Körperwelten Leichen im Keller


Seit es seine umstrittene Ausstellung Körperwelten gibt, muss sich der Heidelberger Anatom Gunther von Hagens die Frage stellen lassen: Woher kommen die Toten, die er konserviert? stern-Reporter recherchierten in Kirgisien - und machten grausige Entdeckungen.

Bei Narynbaj Mamakejew klingelte das Telefon. Es war die Nachbarin seines Bruders Keneschbek. "Dein Bruder ist weg", rief sie. "Er ist vor zwei Tagen aus dem Haus gegangen und nicht zurückgekehrt." Sofort machte sich der damals 65-jährige Rentner auf die Suche im winterlich-kalten Bischkek, der Hauptstadt Kirgisiens. Er fragte bei Verwandten und Freunden, fuhr von Krankenhaus zu Krankenhaus, ging zur Polizei und gab eine Vermisstenanzeige auf. Niemand wusste etwas. Die Zeitung druckte ein paar Tage später ein Foto des Verschollenen, das Fernsehen bat um Hilfe. Keneschbek blieb verschollen.

Drei Jahre später die erste Spur. "Wir haben Neuigkeiten über Ihren Bruder", teilte ein Parlamentsabgeordneter mit. Ermittler des Innenministeriums waren auf Unregelmäßigkeiten in der Medizinischen Akademie in Bischkek gestoßen, bei einer Durchsuchung hatten sie eine Totenliste aus dem Jahr 2000 gefunden. Der Vermisste stand an zweiter Stelle. Laut Krankenakte hatte ein Rettungswagen ihn am Abend seines Verschwindens mit einem schweren Schlaganfall ins 4. Krankenhaus der Stadt eingeliefert. Vier Tage später war er gestorben, ohne dass irgendjemand informiert worden wäre.

Zentrale des Grauens

Aufgewühlt fuhr Mamakejew zur Medizinischen Akademie. "Wir können ihren Bruder heute nicht herausgeben", sagte ein Mitarbeiter lakonisch, "er ist tiefgefroren." Weil Mamakejew beharrte, führte man ihn in den Keller. Dort trieben Dutzende tote Körper in großen Becken, in der Kühlkammer stapelten sich Leichen. "Bitte", bekam Mamakejew zu hören, "suchen Sie sich einen aus."

Was der Mann damals noch nicht ahnte: Er stand mitten in der Zentrale des Grauens, aus der der deutsche Anatom Gunther von Hagens jahrelang Material für seine umstrittenen Leichenkonservierungen bezogen hatte. Mit der Ausstellung "Körperwelten", in der er durch Plastik haltbar gemachte Tote zeigt, tourt er seit 1996 um den Globus. "13 Millionen Besucher", so von Hagens, hätten seine plastinierten Leichen inzwischen gesehen. Von Japan über Korea bis München, Köln, Hamburg und demnächst Frankfurt - die makabre Show zieht die Massen an und ist höchst lukrativ. Für zwölf Millionen Euro hat von Hagens mittlerweile im chinesischen Dalian eine "Plastination City" gebaut, in der aus Toten Kunststofffiguren werden.

Seit den ersten Ausstellungen muss sich der Mann mit dem Beuys-Hut fragen lassen, woher die vielen Leichen kommen, die er so perfekt konserviert und mit künstlerischem Anspruch modelliert. Immer wieder hat er versichert, dass die Menschen, aus deren Körpern er seine "Gestalt-Plastinate" formt, zu Lebzeiten eine Einverständniserklärung unterschrieben hätten. Diese "Körperspende" (von Hagens) ist sein Freifahrtschein ins ethische Grenzgebiet.

Doch wer sich in der Medizinischen Akademie in Bischkek umschaut, mit der von Hagens eng zusammenarbeitet, bekommt Zweifel an der von ihm behaupteten Freiwilligkeit. Inzwischen untersucht neben der Polizei auch ein kirgisischer Parlamentsausschuss die Herkunft der Toten. Hauptvorwurf: unerlaubter Leichenexport.

In der weitgehend muslimischen Ex-Sowjetrepublik müssen alle Verstorbenen, deren Todesursache unklar ist, obduziert werden. Doch bei einer Razzia fanden die Fahnder im Keller der Medizinischen Akademie stapelweise zusammengefrorene Leichen, die nicht nur nicht untersucht waren, sondern teilweise sogar noch bekleidet - und zum Teil schon seit zwei Jahren dort lagerten. In 110 Plastikfässern schwammen menschliche Reste: ganze Organkomplexe von der Zunge bis zum Darmausgang, vom Rumpf getrennte Köpfe, einzelne Arme - Herkunft unklar. "So etwas habe ich noch nie gesehen", sagt der Leiter der Bischkeker Gerichtsmedizin, Bakytbjek Turdalijew. "Solche Bilder kennt man sonst nur aus Auschwitz."

In einer Zweigstelle der Akademie, einige Kilometer außerhalb von Bischkek, beschlagnahmten die Ermittler vier "ungeöffnete" Föten samt Nabelschnur und Plazenta. Dort experimentierten die Institutsmitarbeiter mit einer besonders gruseligen Form der Plastination, der "Korrosion": Eine Suppe gefräßiger Bakterien zersetzt das Gewebe des toten Körpers, dessen Gefäße mit Kunststoff voll gepumpt sind. Wegen des unerträglichen Fäulnisgestanks wurde dieses Labor außerhalb der Stadt eingerichtet.

Nach und nach tauten die Gerichtsmediziner die tiefgefrorenen Leichen auf und obduzierten sie - soweit möglich. In mindestens zehn Fällen ergab sich ein Verdacht auf gewaltsamen Tod. Einige Opfer waren an schweren Schädelverletzungen gestorben, einer hatte ein gebrochenes Genick, ein anderer einen eingedrückten Brustkasten. Landeten in der "Akademie" auch die Opfer von Morden?

Immerhin kamen die Toten zum Teil aus Gefangenenlagern, etwa den "Moldowanowskije Zony", gab Professor Walerij Gabitow zu, der langjährige "Koordinator" von Hagens' in Bischkek. Die Lager hatten kein Geld, um gestorbene Häftlinge zu beerdigen. "Sollten sie die Leichen einfach über den Zaun werfen? Sie riefen an, ein Auto kam, es wurde eingeladen, das Material bei uns ins Kühlhaus verfrachtet." Gelegentlich sei für die Leichen sogar gezahlt worden - "ungefähr 500 Som", rund zehn Euro.

Kein Geld für die Beerdigung

In Kirgisien wissen auch die Krankenhäuser oft nicht, wie sie Leichen loswerden sollen. Sie haben kein Geld, um sie zu beerdigen. Auch die Angehörigen holen die Toten häufig nicht ab, weil sie sich eine Bestattung nicht leisten können - ideales Umfeld für ein Unternehmen, das menschliche Körper als Rohstoff braucht.

So gab auch das psychiatrische Krankenhaus von Tschym-Korgon zwischen 1997 und 2002 mehr als 150 Leichen an die Medizinische Akademie ab. "Sie kamen immer zu zweit", berichtet der Aufseher Tinai Akijew, "ein Arzt und der Chauffeur. Ich bekam eine Liste mit Namen, und zusammen haben wir Körper aufgeladen. Sie haben nur die ungeöffneten Leichen mitgenommen, weil sie die anderen nicht brauchen konnten."

Unklar ist derzeit noch, ob und wie viele der dubios beschafften Leichen aus Kirgisien in der Ausstellung zu sehen sind. Keine einzige, behauptet von Hagens. Doch nicht nur sein ehemaliger Intimus Professor Gabitow erklärt, dass rund ein Drittel der Exponate in den "Körperwelten" aus Kirgisien kommt. Sogar die Bannerfigur der Ausstellung - der Mann, der die eigene Haut über dem Arm trägt - soll aus Bischkek geliefert worden sein, versichert ein Präparator: "Wir nannten ihn Schkura" - russisch für Fell oder Haut. "Buratino" hieß ein anderes Plastinat wegen seiner Ähnlichkeit mit der russischen Pinocchio-Figur. "Auch der Läufer und der Schubladenmann sind aus Bischkek", sagt einer, der daran mitgearbeitet hat, dem stern.

Für Gunther von Hagens sind die Vorwürfe aus Kirgisien ein Gemisch aus "Lügen" und "reiner Fantasie". Einzelheiten will er allerdings nicht preisgeben, denn "mit solchen Ausführungen würde ich die Gefühle von Menschen verletzen, die nicht mit solchen anatomischen Details konfrontiert werden wollen". Überdies lehne er eine "Differenzierung anatomischer Präparate nach Herkunftsländern und Nationalitäten" ab. Für ihn sei das "postmortale Rassenzählerei" - "würdelos und sensationsheischend". Gabitow habe ihm versichert, dass es sich bei einem Teil der Lieferungen um "herrenlose Leichen" handle, deren Verwendung zulässig sei.

Von Hagens bestreitet auch, die kirgisischen Herkunftsorte der Toten gekannt zu haben. Ehemalige Mitarbeiter widersprechen ihm. "Dass Gunther nicht wusste, woher die Leichen kamen, ist einfach nicht wahr", sagt die Anatomin Gulnara Dosmanbetowa. "Er war über alle Bewegungen informiert."

Bischkek entwickelte sich zur ergiebigen Quelle der Hagensschen Unternehmung. Fahrer der Akademie brachten immer wieder Massen von anatomischen Präparaten nach Heidelberg ins Institut für Plastination, das von Hagens' Frau Dr. Angelina Whalley gehört. Nach einer internen Aufstellung, die dem stern vorliegt, waren das 488 "Ganzkörper", zehn Föten, 431 Gehirne und zahlreiche verschiedene "innere Org.", außerdem noch "ein Kamel". Von Hagens hat inzwischen eingeräumt, dass Heidelberg "29389 kg Präparate" aus Bischkek bezog.

Ein erstes Geständnis. Als 2001 herauskam, dass die Medizinische Akademie von Nowosibirsk 56 Leichen zweifelhaften Ursprungs an das Heidelberger Institut geliefert hatte, schob er die Verantwortung auf seine Partner und kündigte den Kooperationsvertrag. Jetzt steht der Chef der Gerichtsmedizin in der sibirischen Metropole vor Gericht.

Damit sich auch der lange Rückweg von Heidelberg nach Bischkek lohnte, transportierte der Lastwagen allerlei medizinisches Gerät und Computer, aber auch Haushaltsgeräte wie Kühlschränke und Mikrowellen - deklariert als "Humanitäre Hilfe" und damit steuerfrei.

Von Hagens hat immer wieder behauptet, aus seinem "Körperspenden"-Programm "mehr als genug" Verstorbene zu bekommen - nach eigenen Angaben bislang 260. Für die Plastination sind junge Körper am besten. "Körper, die älter als 50 Jahre sind, taugen nicht", sagt ein Mitarbeiter in Kirgisien. "Die Muskeln sind schlaff und die Gefäße sind zu alt und zu brüchig von Sklerose, um sie mit dem Silikongemisch zu füllen." 260 "Körperspender" jünger als 50?

"Ein alter Opa ist noch nicht mal für die Scheiben zu gebrauchen", sagt der Insider mit Blick auf die mit der Kunststoffverbindung Epoxy gehärteten Körperschnitte, die in der Ausstellung zu sehen sind. An den alten Leichen würden stattdessen Experimente durchgeführt. "Einmal haben wir getestet, wie man durch Vakuum die Verteilung der Kunststoffe im Körper beschleunigen kann. Wir haben so lange den Unterdruck erhöht, bis der Leiche die Augen aus dem Schädel getreten sind wie in einem Schwarzenegger-Film."

Anonymisierung der Leichen

Was von Hagens "Anonymisierung" nennt, die die Betroffenen vor "unzulässiger Sensationsmache schützen" solle, ist zudem bestens geeignet, Spuren nach Kirgisien zu verwischen. Tätowierungen der Häftlinge etwa würden entfernt und durch andere Haut ersetzt, Gesichtszüge verändert, berichtet ein Mitarbeiter. "Das ist gar kein Problem, da mit Silikon ein paar Muskeln aufzukleben." Angesichts der immer schwereren Vorwürfe wenden sich ehemalige enge Mitarbeiter vom "Körperwelten"-Erfinder ab. Sein kirgisischer Statthalter Professor Gabitow hat sich im Streit getrennt. Auch Dr. Sui Hongjin, der half, das Zentrum in Dalian aufzubauen, hat sich von ihm distanziert. "Er hat sich verändert. Wenn er mal Wissenschaftler war - jetzt ist er purer Geschäftsmann", sagt der ehemalige Freund, "er hat erkannt, was für ein glänzendes Business die Ausstellungen sind."

In seiner "Plastination City" in der "Dalian High-Tech Industrial Zone" präparieren inzwischen rund 200 Angestellte wie am Fließband, aber keiner traut sich, darüber zu reden. "Als ich sagte, dass ich das Unternehmen verlasse, bekam ich massive Schwierigkeiten mit ihm", sagt Dr. Sui, "viele ehemalige Angestellte fürchten sich."

Jetzt gerät von Hagens auch in Deutschland unter Druck. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg ermittelt, ob er zu Unrecht einen Professorentitel trägt. "Prof. Gunther von Hagens" steht in unzähligen Dokumenten, seitdem Leichen seinen Weg pflastern: von Zollpapieren im Jahr 1966 bis zur Homepage der "Körperwelten", auf der die "Fazination des Echten" versprochen wird. Einen echten Professoren-Titel aus Deutschland hat von Hagens nicht - nur einen als Gastprofessor in China, den er hier bestenfalls mit dem Zusatz "VRC" tragen darf. Bloß hat der Mann aus Heidelberg in Dalian "nie unterrichtet", wie der Vizepräsident der Medizinischen Universität dem stern erstaunt versichert.

Dafür hat er in China heimlich einen toten Gorilla einführen und plastinieren lassen, behauptet Dr. Sui. Auch dafür dürften sich die Strafverfolger in Deutschland interessieren. Denn der Zoo von Hannover hatte von Hagens den ertrunkenen "Artis" zur Verfügung gestellt. Der Gorilla soll bald ausgestellt werden. Aber eine "Überführung" nach China und der Reimport nach Deutschland ohne Genehmigung verstießen gegen das Bundesnaturschutzgesetz. Dazu will sich von Hagens im Hinblick auf ein laufendes Ermittlungsverfahren nicht äußern.

Auch in Hamburg und in München haben Staatsanwälte den Mann ins Visier genommen, der offenbar zwischen Genialität und Größenwahn schwankt. "Ich führe die Tradition Leonardo da Vincis fort", hat er 1998 im stern-Interview geprahlt. In München und Hamburg führte er seine Plastikleichen zu einem nächtlichen Foto-Shooting in die Innenstadt. Zumindest in der bayerischen Hauptstadt muss er jetzt mit Strafbefehl oder Anklage wegen "Störung der Totenruhe" rechnen. "Ich glaube nicht", sagt der Münchner Oberstaatsanwalt August Stern, "dass Herr von Hagens die Einwilligung der plastinierten Menschen hat, nachts als Leiche an eine Bushaltestelle gestellt zu werden oder vor der Feldherrnhalle zu knien."

Narynbaj Mamakejew in Bischkek hofft immer noch, dass sein Bruder gefunden wird - oder das, was von ihm übrig ist. "Der Mensch ist aus Erde gemacht, er soll auch in der Erde ruhen, so schreibt es unsere Kultur vor", sagt er, "gebt mir wenigstens einen Finger meines Bruders wieder, damit ich ihn beerdigen kann."

Julian Hans und Wolfgang Metzner print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker