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Doggerland: "Ein verlorener Kontinent": Wissenschaftler suchen versunkenes Land in der Nordsee

Zwischen Großbritannien und Nordeuropa lag über Jahrtausende eine Landfläche, die bewohnt war. Als vor 10.000 Jahren die Gletscher zu schmelzen begannen, ging das "Doggerland" unter. Forscher wollen nun Spuren der letzten Bewohner finden.

Blick von der Küste Skandinaviens auf die Nordsee

Zwischen der britischen Insel und Nordeuropa befand sich einst festes Land

Am Mittwoch stachen sie in See: Britische und belgische Wissenschaftler wollen sich an Bord der "RV Belgica" daran machen, ein versunkenes Land zu rekonstruieren. Mit modernster Technik werden sie den Meeresboden der Nordsee zwischen dem englischen Scarborough und dem dänischen Ringkøbing scannen und die Ergebnisse in ein 3D-Modell verwandeln. Was sie zu finden hoffen: Flüsse, Täler und Küstenlinien. Und vielleicht sogar Felder oder menschliche Siedlungen.

Denn bis vor 8000 Jahren lag hier kein Meer, sondern das sogenannte Doggerland: ausgedehnte Landflächen mit fruchtbarem Boden, die Großbritannien mit Nordeuropa verbanden. Dass hier Menschen lebten, ist so gut wie sicher. Doch als vor rund 10.000 Jahren zum Ende der Eiszeit zahlreiche Gletscher zu schmelzen begannen, stieg nach und nach der Meeresspiegel. Wer sich nicht auf die britischen Inseln oder ins Innere Europas zurückgezogen hatte, ging schließlich mitsamt seiner Heimat in der Nordsee unter. Zum Schluss war nur eine Insel übriggeblieben – einst der höchste Punkt des ursprünglich 23.000 Quadratkilometern großen Doggerlands – und auch dieser letzte Rückzugsort ging schließlich etwa 6000 vor Christus in einem gigantischen Tsunami endgültig unter.

Die Wissenschaftler wollen Bodenproben nehmen

An besonders vielversprechenden Stellen wollen die Forscher auf ihrer elftägigen Seereise Bodenproben nehmen und nach Überresten von Pflanzen und Tieren suchen. Diese könnten per DNA bestimmt werden und mehr über die Landschaft und Beschaffenheit des versunkenen Landes verraten. Mit viel Glück stoßen sie womöglich auf menschliche Spuren: “Wenn wir Erfolg haben, wird dies das erste Mal sein, dass jemand Nachweise für Siedlungen in den tiefen Wassern der Nordsee findet. Das wäre eine echte Premiere", sagt Vincent Gaffney, Archäologe an der Universität von Bradford. "Das wäre brandneues Wissen über etwas, das man tatsächlich als verlorenen Kontinent bezeichnen kann." Er hofft und bangt. "Wir brauchen nur ein kleines bisschen Glück."

In früheren Forschungsexpeditionen konnten bereits die Größe und die grobe Beschaffenheit des Doggerlandes festgestellt werden. Menschliche Siedlungsspuren konnte man – ohne die inzwischen vorhandene Technik – aber nicht finden. Gaffney und sein Team machen sich jetzt explizit auf die Suche nach Spuren von Menschen aus der Mittleren Steinzeit (11.000 – 5000 v. Chr.), der "letzten großen Ära der Jäger und Sammler", so der Archäologe. Diese Menschen hatten 6000 Jahre lang auf Doggerland gelebt und womöglich eine eigene Kultur entwickelt, über die man heute nichts mehr weiß. Vincent Gaffney hofft, mit dem aktuellen Projekt neues Wissen über dieses verlorene Land zu erlangen. Doch dass das schwierig wird, ist ihm bewusst: "Es ist, wie die Nadel im Heuhaufen zu finden – indem du einen Eimer in eine Landmasse von der Größe Hollands tauchst."

Quelle: "The Guardian"

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wt