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Eizellen-Prozess in Rostock Ja zum Leben, Schluss mit der Heuchelei!


Ines S. wurde heute das Recht eingeräumt, mit eingefrorenen, befruchteten Eizellen so umzugehen, wie sie und ihr verstorbener Mann es vorgesehen hatten: Sie darf Mutter werden. Dass diese Entscheidung nicht für selbstverständlich gehalten wurde, ist ein Skandal.
Ein Kommentar von Frank Ochmann

Es ist ein sehr gutes Urteil, das heute in Rostock gesprochen worden ist. Und hoffentlich eines, das Schule macht, auch wenn Juristen das womöglich anders sehen. Der 29-jährigen Klägerin Ines S. wurde von den Richtern zugestanden, selbst entscheiden zu dürfen, was mit den befruchteten Eizellen geschehen soll, die gekühlt in einer Klinik lagern. Die junge Frau und ihr Mann hatten sie den Ärzten dort 2008 anvertraut, um sich durch eine spätere Einpflanzung in die Gebärmutter der Frau den sehnlichen Kinderwunsch erfüllen zu können. Dem hätte normalerweise auch nichts entgegengestanden, wäre der Ehemann der Klägerin nicht zwischenzeitlich verstorben. Nun griff angeblich das Embryonenschutzgesetz der Bundesrepublik, das es verbietet, die Samenzellen Toter für die Befruchtung von Eizellen zu verwenden. Aber waren diese Zellen nicht längst und mit der ausdrücklichen Zustimmung des Samenspenders befruchtet worden? Noch nicht abschließend, so argumentierten die Vertreter der Klinik. Deshalb käme die eigentliche Befruchtung bei der Herausgabe der Eizellen erst nach dem Tod des Samenspenders zustande und sei darum gesetzeswidrig.

Vorkern-Stadium wurde für Ethiker erfunden

Es ist vor allem eine jahrelange staatlich und juristisch gepflegte Heuchelei, die diesen Konflikt überhaupt erst entstehen ließ. Von "befruchteten Eizellen" ist zwar in diesem Fall immer wieder die Rede, und doch handelt es sich letztlich um nichts anderes als Embryonen. Nun, werden Ethiker einer gewissen Couleur einwenden, es sind deshalb noch keine Embryonen, weil die befruchteten Eizellen sich im so genannten Vorkernstadium befinden. Will heißen: Die Verschmelzung der Kerne von Eizelle und Samenzelle wurde durch Einfrieren noch rechtzeitig verhindert. Das genetische Material von Mutter und Vater liegt also auch in der Eizelle im gefrorenen Zustand noch weiter getrennt vor.

Doch, so sagte mir schon vor Jahren ein hiesiger Stammzell-Pionier, der der political correctness wegen nicht genannt werden möchte, dieses Vorkernstadium habe man gewissermaßen für die Ethiker erfunden. Denn so ist es nun möglich, befruchtete Eizellen einzufrieren, gleichzeitig aber das Verbot zu umgehen, das ganze Embryonen gekühlt gehalten werden. Denn die dürfen nicht vernichtet werden, sagt das Gesetz. Im Vorkernstadium aber sieht das anders aus. Da können nicht genutzte befruchtete Eizellen auch entsorgt werden. Wen kümmert es da noch, dass beim Auftauen vermutlich genau das passiert, was hatte verhindert werden sollen, nämlich die vollständige Verschmelzung der Kerne? Kurz: Das ganze Gerede vom Vorkernstadium, das seit Jahren alle Diskussionen um das Embryonenschutzgesetz durchzieht, hat nichts mit Lebensschutz zu tun, ist nichts als Heuchelei.

Umso erfreulicher ist es, dass sich die Richter des Rostocker Oberlandesgerichts jetzt von dieser Haltung distanzierten. Denn selbst wenn es sich tatsächlich nur um befruchtete Eizellen handelte, über die hier debattiert wurde, wie könnte in einem solchen existenziellen Fall ein Verfügungsrecht der Klinik - oder auch des Staates - über dem Recht der Eltern liegen? In der öffentlichen Diskussion wurde auch der Einwand gebracht, die Austragung sei der Klägerin auch deshalb vorzuenthalten, weil das zur Welt kommende Kind in einen Ein-Eltern-Haushalt geboren würde und darum von vornherein benachteiligt wäre. Dieses Argument ist an Absurdität kaum noch zu überbieten. Wollen wir künftig Eltern die Fortpflanzung auch dann verweigern, wenn wir ihre finanziellen Möglichkeiten für nicht ausreichend halten? Ist ein Kind nicht auch dann benachteiligt, wie sogar durch Forschung belegt werden kann?

Ein Signal, die Heuchelei endlich zu beenden

Selbstverständlich kann man der Meinung sein, dass Leben grundsätzlich zu schützen und darum jede Form der Nutzung von Embryonen zu verbieten sei. So zu denken bedeutet dann aber konsequenterweise zum Beispiel auch, dass es nicht erlaubt sein kann, Medikamente oder therapeutische Verfahren, die im Ausland in Zusammenhang mit embryonalen Stammzellen entwickelt worden sind, irgendwann auch in diesem Lande Patienten zu verschreiben. Und es bedeutet auch, dass man sich mit seinen ethischen Bedenken nicht hinter einem absurden Vorkernstadium verstecken kann, wenn man sich zum Beispiel als Partei nicht mit einer allzu konsequenten Haltung um die Wählergunst der einen oder anderen Seite bringen will.

Gut möglich, dass dieser Fall noch nicht endgültig abgeschlossen ist und es zu einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht kommt. Wie auch immer, es ist höchste Zeit, dass das heutige Rostocker Urteil als ein Signal verstanden wird, die nur schwer erträgliche Heuchelei in bioethischen Fragen hierzulande zu beenden. Zum Beispiel auch bei der Frage, wo die Embryonen der Klägerin nun eingesetzt werden können. Aus der juristischen Not heraus soll das nun in Polen geschehen, heißt es. Armes Deutschland.


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