen wiesen 41 mindestens eine Art von verheilter oder unverheilter Verletzung auf: Das sind drei Viertel aller Erwachsenen und die Hälfte aller Kinder, die auf dem Friedhof ausgegraben wurden. 

Zudem wies ein Viertel der Skelette sowohl Spuren von verheilten als auch unverheilten Traumata auf, wobei Einstichwunden durch Waffen wie Pfeile und Speere zu den häufigsten Verletzungen zählen. Diese Art der Verletzungen lasse laut den Forscher:innen darauf schließen, dass sie nicht auf Gewalt innerhalb der Mitglieder einer Gemeinschaft zurückzuführen seien. Vielmehr handele es sich um Gewalteinwirkungen von außerhalb der eigenen Gruppe, zugefügt bei kleineren Kämpfen.

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Insbesondere Individuen mit verheilten und unverheilten Wunden deuten laut den Forscher:innen darauf hin, dass sie im Verlauf ihres Lebens wiederholt mit zwischenmenschlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen konfrontiert gewesen sein müssen. Zu ihnen zählen 16 der Skelette. Die Konfrontation mit und Ausübung von Gewalt war somit ein Teil ihres Lebens. Männer, Frauen und Kinder waren dabei unterschiedslos von der Gewalt betroffen, Abweichungen lassen sich jedoch in der Art der Verletzung erkennen.

Isabelle Crevecoeur, Forscherin am französischen Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) und Hauptautorin der Studie erklärte CNN, wie sich Verletzungen von Männern und Frauen unterscheiden: "Der einzige Unterschied bezieht sich auf das, was man als Nahkampf bezeichnen könnte. Frauen haben mehr Parierfrakturen am Unterarm und Männer mehr Frakturen an der Hand. In einem Nahkampf könnten Frauen eher instinktiv versuchen, sich mit den Armen zu schützen, während Männer eher mit ihren Händen kämpfen." Bei Kindern ließen sich eher stumpfe Gewalteinwirkungen auf den Kopf feststellen.

Der Klimawandel als mögliche Konfliktursache

Über die mögliche Ursache für die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppen können die Forscher:innen weiterhin nur mutmaßen. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass große Klima- und Umweltveränderungen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Konflikte gespielt haben. Vor 11.000 bis 20.000 Jahren bedeckten aufgrund der letzten Kaltzeit Eisschilde weite Teile der nördlichen Hemisphäre und beeinflussten das globale Klima. In den Gebieten des heutigen Ägyptens und des Sudans herrschte deshalb ein kaltes und trockenes Klima, was die Gebiete rund um den Nil zu einem Zufluchtsort für viele Gruppen machte.

Konflikte rivalisierender Gemeinschaften, die um Nahrung und Ressourcen konkurrierten, entluden sich laut der Forscher:innen wahrscheinlich in gewalttätigen Auseinandersetzungen. "Diese Veränderungen waren keineswegs schleichend. Sie mussten diese Veränderungen, die brutal waren, überleben", sagt Crevecoeur CNN über die damalige Veränderung des Klimas. Ihre neuerliche Untersuchung habe zudem bestätigt, dass Jebel Sahaba mindestens 13.400 Jahre alt und damit eine der frühesten Stätten der Welt sei, die Spuren zwischenmenschlicher Gewalt zeigen.

Quellen: CNN / "Scientific Reports"

as

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