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BETRUG: Ende einer Forscherkarriere

Nach dem spektakulären Fälschungs-Skandal um den Physiker Jan Hendrik Schön hat der ehemalige Forscherstar nun einige seiner Veröffentlichung in dem renommierten Wissenschaftsmagazin »Science« zurückgezogen. Ein Novum in der Geschichte des Journals.

Deutscher Physiker zieht acht Fachartikel zurück

Ganze vier Jahre dauerte der Traum. Frisch promoviert war der Physiker Jan Hendrik Schön von der Universität Konstanz 1998 in die USA gerufen worden. Einer der weltweit führenden Experten für Hochtemperatur-Supraleiter, Bertram Batlogg, holte ihn in sein Labor bei den Bell Labs in Murray Hill (US- Bundesstaat New Jersey). Dort kam Nachwuchsforscher Schön (32) zu »bahnbrechenden« Ergebnissen, die ihm nach Einschätzung mancher Kollegen bereits den Nobelpreis in Aussicht stellten. Diese vermeintlich sensationellen Erfolge sorgen jetzt für den bislang größten Rückzieher wissenschaftlicher Fachartikel im renommierten US- Forschungsjournal »Science«.

Insgesamt acht Aufsätze ziehen Schön und seine Kollegen in der aktuellen Ausgabe zurück, nachdem eine Prüfungskommission der Bell Labs die Resultate des deutschen Nachwuchsforschers vor einem Monat als teilweise gefälscht entlarvt und seine Entlassung veranlasst hatte. Nach Auskunft der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (AAAS), Herausgeberin von »Science«, wurden noch nie so viele Artikel auf einmal aus dem Journal zurückgezogen.

»Obwohl die fraglichen Arbeiten möglicherweise auch einige seriöse Ideen und Beiträge enthalten, halten wir es für das beste, sie komplett zurückzuziehen«, schreiben die insgesamt neun Forscher in »Science«. Kein anderer Physiker konnte Schöns Experimente zum elektronischen Verhalten natürlicher Kristalle wiederholen, die große Fortschritte in der Elektronik versprachen. Nach Angaben der Bell- Labs-Prüfungskommission unter Leitung des Forschers Malcolm Beasley von der Stanford University soll Schön von 1998 bis 2001 in 16 von 24 überprüften Fällen Daten manipuliert oder falsch dargestellt haben.

Auch »Nature« plant Rückzug von fünf Artikeln

Auch das britische Konkurrenzblatt »Nature« plant nach eigener Auskunft den Rückzug von fünf Fachartikeln, die Schöns Namen tragen. Batlogg, Schön und ihr Bell-Labs-Kollege Christian Kloc wollen außerdem den angesehenen Braunschweig-Preis und das Preisgeld in Höhe von 50 000 Dollar (51 000 Euro) zurückgeben, mit dem sie vergangenes Jahr ausgezeichnet worden waren. An der Universität Konstanz prüft eine Kommission alle Arbeiten, die Schön an der Hochschule gemacht hat, darunter auch seine Promotion.

Seitdem sich Schöns Daten als fingiert herausstellten, rätseln Experten in den USA und Deutschland, warum sie nicht rechtzeitig aufmerksam geworden waren. Ein ausschlaggebender Punkt war Batloggs Ruf als überaus gewissenhafter Forscher. Batlogg »hatte zuvor ausgezeichnete und sehr angesehene Studien veröffentlicht«, sagt der Nobelpreisträger und Physik-Professor von der Stanford-Universität in Kalifornien, Robert Laughlin. »Deshalb zweifelte auch niemand an den Ergebnissen.«

Hinzu kam, dass Schöns Mentor Batlogg vor zwei Jahren einen Lehrstuhl an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich annahm und nicht mehr direkten Einblick in die Experimente hatte. Die von den Bell Labs eingesetzte Kommission fand schließlich, dass vielleicht 4 von 117 Punkten auf seiner Tabelle zum Nachweis der Supraleitfähigkeit so genannter Buckyballs »auf echten Daten beruhen könnten«. Die übrigen Punkte seien keine »echten (Mess-) Daten, sondern wurden mathematisch generiert«, heißt es in dem Abschlussbericht des Ausschusses vom September.

»Sollte nicht jeder Autor einzeln und alle gemeinsam haften?«

Ein ehemaliger Mitarbeiter, Arthur Ramirez vom Los Alamos National Laboratory, wirft Batlogg mangelnde Sorgfalt vor. »Er sonnte sich im Erfolg (seines Schützlings Schön), ohne die Ergebnisse zuvor einer kritischen Überprüfung zu unterziehen«.

Auch der Chefredakteur von »Science«, Donald Kennedy, wirft in einem Kommentar die Frage nach der »professionellen Verantwortung« von Forschern auf. »Sollte nicht jeder Autor einzeln und alle gemeinsam (für eine wissenschaftliche Veröffentlichung) haften, jeder einzelne und alle zusammen ihre Vorteile genießen«, fragt Kennedy. Schön hatte an 25 Veröffentlichungen mitgearbeitet. An diesen Studien waren außer ihm insgesamt 20 andere Autoren beteiligt. Nachdem sich Batlogg anfangs damit entschuldigte, dass er »als Beifahrer in einem Auto, das durch ein rotes Ampellicht fährt, keine Schuld« trage, übernahm er inzwischen die Verantwortung. »Ich habe mit größtem Bedauern feststellen müssen, dass meine Kontrolle ... nicht ausreichend war«, sagte er. »Ich habe meinem Mitarbeiter zu sehr vertraut«. (Internet: Ergebnisse der Bell-Untersuchungskommission:

Forschungsfälschungen sind so alt wie die Wissenschaft

Betrug in der Wissenschaft ist etwa so alt wie die Forschung selbst. Schon der Astronom Ptolemäus fälschte und fingierte Beobachtungen oder übernahm die Daten von Hipparchos, wie sich fast 2000 Jahre später herausstellte. Auch Isaac Newton soll dem italienischen Historiker Prof. Federico Di Trocchio zufolge gemogelt haben. Den Beweis des allgemeinen Gravitationsgesetzes habe Newton von einem Kollegen »geklaut«.

Der österreichische Biologe Paul Kammerer half der Natur in den 1920er Jahren mit dem Malstift nach, als die von ihm gezüchteten Kröten nicht die erwarteten Markierungen aufzeigten. Als die Sache aufflog, beendete er seine Karriere und sein Leben mit einer Kugel.

Der britische Psychologe Sir Cyril Burt habe seine Theorien vor rund 70 Jahren mit den fiktiven Intelligenzquotienten erfundener Personen belegt, schreibt die »New York Times« in einem Überblick. Als er auch noch die Namen seiner Mitautoren aus dem Blauen griff, kam man ihm auf die Spur. US-Forscher William Summerlin nahm 1974 einen Filzstift und malte weißen Mäusen schwarze Flecken auf, um fremde Hauttransplantate vorzutäuschen.

»Heute betrügt man ... des Geldes wegen, früher dagegen tat man es wegen einer Idee«

Auch in Deutschland sind in den vergangenen Jahren einige Fälschungen aufgeflogen: An der Universität Bonn hatte ein Chemiker in seiner Doktorarbeit angegeben, dass sich chemische Reaktionen von Magneten beeinflussen lassen. Nachdem sich die Daten als falsch erwiesen hatten, widerrief sein Doktorvater im Fachjournal »Angewandte Chemie« den dort gedruckten Beitrag. Der Doktortitel des jungen Forschers wurde aberkannt. Die Universität Düsseldorf entzog einem Privat-Dozenten im Oktober 1996 die Lehrbefugnis, weil der Mediziner Daten in einer Veröffentlichung vorgetäuscht hatte.

Als bislang größter deutscher Wissenschaftsskandal gilt der Fall um die Krebsforscher Friedhelm Herrmann und Marion Brach, die zwischen 1988 und 1993 manipulierte Arbeiten veröffentlicht und damit Forschungsgelder erschlichen haben sollen. Eine Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) fand in 94 Artikeln von Herrmann konkrete Hinweise auf Datenmanipulationen. Bei gut der Hälfte davon war der Freiburger Klinikdirektor Roland Mertelsmann Co-Autor, der zeitweilig Vorgesetzter von Herrmann war. Herrmann ließ sich Mitte 1998 freiwillig von seiner Professur beurlauben.

Doch solche Vorkommen sind selten. Die staatliche US-Stiftung »National Science Foundation« deckte im vergangenen Jahrzehnt etwa 50 Fälle von »Fehlverhalten« auf - unter 200 000 von ihr geförderten Projekten der Grundlagenforschung. Weitere 137 Forscher fielen den Gesundheitsforschungsinstituten (NIH) in Bethesda bei Washington auf, die im gleichen Zeitraum etwa 400 000 Vorhaben mitfinanzierten. Die Motive der Fälscher haben sich seit der Antike gewandelt, meint Di Trocchio: »Heute betrügt man, kurz gesagt, des Geldes wegen, früher dagegen tat man es wegen einer Idee.«