Bibliotheks-Fund in Rendsburg Ein Galilei im Lotto


In der Bibliothek der Rendsburger Kirchengemeinde St. Marien wurde vor acht Jahren eine seltene Gutenberg-Bibel gefunden. Nun entdeckten die Bibliothekare einen weiteren sensationellen Schatz.

Knapp acht Jahre nach Entdeckung einer Gutenberg-Bibel hat die Rendsburger Kirchengemeinde St. Marien einen weiteren bibliophilen Schatz gehoben. Galileo Galileis "Siderius Nuncius" (1610) lagerte jahrzehntelang unentdeckt in den Regalen. Nun soll die Erstausgabe, deren Wert Fachleute auf 150.000 bis 200.000 Euro schätzen, vom Auktionshaus Christie’s versteigert werden. Voraussichtlich im Juni kommt das etwa 50 Seiten starke Bändchen in London unter den Hammer, am Freitag nahmen es Experten in ihre Obhut.

Eine der größten Privatsammlungen des 17. Jahrhunderts

Das Werk über Sternenkunde stammt aus einer der größten Privatsammlungen des 17. Jahrhunderts. Deren Besitzer, der Rendsburger Marquard Gude (1635-1689), hatte rund 1000 Bücher der Kirche vermacht. "Die Sammlung wurde lange Zeit stiefmütterlich behandelt und ist erst vor etwa zehn Jahren beim Aufbau des Kirchenkreisarchivs gesichtet worden", schildert der Sprecher des Kirchenkreises Rendsburg, Andreas Malzahn.

Dennoch blieb der Wert vieler Werke zunächst unklar. So erwies sich erst 1997, dass auch eine Bibel Johannes Gutenbergs aus der Mitte des 15. Jahrhunderts unter den Rendsburger Beständen ist. Bibliothekar Joachim Stüben sprach damals von einem "Sechser im Lotto" und räumte ein: "Das Buch war lange bekannt, aber niemand hat gemerkt, dass es eine Gutenberg-Bibel ist. Alle dachten, es sei ein Buch aus einer späteren Zeit." Für das Buch aus der Mainzer Werkstatt des Buchdruckerfinders sollen nach seiner Entdeckung umgerechnet gut zweieinhalb Millionen Euro geboten worden sein. 180 Gutenberg-Bibeln waren 1453 bis 1455 in Mainz entstanden, das Rendsburger Exemplar war das 49., das weltweit entdeckt wurde. Es ist heute im schleswig- holsteinischen Landesmuseum in Schleswig ausgestellt.

Keine Versicherung versichert dieses Buch

Nun scheint sich die Geschichte der Gutenberg-Bibel zu wiederholen: "Der Wert des Galilei war uns bis vor gut einem halben Jahr nicht bewusst", sagt Kirchensprecher Malzahn. Im Mai 2004 machten Archivare die Bedeutung des Fundes klar. Seitdem ist das fast vierhundert Jahre alte Druckwerk nicht mehr im Kirchenkreisarchiv zu sehen, sondern lagert in einem Banksafe. Der Verkauf ist nach Einschätzung der Kirche eine logische Konsequenz. "Keine Versicherung versichert uns dieses Werk, wenn wir es öffentlich zugänglich machen", sagt der Pastor von St. Marien, Rainer Karstens.

Karstens betont: "Wir wollen nicht Stück für Stück die Gudesche Bibliothek kleiner machen, sondern mit dem Geld aus der Versteigerung die 994 übrigen Bände erhalten." Die Entscheidung für den Verkauf des Galilei, die auch die Leitung der Nordelbischen Kirche mitträgt, trifft grundsätzlich auch im Landesarchiv Schleswig-Holsteins auf Zustimmung. "Im Grund sollte die Gudesche Bibliothek als Barock- Bibliothek als Ganzes erhalten werden, aber wenn es die finanzielle Lage der Kirche nicht zulässt, halte ich eine Versteigerung des Galilei für gerechtfertigt", sagt die Leiterin der Bibliothek des Landesarchivs, Anneliese Naggar.

Weitere Sensationsfunde nach Gutenberg und Galilei erwartet Pastor Karstens indes nicht. Eine systematische Untersuchung der Rendsburger Bestände habe ergeben, dass es darunter "keine anderen wertvollen Bücher in dieser Größenordnung" gebe.

Jörn Bender/DPA


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