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Achtlingsmutter Nadya Suleman: Verrückt nach Kindern

Der Fall der "Octomom" in den USA sorgt weltweit für Diskussionen. Ist Elternglück um jeden Preis zulässig? Wer kommt für die Kinder auf? Die arbeitslose Mutter Nadya Suleman will sich von solchen Fragen in ihrer Freude nicht stören lassen.

Von Christine Kruttschnitt

Für eine halbe Stunde am Tag hat Noah seine Mutter ganz für sich allein. Sie nimmt ihn vorsichtig in den Arm, singt ein Kinderlied, streichelt ihm über den Kopf, säuselt Dinge wie: "Ich hab dich lieb." Oder: "Erkennst du schon meine Stimme?" Oder: "Oh, du machst ja die Augen auf!" Nach 30 Minuten kommt Jeremiah dran.

Dann Maliah. Dann Isaiah. Dann Nariah. Dann Makai. Dann Josiah. Dann Jonah. Dann fährt Nadya Suleman nach Hause zu ihren anderen Kindern.

Fragt Elijah, wie es in der Schule war. Begrüßt Amirah. Streichelt J. J. übers Haar. Küsst Aidan. Kitzelt die zweijährigen Zwillinge Caleb und Calissa. "Im Moment ist alles ganz einfach", sagt die 14-fache Mutter und lacht. Sie klingt fröhlich. Und ein wenig trotzig. "Schwierig wird es erst, wenn die Babys heimkommen."

Plötzlich Achtlinge

Dass es sich dabei um nicht weniger als acht handelt, weiß seit dem 26. Januar die ganze Welt. Da verkündeten strahlend die Ärzte des Kaiser Permanente Hospitals in Bellflower bei Los Angeles die Sensation. Nur drei der etwa neun Wochen zu früh geborenen Säuglinge müssten künstlich beatmet werden, Mutter und Kinder seien ansonsten wohlauf. Amerika war stolz auf die tapfere Mutter - eine 33-jährige Unbekannte.

Die Begeisterung währte nur kurz. Denn nach und nach kam alles heraus: dass die Wöchnerin bereits sechs Kinder hatte, zwei bis sieben Jahre alt. Dass sie arbeits- und mittellos ist und mit beinahe 50.000 Dollar verschuldet. Dass sämt- liche Kinder Ergebnis künstlicher Befruchtung sind. Dass es keinen Vater zu dieser Kinderschar gibt, nur einen "befreundeten" Samenspender, der anonym bleibt und zu nichts verpflichtet ist.

Rührung und Sympathie schlugen um in Verständnislosigkeit und Empörung. Nadya Suleman erhält Hassbriefe, ihr Anrufbeantworter zeichnet Schimpftiraden auf, in denen sie als aufmerksamkeitsgeile Egoistin gescholten wird, die sich ihren krankhaften Fortpflanzungstrieb vom Steuerzahler finanzieren lasse - und die Anrufer geben dabei ihre Nummern zu erkennen, als sähen sie diese Attacken als ihre Bürgerpflicht. Am Wochenende warf die PR-Agentur, die sich erst 14 Tage zuvor eingeschaltet hatte, das Handtuch, entsetzt über den Aufruhr, den "loony octomom", die irre Achtlingsmutti, ausgelöst hat.

Darf jede Frau so viele Kinder in die Welt setzen, wie sie will? Wo endet der Wunsch, wann beginnt der Wahn? Sollen und dürfen Mediziner sie mit allen Methoden unterstützen, auch wenn die Gesundheit der Schwangeren und der Babys dabei auf dem Spiel steht? Kann und soll die Entscheidung, sich Kinder anzuschaffen, Privatsache bleiben, auch wenn die Gemeinschaft die Folgen tragen muss?

Ethische Grundsätze fehlen

Der Fall der kalifornischen Achtlinge - es gab bislang nur sechs solcher Mehrlingsgeburten weltweit - bringt nicht nur eine Biografie ans Tageslicht, die ebenso ungewöhnlich wie verstörend ist. Er beleuchtet auch die Praktiken amerikanischer Fertilitätskliniken, die offenbar viel zu bereitwillig ethische Grundsätze den Forderungen der zahlenden Kunden unterwerfen.

Unter allen US-Bundesstaaten verfügt Kalifornien über die mit Abstand größte Nachwuchs-Industrie. Die meisten dieser Privatkrankenhäuser - keine Versicherung zahlt für künstliche Befruchtung - befinden sich in und um Los Angeles. So auch die "West Coast IVF Clinic" in Beverly Hills, die mit "high technology, low cost" wirbt - viel Baby für wenig Geld. Hier wurde Nadya Suleman mit 26 Jahren erstmals schwanger. Das Bedürfnis, ein Baby zu haben, hatte ihr Leben beherrscht.

Schon als Teenager wünscht sie sich nichts sehnlicher als Kinder, träumt von einer Großfamilie. Sie heiratet einen mexikanischstämmigen Polizisten, da ist sie 22. Ihre Mutter Angela Suleman, die sich in den vergangenen drei Wochen mehrmals erbost über ihre "starrsinnige" Tochter ausließ, behauptet, Nadya habe Marcos Gutierrez vor allem auserkoren, weil er gut aussah und für hübsche Kinder sorgen könne.

Depression durch Kinderlosigkeit

Nadya erleidet im Verlauf ihres vierjährigen Zusammenlebens drei Fehlgeburten. "Ich war am Boden zerstört", sagt sie mit dieser immer leicht aufgeregt klingenden Mädchenstimme. In einem psychologischen Gutachten, das nach einem Unfall an ihrem damaligen Arbeitsplatz erstellt wird, ist von tiefen Depressionen infolge der Kinderlosigkeit und gar von Selbstmordgedanken die Rede. Sie hatte einen Job als Assistentin in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses - und hörte auf zu arbeiten, nachdem sie bei einer Patientenrandale am Rücken verletzt wurde. Sie wird in diesen Dokumenten als labil beschrieben. Sie selbst sagt: "Ich wollte sterben."

Das ist lange her. Nun präsentiert sich Nadya als ausgeglichene, milde Supermami. Mit Reportern zu sprechen fällt ihr leicht, als wäre es etwas ganz Alltägliches, sich vor einem Mikrofon über ihre Ehe oder ihre Eileiter auszulassen. Sie sagt, dass sie sich zurück nach ihrem "alten Leben" sehne, bevor der Zirkus um "Octomom" begann, bevor Paparazzi in ihrem Vorgarten lagerten. Und doch scheint sie die Aufmerksamkeit zu genießen. In ihrem ersten Fernsehinterview flirtet sie gekonnt mit der Kamera. Und bei ihren Streicheleinheiten für die acht Babys präsentiert sie der verblüfften Nation schneeweiß manikürte Fingernägel. Ihr habt einen Star aus mir gemacht, schien dieser Auftritt zu sagen.

Sie ist eine hübsche Frau mit dunklen Augen und dunklem Haar, in ihren Zügen spiegelt sich die arabische Herkunft ihres Vaters. Und angeblich auch nacheifernde Bewunderung für die Schauspielerin Angelina Jolie. Die Frage, ob sie ihre erstaunlich vollen Lippen - die auf älteren Fotos weit schmaler wirken - habe künstlich auffüllen lassen, lächelt sie weg. Dito den Verdacht, ihr zartes Näschen sei von Chirurgenhand geformt, früher schien es doch viel kräftiger. "Meinen Sie, ich habe Zeit für so etwas?", fragt sie kokett.

Ein Baby aus fünf Embryonen

Ihr künstlich aufgefülltes Leben begann im Herbst des Jahres 2000. Da setzt der Arzt Michael Kamrava der nunmehr von ihrem Partner getrennt lebenden Nadya Suleman fünf Embryos ein. Fünf! "Dazu muss man wissen, dass meine Eileiter vernarbt sind", sagt sie. "Meine Chancen standen nicht gut. Es kam ja auch nur ein einziges Baby dabei heraus."

Sie verehrt ihren Doktor, gegen den die kalifornische Ärztekammer inzwischen eine Untersuchung wegen Verletzung ethischer Grundsätze eingeleitet hat. Sie schwärmt von seiner "bahnbrechenden" Methode, die befruchtete Eizelle direkt in die Gebärmutterwand zu injizieren statt wie üblich nur mitten in den Uterus hinein. Kamravas Kollegen sind weniger beeindruckt. Obwohl er pro In-vitro-Prozedur weit mehr Embryonen einsetzt als von Medizinerverbänden empfohlen, wird in seiner Klinik ein kleinerer Teil der behandelten Frauen schwanger als im Durchschnitt.

Kamrava steht unter Erfolgsdruck. Und Nadya hebt seine Quote. Jeder ihrer weiteren Besuche in Beverly Hills endet mit dickem Bauch. Das Geld dafür - der Eingriff kostet zwischen 8000 und 12.000 Dollar - stammt aus Ersparnissen und den Zahlungen für ihre Bandscheibenverletzung. Insgesamt 168.000 Dollar bezieht sie seit 2002, erst 2008 ist Schluss. Nach dem dritten Kind, erzählt sie, habe sie auch mal über Adoption nachgedacht. "Aber ich fürchtete, dass diese Agenturen mich auslachen. Eine alleinstehende Mutter ohne geregeltes Einkommen ... da würden doch sicher kinderlose Ehepaare bevorzugt." Sie macht im Alleingang weiter, ein Sohn und die Zwillinge folgen.

Zurück zu den Eltern

Seit drei Jahren wohnt Nadya im Haus ihrer Mutter. Die Nachbarn in Whittier, einem Vorort von Los Angeles, beschreiben die fast immerzu schwangere junge Frau als freundlich, fröhlich, angenehm. Man kriegt sie nicht oft zu Gesicht. Wenn die Kinder vor dem Haus Krach machen, kommt die Großmutter herausgelaufen und kümmert sich. Nadyas Eltern sind seit 13 Jahren geschieden, leben jetzt aber wieder unter einem Dach - "wegen der Situation", erklärt die Achtlingsmutter, als wären die Maler im Haus.

Die Situation, sie entstand, als Nadya im vergangenen Sommer ihren Doktor um eine letzte Lieferung bat. Sie wünschte sich noch ein Mädchen. Sechs Embryos wurden eingesetzt. Als sie erfuhr, dass sich durch Teilung sieben Föten entwickelt hatten, war sie "überrascht". Und dann: "glücklich". Das achte Baby wurde erst bei der Geburt entdeckt. Auf die Frage, ob sie daran gedacht habe, die Anzahl der Föten zu reduzieren, reagiert sie fassungslos: "Niemals. Was dabei geschieht, ist grauenhaft! Der Arzt sticht einem Wesen, das schon Wimpern hat und Schmerz empfindet, mitten ins Herz. Ich mag gar nicht darüber nachdenken."

Wie über so vieles nicht. Sie habe niemals 14 Kinder gewollt, sagt sie. "Aber ich entschuldige mich nicht dafür. Ich bereue es nicht. Was soll das jetzt auch? Ich muss doch nach vorn blicken."

Der Vater übernimmt keine Verantwortung

Vor einem Monat habe sie zuletzt mit dem biologischen Vater gesprochen, der durch eine einzige Samenspende zu seinem umfangreichen Nachwuchs kam. Im Fernsehinterview vor 14 Tagen hatte Nadya der NBC-Reporterin noch versichert, der "Freund" würde sich "in Zukunft" sicher um seine Sprösslinge kümmern. Nun sagt sie: "Er wird keine Rolle spielen in meinem Leben. Wir haben eine Abmachung getroffen, schon vor vielen Jahren, dass er keine Verantwortung übernehmen muss. Diese ganze Sache jetzt macht ihm Angst."

Ihr nicht? "Ich kann mir Angst nicht leisten", sagt sie. "Ich habe gelernt, mit Krisensituationen umzugehen." Nadya hat ein Studium als Erziehungsberaterin angefangen. Die Lektüre wissenschaftlicher Studien über Kindheitstraumata habe ihr geholfen, sich selbst besser zu verstehen. Nicht, dass sie eine schlimme Kindheit hinter sich habe - sie liebe ihre Eltern sehr, sagt sie, und sie habe sich von ihnen geliebt gefühlt. Aber: Sie war allein. Keine Geschwister. "Und wollen wir nicht immer, was wir nicht haben? Ganz sicher hat bei mir eine Projektion stattgefunden: Die ungelösten Probleme meiner Kindheit sind als Wünsche in mein Erwachsenenleben zurückgekehrt. Ich brauchte Stunden, um das jetzt genau zu erklären. Aber Tatsache ist, dass Kinder mich glücklich machen."

Kann sie sich bei ihren Kindern revanchieren? "Ich liebe sie bedingungslos!", ruft sie. "Ich lasse alles stehen und liegen für sie! Welche Mutter, welcher Vater macht das schon?"

490 Dollar Zuschuss

Wieder dieser Unterton von Trotz. Sie habe momentan 2500 Dollar auf dem Konto, verrät sie. Kindergeld wie in Deutschland gibt es nicht. Ihr festes monatliches Einkommen besteht aus 490 Dollar staatlichem Zuschuss zum Haushaltsgeld ("food stamps") sowie Sozialhilfe in geschätzter Höhe von rund 2400 Dollar für drei ihrer sechs älteren Kinder, die wegen unterschiedlicher Störungen in Behandlung sind. Ein Sohn ist autistisch, ein anderer leidet an Konzentrationsschwäche, eine Tochter ist in der Sprachentwicklung zurückgeblieben.

Das PR-Team hatte vergangene Woche eine Webseite für die Großfamilie ins Netz gestellt, die zu Spenden aufrief. Zehntausende E-Mails gingen ein: wie Nadya es nach ihrer gewissenlosen "Großtat" wagen könne, die Öffentlichkeit um Geld zu bitten. "Ich wusste nichts von dieser Website! Ich habe nicht einmal einen Computer!", sagt sie hastig. Und beteuert, dass sie "in diesen harten Zeiten" niemals auf ökonomische Unterstützung hoffe. "Windeln wären nett", fügt sie hinzu.

Windeln allein, errechneten amerikanische Magazine, kosten die Achtlingsmutter in diesem Jahr knapp 10.000 Dollar. Babynahrung: fast 50.000 Dollar. Nach Statistiken der US-Regierung muss eine alleinstehende Mutter für 14 Kinder bis zu deren 17. Lebensjahr zwischen 1,3 und 2,7 Millionen Dollar aufbringen. Angelina Jolie kann das. Aber Nadya Suleman?

Buhfrau der Nation

Seit dem Wochenende beschäftigt Nadya einen Agenten, der Buch- oder Werbeverträge für sie an Land ziehen soll. Bisher hat sich kein Unternehmen gemeldet, nicht mal Pampers. Schließlich ist sie zur Buhfrau der Nation geworden, obwohl Amerika ansonsten keine Gelegenheit auslässt, Mutterglück zu glorifizieren.

Sie wolle ja arbeiten, sagt Nadya Suleman. Im Herbst oder spätestens im nächsten Frühjahr werde sie ihr Studium wieder aufnehmen, damit sie bald als Erziehungsberaterin beginnen könne. Wenigstens halbtags. Wenn die Großen in der Schule und die Kleinen im Kindergarten sind. Ihre Mutter, überlegt sie, müsste sich dann wohl ein Apartment nehmen. Jedenfalls bis sie, Nadya, ein größeres Haus gefunden habe. Im Moment wohnt sie mietfrei. Mit kostenloser Oma. Fünf Tage die Woche kommt eine Nanny vorbei.

"Ich weiß, dass ich es schaffen werde", sagt Nadya mit beseelter Stimme. Sie klingt wie eine Missionarin in einem alten Hollywoodfilm. Oder wie die Cheerleaderin, die sie früher an der Highschool war. "Gott hätte mir diese Aufgabe nicht gegeben, wenn er nicht wüsste, dass ich sie bewältige." Natürlich sei sie auf Hilfe angewiesen, fügt sie vorsichtig hinzu.

Naivität und Narzissmus

Dass die traditionell großzügigen Amerikaner sich damit in ihrem Fall so schwertun, liegt daran, dass Nadya Suleman nicht aus Not in ihre unmögliche Situation geraten ist, sondern aus Naivität - und Narzissmus. Sie hätte diese Kinder, die letzten acht, nicht empfangen, geschweige denn gebären müssen. Aber sie wollte es. Sie wollte mehr von sich um sich haben.

Die Geburtsklinik bittet nun um Finanzspritzen aus Steuergeldern, weil Entbindung und Pflege der Frühchen den Versicherungsrahmen sprengen. Und Amerika fängt in schwieriger Zeit an zu rechnen: Wer zahlt die Arztkosten, wer die Fahrräder und Fußbälle? Wer die Schulen, wer die Psychologen der vielen Kinder, wenn sie sich vernachlässigt fühlen, wenn eine halbe Stunde Mutterliebe pro Tag nicht reicht? Und der Staat Kalifornien unter milliardenschweren Schulden ächzt.

Nadya Suleman verkündet derweil, neue Teppiche zu verlegen. Und die Zimmer zu streichen. Zwei zusätzliche Kinderbettchen könnte sie gebrauchen, überlegt sie: "Am Anfang kann man vier Babys in eines packen." Sie vertraue auf ihre Nachbarn und Freunde, die hätten bisher auch immer geholfen. Am vergangenen Samstag kehrte sie ins gelbe Häuschen ihrer Mutter zurück, nachdem sie sich eine Woche lang mit den älteren Kindern vor dem Zorn ihrer Zeitgenossen hatte verstecken müssen.

Auch über ein neues Auto denkt sie nach. Sie habe nur einen Siebensitzer. Sie brauche aber wohl einen Bus. Sie lacht. Will sie tatsächlich ihren Alltag filmen lassen, als Reality-Show fürs Fernsehen? Aber nein, winkt sie ab, "alles Lügen und Gerüchte da draußen. Jetzt kommen erst mal die Babys nach Hause. Wir sind happy, happy".

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