HOME

Klimaphänomen: "El Niño" begünstigt Bürgerkriege

Dürren und Überflutungen: Wenn das Klimaphänomen "El Niño" auftritt, steigt das Risiko für bewaffnete Konflikte in bestimmten tropischen Ländern. Diesen Zusammenhang wollen Wissenschaftler nun erstmals belegt haben.

Die Vorstellung, dass das Klima Einfluss auf die wirtschaftliche Lage eines Staates haben kann und ganze Regionen infolge von Hitze und Dürre destabilisiert werden können, ist nicht neu. Erstmals haben US-Forscher nun aber einen Zusammenhang gefunden zwischen dem Auftreten des Klimaphänomens "El Niño" und dem Ausbruch von Bürgerkriegen: In 90 betroffenen tropischen Ländern hat es in besonders warmen Jahren doppelt so viele bewaffnete Konflikte gegeben wie in kühleren Phasen. Die Wissenschaftler stellen ihre Arbeit in der aktuellen Ausgabe des US-Fachjournals "Nature" vor.

Das Klimaphänomen "El Niño" tritt alle drei bis sieben Jahre auf. Es lässt die Temperaturen steigen und den Niederschlag sinken. "La Niña" hingegen bewirkt das Gegenteil: kühlere Temperaturen und mehr Regen. Beide sind mit wechselnden Meeresströmungen im südöstlichen Pazifik gekoppelt.

Die Forscher hatten für ihre Analyse die Anzahl der Konflikte zwischen 1950 und 2004 mit dem Auftreten des warmen Klimaphänomens "El Niño" und dem kühlen Gegenpart "La Niña" verglichen. Dafür untersuchten sie 175 Staaten und teilten sie in zwei Gruppen auf: jene, die El-Niño-Effekte zu spüren bekommen, wie Laos, Ghana und Australien, und solche, die von dem Klimaphänomen nicht betroffen sind, etwa Afghanistan, Tunesien und Schweden. In der ersten Gruppe lag das Risiko eines Bürgerkriegs während der La-Niña-Phase bei drei Prozent und stieg in El-Niño-Phasen auf sechs Prozent. In der zweiten Gruppe blieb das Risiko gleichbleibend bei zwei Prozent.

Klima allein löst keine Kriege aus

Diese Ergebnisse legen nahe, dass sich der globale Klimazyklus anscheinend auch auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen einzelner Länder auswirken kann, schreibt das Team um Solomon Hsiang von der Columbia Universität in New York. Laut ihrer Daten haben die Effekte des Klimas bei etwa jedem fünften Bürgerkrieg weltweit eine Rolle gespielt.

Obwohl Gewaltausbruch und Klima zusammenhängen, sehen die Forscher "El Niño" nicht als Ursache für die Bürgerkriege an. Die Studie zeige nicht, dass das Klima allein Kriege auslöst, sagt der Co-Autor der Studie Mark Cane. Aber Dürren, Missernten, Überschwemmungen und andere Folgen der Klimaphänomene würden die wirtschaftlichen Grundlagen vieler Länder und damit das soziale Konfliktpotenzial erhöhen, meinen die Forscher. "Wenn soziale Ungleichheit herrscht und die Menschen arm sind, kann es möglich sein, dass das Klima einer Gesellschaft den entscheidenden Schlag versetzt", sagt Hsiang.

Ein anderer Autor der Studie wies auf Erkenntnisse von Sozialwissenschaftlern hin, wonach einzelne Menschen agressiver werden, wenn es heiß wird. Ob sich dies auf eine gesamte Gesellschaft übertragen lasse, sei jedoch fraglich. Dennoch scheint schlechtes Wetter arme Länder eher ins Chaos stoßen zu können. In Australien, das ebenfalls unter den Auswirkungen von "El Niño" zu leiden hatte, sei noch nie ein Bürgerkrieg ausgebrochen.

Kritiker bemängeln fehlende Erklärung

Einige Wissenschaftler und Historiker sind jedoch nicht überzeugt von diesem vermuteten Zusammenhang zwischen Klimaphänomenen und dem Ausbruch von Bürgerkriegen. "Die Studie hilft uns nicht, besser zu verstehen, was solche bewaffneten Konflikte verursacht. Und sie versucht auch nicht, den Zusammenhang zu erklären", sagt Halvard Buhaug, ein Politikwissenschaftler am Friedensforschungsinstitut in Oslo.

spo/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel