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Abstruse Ideen: Mit Atombomben gegen die Ölpest

Seit dem Sinken der Ölplattform im Golf von Mexiko hat der Ölkonzern BP über 20.000 Vorschläge erhalten, wie das Leck am Meeresboden geschlossen werden kann. Einer sorgt dabei für besonders viel Aufsehen.

Von Lea Wolz

Ameisen sind schlaue Tiere. Sie bauen Wege und transportieren ihre Beute gemeinsam von einem Ort zum anderen. Doch dabei ist keine Ameise alleine klug, erst der Schwarm lässt sie intelligente Lösungen finden - auf die sie alleine vielleicht gar nicht gekommen wären.

Ähnliches probiert der britische Ölkonzern BP seit einiger Zeit. Da es mit den eigenen Versuchen, das Leck im Golf von Mexiko zu schließen, bis auf den kleinen Teilerfolg mit der Absaugglocke nicht so recht klappen will, setzen die Ingenieure auch auf Schwarmintelligenz. Im Internet kann jeder BP seine Idee schicken, wie das Loch nach seiner Ansicht gestopft werden kann. Mehr als 20.000 Vorschläge hat der Konzern seit der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon nach eigener Aussage schon erhalten. Diese werden an Experten weitergeleitet und geprüft - so verspricht es jedenfalls BP.

Betonplatten und aufblasbare Kissen

Unter den Vorschlägen sind auch manche, die zurzeit nicht nur an Stammtischen diskutiert werden: Große Plastikkissen sollten zum Beispiel zum Meeresgrund gebracht werden, um dort das Öl hineinzufüllen. Andere versprechen sich Hilfe von einem Betonklotz, der das Loch einfach zerquetschen und abdichten soll. Oder von magnetischen Klammern, mit denen Leitungen am Leck befestigt werden, in denen das Öl nach oben gepumpt werden kann. Auch der Einsatz von Sprengstoffen wird vorgeschlagen. Ingenieure warnen allerdings, dass dadurch das Bohrloch gänzlich zerstört werden könnte und so weiterhin Öl- nur unkanalisiert - fließen würde.

"Bei den Plastikkissen könnten sich ähnlich schnell wie bei den Kuppeln Gashydrate bilden und die Leitungen verstopfen", sagt Matthias Reich, Experte für Bohrtechnik an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg. Auch die Idee, eine Betonplatte auf den Meeresgrund zu lassen, helfe wenig. " Wenn man die Bohrung einfach oben am Meeresgrund verschließt, baut sich ein sehr hoher Druck auf, in diesem Fall wahrscheinlich über 400 Bar", sagt Reich. Zum Vergleich: "Ein Haus lässt sich unter Umständen schon mit 20 Bar anheben."

Russland hatte mit Atombomben Erfolg

Am meisten Aufmerksamkeit erhielt allerdings eine Idee, die schon seit einiger Zeit durch die amerikanischen Medien geistert und von Fachleuten ins Gespräch gebracht wurde. Warum das Loch nicht mit einer Atombombe schließen? Wie die "New York Times" schreibt, hatten russische Ingenieure mit genau diesem Verfahren vor einigen Jahrzehnten Erfolg: Sie dichteten Gaslecks ab, indem sie tief im Untergrund eine Atombomben explodieren ließen. Die Hitze brachte das umliegende Gestein und die Mineralien zum schmelzen, der Gasfluss war unterbrochen. Allerdings wurde diese Methode bis jetzt nur an Land eingesetzt - und nicht 1500 Meter unter der Wasseroberfläche. "Im Golf von Mexiko, wo weitflächig alles voller Leben ist, würde ich lieber nicht mit einer Atombombe herumspielen", sagt Reich.

Theoretisch ist die Idee gar nicht so dumm: Explodiert eine Atombombe, entstehen Temperaturen die heißer sind als auf der Oberfläche der Sonne. Dadurch würden Gestein und Mineralien schmelzen - und sich in eine Art großen Glaspfropfen verwandeln, der die Leitung abdichtet.

Klingt logisch? Das meinen auch die Anhänger dieser Idee, die mit jedem gescheiterten Versuch und jedem Rückschlag mehr werden. So fand CNN-Reporter John Roberts schon in der vergangenen Woche: "Bohr ein Loch, schmeiß eine Atombombe rein und dichte das Leck ab." Doch ganz so einfach ist das nicht. Zum einen wäre die Aktion technisch durchaus riskant. Welche Konsequenzen die freigesetzte radioaktive Strahlung hätte, ist nicht klar. Zudem hat die USA Verträge unterzeichnet, die Atomtests verbieten - auch zu friedlichen Zwecken. Einem Staat, der sich für atomare Abrüstung einsetzt, stünde es daher schlecht zu Gesicht, plötzlich wieder zu zündeln.

Wie die "New York Times" haben US-Regierung und Experten mittlerweile auch die Gerüchte dementiert. Niemand würde darüber nachdenken, eine Atombombe unter dem Golf von Mexiko zu zünden, sagte eine Sprecherin des Energieministeriums. Und auch im Internet wird nicht nur ernsthaft über diese Idee diskutiert. "Was ist schlimmer als eine Ölpest?", witzelte ein Blogger auf "Full Comment", einem Blog der "National Post" in Toronto. Die Antwort: "Eine radioaktive Ölpest."