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Gletscherschmelze: Meeresspiegel steigt dramatischer als erwartet

Der Meeresspiegel steigt Studien zufolge weltweit deutlich schneller als erwartet und gefährdet damit Millionen Menschen vor allem in den Entwicklungsländern. Grund dafür sind die immer schneller schmelzenden Gletscher.

Internationale Hydrologen führen den unerwartet dramatischen Anstieg vor allem auf die rascher schmelzenden Gletscher zurück, wie sie auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in dieser Woche in Wien betonten. Treffen ihre Berechnungen zu, dann sind im Jahr 2100 rund 90 Prozent des dicht besiedelten Landes Bangladesch überflutet.

Während der Meeresspiegel in den vergangenen zwei Jahrtausenden lediglich um rund 20 Zentimeter schwankte, dürfte er allein in diesem Jahrhundert um 80 bis 150 Zentimeter anschwellen, sagte die in Großbritannien arbeitende Hydrologin Svetlana Jevrejeva. Diese Annahme liegt etwa um das Dreifache höher, als bisherige offizielle Berechnungen des Weltklimarates IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change). Der IPCC erwartet eine Anhebung um 18 bis 59 Zentimeter. "Unter den Wissenschaftlern gelten die Schätzungen der IPCC als konservativ", meint Simon Holgate vom Proudman Oceanographic Laboratory in Liverpool.

Nach Berechnungen der in Wien vortragenden Wissenschaftler drängen angesichts der beschleunigten Erderwärmung zunehmend Wassermassen von den schmelzenden Eismassen von Grönland, der Antarktis und den weltweit schneller schmelzenden Gletschern in die Ozeane. Zusätzlich schwelle der Meeresspiegel durch die Ausdehnung des Wassers aufgrund der Erwärmung der Meere an, sagte Steve Nerem von der Universität in Boulder (US-Bundesstaat Colorado).

Inzwischen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass zum Beispiel der gesamte Eisschild über Grönland bereits innerhalb der nächsten 1000 Jahre und nicht erst in 8000 Jahren geschmolzen sein wird. Schnell fließendes Schmelzwasser "schmiere" gleichsam den Boden und beschleunige damit die Wanderung von Gletschern. "Wir haben in den vergangenen 15 Jahren bereits einen Anstieg um 3,5 Millimeter pro Jahr registriert", meint etwa Steve Nerem von der Universität Boulder im US-Staat Colorado. Es sei jedoch wahrscheinlich, dass sich der Anstieg beschleunige.

Wie sich die dramatische Anhebung des Meeresspiegels im Einzelnen auswirken wird, können die Experten noch nicht absehen. Besonders betroffen wären allerdings die ärmsten und am dichtesten bevölkerten Länder. Die Volksrepublik China müsste etwa 72 Millionen Menschen umsiedeln.

DPA / DPA