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Wunderwerk Stimme: Tonfabrik im Kehlkopf

Vom ersten Schrei bis zum letzten Seufzer - unsere Stimme begleitet uns ein Leben lang. Dabei wissen wir erstaunlich wenig über sie. Stimmt's?

Von Lea Wolz

Schwerstarbeit im Kehlkopf: Wenn wir singen oder sprechen, schlagen unsere Stimmlippen mehrere hundert Mal pro Sekunde zusammen

Schwerstarbeit im Kehlkopf: Wenn wir singen oder sprechen, schlagen unsere Stimmlippen mehrere hundert Mal pro Sekunde zusammen

Sie verrät viel über uns. Geschlecht, Alter und Nationalität sind aus ihr herauszuhören, auch Gefühle wie Ärger, Wut und Trauer schlagen sich nieder. Ein Leben lang ist sie unser Begleiter, reift und altert mit uns. Doch unsere Kultur liebt die Schrift und vergisst dabei den Klang. Dabei ist unsere Stimme ein mächtiges Instrument – wir haben nur verlernt, darauf zu spielen.

Ingrid Metz-Neun kann das. Die 59-Jährige ist seit über 40 Jahren als Synchronsprecherin tätig und fast jeder dürfte sie schon einmal gehört haben. In Köln und Koblenz, in Fulda und Hamburg sagt sie unter anderem in U- und S-Bahnen die Haltestellen an. "Beim Einsprechen habe ich darauf geachtet, gleichbleibend freundlich zu sein", sagt sie. Diejenigen die morgens auf dem Bahnsteig frieren oder sich in eine volle Bahn drängeln müssen, will Metz-Neun wenigstens "mit ihrer Stimme streicheln". Angenehm warm und entspannt klingt diese.

Zu viel Kraft schadet unserer Stimme

Ob ausgebildete Sprecherin oder Reibeisen - wir alle produzieren Stimme im Prinzip gleich. Mit Organen, die eigentlich andere Aufgaben haben. Unsere Lunge versorgt in erster Linie das Blut mit Sauerstoff. Mit dem sogenannten Vokaltrakt, zu dem Nasen-, Mund- und Rachenraum zählen, nehmen wir Luft und Nahrung auf. Der Kehlkopf wiederum "sitzt an der Schnittstelle zwischen Atemweg und Schluckstraße und schützt die Lunge mit einem Verschlussmechanismus davor, dass Fremdkörper eindringen", sagt der Arzt und ausgebildete Opernsänger Bernhard Richter. "Genau mit diesem Verschluss, den Stimmlippen, produzieren wir Töne."

Richter leitet das Zentrum für Musikermedizin in Freiburg, die Mitarbeiter sind medizinisch und musikalisch ausgebildet. Das Zentrum ist eine ideale Anlaufstelle für Sänger, Schauspieler und Lehrer - alles Berufsgruppen, die auf eine gesunde, funktionierende Stimme angewiesen sind. Sie werden hier behandelt, wenn sie die Töne nicht mehr treffen oder sich durch den Unterricht krächzen. "Häufig handelt es sich dabei um sogenannte funktionale Stimmstörungen", sagt Richter. Das heißt: Organisch ist alles in Ordnung, Stimme wird allerdings falsch produziert, zum Beispiel mit zu viel Kraft.

Höchstleistungen im Kehlkopf

Das schadet unserem Tongenerator, den beiden Stimmlippen, die im Kehlkopf liegen. Lediglich zehn bis 15 Millimeter sind diese in ihrem schwingenden Anteil lang. Ihre Arbeit ist dennoch ein kleines Wunderwerk. Um zum Beispiel den Ton A zu produzieren, der eine Frequenz von 440 Hertz hat, schwingen sie 440 Mal in der Sekunde. Zahlreiche Muskeln sind dabei in Bewegung. Männer brummen in der Regel mit einer Frequenz um die 120 Hertz, bei Frauen schwingen die Stimmlippen um die 240 Mal in der Sekunde. Allein mit Muskelkraft wäre das gar nicht möglich.

Bei den Stimmlippen greift ein strömungsmechanischer Effekt, der bei einem einfachen Experiment zu beobachten ist. Hält man zwei Blatt Papier in einem Abstand von einem Zentimeter parallel nebeneinander und bläst von oben hinein, werden sie nicht auseinander gestoßen, sondern saugen sich gegenseitig an. Das liegt daran, dass an der Stelle, an der die Luft durch einen Engpass am schnellsten strömt, der Druck am geringsten ist. Ein ähnlicher Saugeffekt ist bei den schwingenden Stimmlippen zu beobachten.

Schreien, Quäken, Quietschen

Je nach Tonhöhe und Lautstärke sind die Stimmlippen unterschiedlich gespannt. Die Dicke entscheidet wiederum über die Frequenz - also darüber, ob wir hoch oder tief sprechen. Wie beim Gitarrenspiel: Auch dort klingt eine dickere Saite tiefer als eine dünne und gespannte. Sind zwei Saiten allerdings gleich gespannt, klingt die Kürzere höher als die Lange. Daher sind Kinderstimmen generell höher als die von Erwachsenen, und Männerstimmen tiefer als die von Frauen.

Sprechen wir lauter, wird die Luft aus der Lunge mit größerem Druck gegen die Stimmlippen gepresst. Ungeübte Stimmen werden daher auch automatisch höher, wenn sie die Lautstärke steigern - denn die Stimmlippen reagieren auf den zunehmenden Druck wiederum mit vermehrter Anspannung. Das Beispiel zeigt: Unsere Stimme ist ein höchst kompliziertes Zusammenspiel zwischen unseren Kehlkopfmuskeln, den Stimmlippen, der Luft aus unserer Lunge, dem Vokaltrakt und unserem Gehirn, das die meisten Bewegungen steuert.

Dabei macht ein Baby vom ersten Schrei an alles richtig. "Die Koordination zwischen Atmung und Stimmgebung ist bei ihm noch optimal", sagt Richter. Sein Zwerchfell, unser Haupteinatmungsmuskel, ist noch nicht durch zu viel Sitzen erschlafft. Stundenlang kann es daher schreien, ohne heiser zu werden, quäken und quietschen.

Doch beim Schreien allein bleibt es zum Glück nicht.

Ein kleines Kind kann noch stundenlang schreien, ohne heiser zu werden

Ein kleines Kind kann noch stundenlang schreien, ohne heiser zu werden

Jede Stimme hört sich anders an

Dass wir nicht nur quietschen, sondern verständlich sprechen, liegt an unserem Vokaltrakt, auch Ansatzrohr genannt. Der Mund-, Nasen- und Rachenraum ist unser Schallrohr. "Hier wird der Klang, der an den Stimmlippen entsteht, verstärkt und geformt", sagt Richter. "Indem ich die Größe dieses Raumes ändere, die Lippen nach vorne stülpe oder die Zunge bewege." Beim "o" zum Beispiel runden wir unsere Lippen, beim "l" legen wir die Zunge seitlich an den Zahndamm - und lenken so den Luftstrom und den Klang. Da jeder Hohlraum seine eigenen Resonanzen hat, also bestimmte Obertöne verstärkt und andere dämpft, hört sich jede Stimme anders an. Zudem können wir den Klang gezielt steuern und zum Beispiel regional einfärben. Im Norden sprechen viele mit gehobenem Kehlkopf, in Süddeutschland ist die Stimme dagegen eher nach hinten verlagert.

Wandernde Kehlköpfe und wachsende Stimmlippen

Jeder Mensch gebraucht seine Stimme also anders und im Lauf des Lebens wandelt sich diese. Bei der Evolution vom Affen zum Menschen ist der Kehlkopf immer tiefer gerutscht. Was damals Jahrmillionen gedauert hat, durchläuft heute jeder Säugling in der ersten Lebensphase. Am Anfang steht der Kehlkopf noch weiter oben, so dass Babys gleichzeitig atmen und Milch saugen können, ohne sich zu verschlucken. Ab ungefähr sechs Monaten wandert er tiefer, die Zunge wird beweglicher. Das Gaumensegel kann jetzt nicht mehr so einfach verhindern, dass Nahrung in die Luftröhre gerät. Dafür gibt es oberhalb des Kehlkopfes mehr Raum, um den Klang zu variieren. Die Sprache muss für den Menschen enorm wichtig gewesen sein, wenn er dafür sogar in Kauf nahm, zu ersticken, vermutet daher der Psychologe und Autor des Bestsellers "Der Sprachinstinkt" Steven Pinker.

Auch die Stimmlippen sind bei Babys noch deutlich kürzer als bei Erwachsenen. Was ein paar Millimeter ausmachen, zeigt sich im Stimmbruch. "Die Sexualhormone lösen einen Wachstumsschub aus, der besonders deutlich bei Jungen zu beobachten ist", sagt HNO-Arzt Richter. Der Kehlkopf wird größer, die Stimmlippen wachsen um gut einen Zentimeter.

Spiegelbild der Seele

Ganz fertig ist unsere Stimme nie. Genau wie wir selbst verändert sie sich weiter - bis ins hohe Alter. Bei Frauen haben vor allem hormonelle Schwankungen darauf Einfluss, denn sie wirken auf den Wasserhaushalt des Körpers und damit auch auf die Schleimhaut der Stimmlippen. Diese wird zum Beispiel während der Periode vermehrt durchblutet und verdickt sich. "Bei ungefähr 20 Prozent aller Frauen klingt die Stimme in dieser Zeit anders, die Leistungsfähigkeit nimmt ab", sagt Richter. "Ähnlich ist es, wenn Frauen in die Wechseljahre kommen: Bei den meisten wird die Stimme dann tiefer und brüchiger." Doch wie beim Sport, ist es auch möglich durch Training die eigene Stimme fit zu halten - und damit jünger zu klingen.

Ingrid Metz-Neun hat ihre Stimme seit ihrer Jugend gepflegt. Die ausgebildete Schauspielerin betreibt mittlerweile ein eigenes Synchron-Studio in Offenbach, neben Haltestellen hat sie auch die Anweisungen von Navigationsgeräten und Werbespots gesprochen sowie Marilyn Monroe ihre Stimme geliehen. Auch nach über 40 Jahren findet sie ihre Arbeit noch immer "wahnsinnig spannend". Sich um die eigene Stimme genauso zu kümmern wie um das Aussehen, ist für sie selbstverständlich, denn: "Die Stimme ist stärker ein Spiegelbild der Seele, als manche Menschen glauben", sagt sie.

Lesen Sie im nächsten Teil der Serie, was die Stimme alles verrät.

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