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Erdbeben in Baden-Württemberg: Wo Europa auseinander bricht

Ein Erdbeben der Stärke 4,5 auf der Richterskala hat in der Nacht zum Dienstag weite Teile Baden-Württembergs erschüttert. Das Epizentrum lag bei Tegernau im Schwarzwald. Wie hoch das Erdbebenrisiko in Deutschland ist, sagt Geowissenschaftler Jochen Zschau im stern.de-Interview.

Um 3.39 Uhr war am Dienstagmorgen für viele Menschen die Nacht zu Ende. Ein Erdbeben der Stärke 4,5 erschütterte den Süden Baden- Württembergs, weite Teile der angrenzenden Schweiz sowie die französische Region Elsass. Beben dieser Stärke treten in der Region immer wieder auf. Jochen Zschau, Leiter der Sektion " Erdbebenrisiko und Frühwarnung" am Helmholtz-Zentrum Potsdam, spricht darüber, ob es in Deutschland auch zu stärkeren Beben kommen kann.

Herr Zschau, in welchen Regionen muss man hierzulande mit Erdbeben rechnen?

In Deutschland gibt es vier Regionen, in denen Erdbeben auftreten: das Oberrheintal, die Schwäbische Alb, die Niederrheinische Bucht und das Vogtland. Im Vogtland kommt es vor allem zu kleineren Beben und so genannten Schwarmbeben. Diese stehen im Zusammenhang mit unterirdischer vulkanischer Aktivität. In der Regel erreichen diese Schwarmbeben nur eine Stärke von 4 in der Momenten-Magnituden-Skala. (siehe Kasten)

Die anderen drei Regionen liegen in einer besonderen Zone der Erdkruste. Entlang des Rheintalgrabens bricht Europa auseinander. Die Mitte des Grabens senkt sich jährlich um etwa einen Millimeter, der Rand hebt sich. Die Spannungen, die hier in der Erdkruste entstehen, führen zu Beben. Gleichzeitig drückt die afrikanische Kontinentalplatte auf Europa

Sind die Gebäude in diesen Regionen auf starke Beben eingestellt?

Für Deutschland existiert eine Erdbebengefährdungskarte, die für jeden Ort anzeigt, welche maximale Erschütterungsintensität in den kommenden 50 Jahren mit einer zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. Diese Daten fließen in die Baunormen ein. Gebäude, die dieser Norm entsprechen, würden einem Beben der Stärke 5,5 standhalten. Ein Beben der Stärke 6,3, wie das in den Abruzzen, würde auch hierzulande große Schäden anrichten.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit für ein starkes Beben in Deutschland?

Um das zu beurteilen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Das letzte große Beben ereignete sich 1992 im Rheinland bei Roermond. Die Schäden in Deutschland und den Niederlanden lagen bei 150 Millionen Euro. Das Beben 1978 in der Schwäbischen Alb bei Albstadt führte zu Schäden in der Höhe von 140 Millionen Euro. Beide Beben lagen auf der Momenten-Magnituden-Skala in der Größenordnung von 5,3 bis 5,4. Zum Vergleich: Das Beben in Italien lag bei 6,2 bis 6,3. Und eine Steigerung um eine Stufe auf der Magnituden-Skala bedeutet, dass ein Beben rund dreißigmal so stark ist.

Das stärkste Beben in historischer Zeit fand in Basel, also dicht an der deutschen Grenze statt: Im Jahr 1356 bebte die Erde mit einer Stärke von 6,6. In früherer Zeit, das zeigen Untersuchungen von belgischen Paläoseismologen, gab es im Rheingraben gewaltige Beben bis zur Stärke von 6,7. Verheerende Beben sind also selten - aber möglich.

Was würde bei einem Beben der Stärke 6,7 in Deutschland passieren?

Wir haben ein Szenario für Köln durchgerechnet. Die Schäden würden in die Milliarden gehen. Allerdings: Dass ein so starkes Erdbeben im Rheingraben auftritt, ist ungefähr so wahrscheinlich - beziehungsweise unwahrscheinlich - wie der Ausbruch eines Vulkans in der Eifel.

Interview: Nina Bublitz