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Grauhörnchen-Plage: Eichhörnchen in Not

Nager, Sammler, Kletterer und Luftakrobaten: Eichhörnchen besiedeln von jeher Europas Wälder und Stadtbäume. Doch jetzt sind die Kleinsäuger bedroht - die amerikanische Verwandtschaft erobert ihren Lebensraum.

Von Sabine Böhne

Der Duft stieg Speedy vor Sonnenaufgang in die empfindliche Nase. Er brauchte nur aus seinem Nest in der Krone einer sechs Meter hohen Zirbelkiefer zu schlüpfen und den Stamm kopfüber hinunterzuflitzen. Auf dem feuchten Waldboden am Fuße des Baumes fand er, was er suchte: Haselnüsse. Sie bestehen zu 60 Prozent aus Fett und sind ein hervorragender Energielieferant. Für so einen Leckerbissen ignorierte das Tier sogar das Metallgehäuse, in dem die ölige Kost lag. Es lief hinein und aktivierte mit seinem Körpergewicht den Schließmechanismus des Käfigs. Speedy, das Eichhörnchen, saß in der Falle.

"Den haben wir schon 33-mal gefangen", sagt Ambrogio Molinari von der Universität Varese, als er sich oberhalb der Stadt Bormio im italienischen Nationalpark Stilfser Joch durch dichten Kiefernwald der Falle nähert. Der 2000 Meter hoch gelegene Forst könnte schon bald zum rettenden Rückzugsgebiet für die Hörnchen werden. Die possierlichen Nager geraten in Italien immer mehr in Bedrängnis. Nur noch eine Frage der Zeit, bis sie aus ihren angestammten Biotopen südlich der Alpen verschwinden. Mithilfe von Fallen und Telemetriesendern erkunden die Forscher daher, wie die Baumspringer, die keinen Winterschlaf halten, mit den langen und schneereichen Wintern im Gebirge zurechtkommen. Speedy gehört zu ihren treuesten Probanden.

Daran gewöhnt hat sich der rotbraune Bursche offenbar nicht. Aufgeregt wirbelt er in dem engen Gefängnis um die eigene Achse, schlägt die fingerartigen, etwa drei Zentimeter langen Zehen mit den langen Krallen in die Gitterstäbe und zeigt seinen weißen Bauch.

Flinker Waldexperte

Die Gefangenschaft dauert jedoch nur kurz. Mit geübtem Handgriff treibt Molinari den wilden Kerl aus dem Käfig in einen Stoffbeutel, der an einer Federwaage befestigt ist. Der Biologe hält sie in die Höhe und liest das Gewicht ab: 320 Gramm, guter Durchschnitt für ein ausgewachsenes Männchen. Danach öffnet der Forscher mithilfe eines Reißverschlusses den Sack vorsichtig über dem Kopf des Eichhörnchens. Ein prüfender Blick, ob das winzige Halsband mit dem sechs Gramm leichten Peilsender noch korrekt sitzt, und Speedy ist wieder frei. Wütend keckernd rast er auf die nächste Kiefer.

Je höher, desto lieber. Sciurus vulgaris, das Europäische Eichhörnchen, ist auf Bäume geeicht. In rasender Geschwindigkeit erklimmt es Stämme, flitzt über Zweige und katapultiert sich mit waghalsigen Sprüngen von einem Ast zum anderen. Bereits vor 54 Millionen Jahren stand sein Vorfahre, der Paramys, mit fast identischem Körperbau Modell für das heutige Eichhörnchen. Seither ist es perfekt an das Leben im Kronenbereich der Wälder angepasst. Die langen Krallen bringen es mühelos auch an glatten Baumrinden auf und ab. Kräftige Hinterbeine sorgen für gute Sprungkraft. Den 20 Zentimeter langen buschigen Schwanz benutzt es als Balancierstange für den Weg über dünne Zweige und als Steuer für seine bis zu vier Meter weiten Sätze von einem Baum zum anderen. Hervorstehende Augen, mit denen es rundumblicken und Distanzen abschätzen kann. Ein hervorragender Geruchssinn, um im Waldboden eingegrabene Vorräte wieder aufzuspüren. Fühlhaare an Augen, Wangen und Unterarmen, mit denen es Hindernisse ertastet.

In der Beletage des Waldes kann dem Nager so schnell keiner was. Zwar gehören Baummarder und Habicht zu seinen Feinden. Die müssen den rastlosen Raser im Gewirr der Äste jedoch erst mal zu fassen kriegen. Im Gegensatz zum schwereren Baummarder kommt er sicher auch über fragile Zweige. Raubvögel wie den Habicht irritiert er mit dem sogenannten Spirallauf. Dabei schraubt er sich in kreisenden Bewegungen um den Baumstamm herum und verschwindet so immer wieder aus dem Blickfeld seines Verfolgers.

Nahrhafte Zapfen

Mit diesen Eigenschaften hat es das Europäische Eichhörnchen weit gebracht. Sein Lebensraum erstreckt sich fast über die gesamte paläarktische Region. Das sind die einst waldreichen Landmassen, die vom Polarkreis bis zum Mittelmeer und von Westeuropa über den Ural und den Nordosten Chinas bis nach Japan reichen. Ob in den Alpen oder im Harz, in der belgischen Parklandschaft oder im kaukasischen Forst: Eichhörnchen leben überall dort, wo dichte Baumkronen ausreichendNahrung bieten und sie vor den scharfen Blicken von Greifvögeln und Mardern schützen.

Vor allem Nadelbäume sind ihr Geschäft. Beim Marsch durch den Wald zeigt der italienische Wissenschaftler auf einen Haufen abgenagter Kiefernzapfen am Boden. Es sind die Reste eines Gelages hoch oben im Baum. Die Nager beißen die Zapfen von den Ästen ab, heben sie mit den Vorderfüßen zur Schnauze und knabbern mit ihren scharfen Schneidezähnen eine Schuppe nach der anderen ab, bis sie bei den nahrhaften Samen ankommen. Die wertlosen Schuppen lassen sie zu Boden fallen. Zwar fressen Eichhörnchen auch Beeren und Bucheckern, Knospen und Kastanien. In Gärten, Parks und auf Friedhöfen lassen sie sich gern mit Vogelfutter verwöhnen. Auch Vogeleier verschmähen sie nicht. In der freien Natur aber liefern seit Urzeiten die öligen Sämereien der Nadelbäume das Fett, das die Säugetiere für die kräftezehrende Aufzucht ihrer Jungen benötigen.

Die Spezialisierung auf die Koniferenkost könnte jetzt ihre Rettung sein. Nur wenige Kilometer Luftlinie von Speedys Streifgebiet im Nationalpark Stilfser Joch entfernt, gerät das Urvieh immer stärker in die Enge. Am Fuß der italienischen Alpen setzt ihm ein beinharter Konkurrent aus den USA zu: das amerikanische Grauhörnchen Sciurus carolinensis.

Es fing harmlos mit zwei Paaren an. 1948 brachte ein italienischer Diplomat die zutraulichen Tiere aus Washington mit in seine Heimat und setzte sie im Garten seiner Villa südlich von Turin aus. Die Einwanderer, die wie Europäische Eichhörnchen zweimal im Jahr jeweils drei bis fünf Junge bekommen, vermehrten sich schnell und verstreuten sich in die Wälder. Inzwischen leben etwa 12 000 Grauhörnchen in Norditalien. "Besonders das exponentielle Wachstum der letzten Zeit macht uns große Sorgen", sagt Luc Wauters von der Universität Varese, "in fünf Jahren werden es 150.000 Tiere sein."

Revier-Rivalen

Die Europäischen Eichhörnchen haben kaum eine Chance, sich gegen die robusteren Einwanderer zu behaupten. "Überall da, wo Grauhörnchen auftauchen, verschwinden die Roten", sagt Luc Wauters. Ein Blick nach Großbritannien macht die Dimension des Problems klar. Bereits im 19. Jahrhundert setzten dort heimkehrende Amerikareisende Grauhörnchen aus Übersee aus. Sie haben inzwischen 90 Prozent des britischen Territoriums besetzt und die Eichhörnchen verdrängt. "Der Großteil von Großbritannien ist grau", sagt Peter Lurz von der Universität Newcastle. Nur in Nordengland, in Schottland und auf den Kanalinseln gibt es noch kleine Populationen der heimischen Hörnchen.

Die Gründe für die Verdrängung sind vielfältig. Eichhörnchen sind Einzelgänger und haben einen großen Platzbedarf. Grauhörnchen brauchen dagegen weniger Raum und akzeptieren die Nähe von Artgenossen. Sie sind größer als ihre europäischen Vettern und wiegen mit durchschnittlich 550 Gramm fast doppelt so viel. Ihr Hunger, den sie in den Laubwäldern Nordamerikas vor allem mit herunterfallenden Baumfrüchten wie Bucheckern stillen, ist entsprechend groß. "Die bleiben mehr am Boden und können sehr schnell sehr viel fressen", sagt Luc Wauters.

Zu allem Überfluss plündern die gefräßigen Grauen die Wintervorräte der Roten. Während die Grauen im Herbst Fettdepots am Körper anlegen, halten die Eichhörnchen für das Leben in den Bäumen gewissermaßen Diät. Sie können nicht auf Vorrat fressen, sondern sind am Ende des Winters auf ihre Reserven im Waldboden angewiesen. Wenn die futsch sind, verlieren sie sehr schnell an Gewicht. Bleiben die Weibchen jedoch unter 300 Gramm, sind sie unfruchtbar. Dadurch werden weniger Junge geboren. Und die wenigen, die noch zur Welt kommen, finden wegen der vielen Grauhörnchen keinen Platz für ein eigenes Streifgebiet. Die Folge: Sie werden an den Habitatgrenzen von ihren Artgenossen herumgeschubst. Die Tiere sind gestresst, können sich weniger auf die örtlichen Risiken wie beispielsweise eine Straße oder den Standort des lokalen Habichts konzentrieren und sterben dadurch früher. Die Eichhörnchenpopulation verschwindet innerhalb weniger Jahre.

Invasion aus Übersee

In Großbritannien übertragen Grauhörnchen zudem das sogenannte Squirrel-Virus. Den Erreger haben sie vermutlich aus Nordamerika eingeschleppt. Während sie selbst dagegen immun sind, sterben die Europäischen Eichhörnchen innerhalb weniger Wochen nach der Infektion.

War der Arten-GAU bislang auf die britischen Inseln begrenzt, droht er jetzt auch dem europäischen Festland. Von Italien aus wandern die Grauhörnchen Richtung Norden und Westen. In den Laubwäldern des Flusses Tessin, der in der Lombardei in den Po mündet und unterhalb des Sankt-Gotthard-Massivs entspringt, sind sie bereits angekommen. "Das Flusstal mit seinen Laubwäldern führt sie auf direktem Weg Richtung Norden", sagt Luc Wauters. "Spätestens in 20 Jahren sind sie in der Schweiz, in 30 Jahren in Frankreich", bestätigt Sandro Bertolino von der Universität Turin. Das ist das Ergebnis einer Modellrechnung, die der Biologe gemeinsam mit Peter Lurz von der Universität Newcastle über die Ausbreitungsgeschwindigkeit der importierten Tiere durchgeführt hat.

Nur eine Frage der Zeit, bis sie auch in Deutschland auftauchen. "Da brauchen sich nur mal welche in einen Lkw zu verirren", sagt die Biologin Sibylle Münch, "dann wird bei uns genau das Gleiche passieren wie in England." Die Experten sind sich einig: Die heimische Tierart ist durch die Konkurrenz der Grauhörnchen zum Verschwinden verdammt - nicht aufgrund einer natürlichen Auslese im Prozess der Evolution, sondern durch den Eingriff des Menschen.

Die Konkurrenz ist schwerfälliger

Der ständige Ausschuss der Berner Konvention über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere hat Italien daher bereits mehrfach gebeten, unverzüglich mit einem Ausrottungsprojekt zu beginnen. Denn hat sich eine eingewanderte Tierart erst etabliert, lässt sie sich kaum wieder zurückdrängen. "In England ist eine Ausrottung nicht mehr möglich", bestätigt Peter Lurz. "Dafür sind es zu viele, und sie sind zu weit verbreitet." Mit viel Aufwand versuchen die Briten daher, die letzten Eichhörnchen durch die Ausweisung von Schutzgebieten zu retten. Einfacher und billiger sei es dagegen, die Invasoren zurückzudrängen, solange die Population noch klein ist, davon ist Peter Lurz überzeugt: "In Italien müsste jetzt etwas passieren."

Leichter gesagt als getan. Als italienische Wissenschaftler zusammen mit der staatlichen Naturschutzbehörde Istituto Nazionale della Fauna Selvatica 1997 im Rahmen eines Modellprojektes Grauhörnchen in einem Park südlich von Turin einfingen und anschließend einschläferten, gerieten Tierschützer in Rage. Sie verklagten die Verantwortlichen wegen Wilderei. Der Prozess endete zwar nach drei Jahren mit einem Freispruch. Die Richter untersagten jedoch, mit dem Projekt fort- zufahren. Seitdem vermehren sich die Grauen im Piemont und in der Lombardei ungehindert weiter.

Um die alpinen Nadelwälder machen sie vielleicht einen Bogen, hofft Luc Wauters. Vor allem die Kiefern bieten vergleichsweise karge Kost. Ihre Zapfen sind klein und bleiben, anders als Bucheckern und Eicheln, die mit den ersten Herbststürmen zu Boden prasseln, den ganzen Winter über an den Ästen hängen. Zu hoch für die schwerfälligen Grauen. "Die leichten Eichhörnchen sind da klar im Vorteil", sagt Luc Wauters.

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