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Ölpest im Golf von Mexiko: Zäher Kampf gegen die Katastrophe

Das Öl im Golf von Mexiko läuft und läuft. Der Gouverneur des US-Bundesstaats Louisiana hat den Notstand ausgerufen. Experten erwarten das Schlimmste.

Von Lea Wolz

Geschätzt 250.000 getötete Seevögel, 3500 verendete Seeotter, 300 tote Robben sowie etliche getötete Schwertwale - die Bilanz der Umweltkatastrophe, die sich 1989 in Alaska ereignete, liest sich noch Jahre später erschütternd. Im Prinz-William-Sund war der Öltanker "Exxon Valdez" auf ein Riff gelaufen, 42.000 Tonnen Rohöl flossen ins Meer. Die folgende Ölpest war die bislang schlimmste in der Geschichte der USA. Auf 2000 Kilometer war die Küste mit der klebrigen Paste verseucht, der Fischfang zusammengebrochen.

Nun droht im Golf von Mexiko ein zweites "Exxon Valdez". Der Gouverneur des US-Bundesstaats Louisiana erklärte wegen der Ölpest den Notstand. Die US-Regierung ernannte die neue Ölpest zur "nationalen Katastrophe". Präsident Barack Obama ordnete am Donnerstag zudem an, alle verfügbaren Ressourcen zur Bekämpfung des Ölteppichs einzusetzen. Auch ein Einsatz der Armee ist möglich. Und die würde viel zu tun haben. Obama betonte, dass der Ölkonzern BP als Eigner der gesunkenen Bohrinsel für die Aufräumungsarbeiten zur Kasse gebeten werde. Die US-Marine sendet unterdessen Ausrüstung zur Bekämpfung der Ölpest im Golf von Mexiko.

"Der Ölteppich ist mittlerweile so groß, dass er kurzfristig nicht mehr bekämpfbar ist", sagt Greenpeace-Mitarbeiter Christian Bussau. Nach dem Untergang der Bohrinsel "Deepwater Horizon" gelangen dort aus mittlerweile drei Lecks pro Tag rund 800.000 Liter Rohöl (ungefähr 670 Tonnen) ins Meer. Da Öl leichter ist als Wasser, steigt es langsam nach oben.

"Für die USA kann dies zu einer der schlimmsten Öl-Katastrophen in der Geschichte werden", befürchtet Stephan Lutter, Experte für Meeresschutz bei der Umweltorganisation WWF. Auf eine Fläche von rund 5500 Quadratkilometern ist der Ölteppich auf dem Meer mittlerweile angewachsen. Nun drohen drehende Winde den Einsatz der Rettungskräfte zunichte zu machen. Sie treiben das Öl auf die Küste von Louisiana zu.

Die Zeit läuft davon

Um die Umweltkatastrophe abzuwenden und das Öl von den Küsten fernzuhalten, versuchen US-Küstenwache und der Ölkonzern BP seit Tagen einiges. Die beste Lösung wäre es, wenn es gelänge, das Bohrloch in 1500 Metern Tiefe zu verschließen und so einfach den Hahn zuzudrehen. Eigentlich hätte das ein Notfallventil am Meeresboden automatisch im Unglücksfall übernehmen sollen. "Doch das hat offenbar nicht funktioniert", sagt Lutter. Versuche, mit Unterwasserrobotern die Lecks auf der gesunkenen Bohrinsel zu schließen, sind bis jetzt gescheitert. Im BP-Konzern denkt man daher über Entlastungsbohrungen nach, die den Druck aus der Förderstelle nehmen sollen. "Das würde allerdings Monate dauern", sagt Lutter. In dieser Zeit soll eine Kuppel über dem Bohrloch errichtet werden, um das austretende Öl aufzufangen und über eine Röhre an die Oberfläche zu leiten. Von dort würde es dann mit Schiffen abtransportiert. Problem: Diese Technik ist bisher nur im flachen Wasser erprobt.

Da die Operationen in der Tiefe entweder scheitern oder zu lange dauern, rechnen Experten damit, dass das Öl noch Wochen, vielleicht sogar Monate weiter ausläuft. Parallel wird daher an der Oberfläche versucht, das Rohöl mit Spezialschiffen abzusaugen. Zudem sprüht die US-Küstenwache aus der Luft Chemikalien. Am Mittwoch setzten Experten auch erstmals Feuer ein, um den Ölteppich kontrolliert abzubrennen und so zu verhindern, dass er an die Küste gelangt. Dies sei eine "verzweifelte, letzte Rettungsmaßnahme", sagt WWF-Meeresschutzexperte Lutter. "Die Schadstoffe werden dabei nur verlagert, die Katastrophe etwas kleiner." Die teerigen Rückstände und die im Öl enthaltenen polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK), die krebserregend sein können, gelängen trotzdem in die Nahrungskette.

Ölteppich zu dünn, um ihn zu verbrennen

Ein weiteres Problem: So einfach ist es gar nicht, den Ölteppich abzubrennen. "Zum einen muss dieser eine bestimmte Dicke haben, damit er überhaupt entflammt", sagt Lutter. Je dicker das Öl, desto besser verbrennt es. An vielen Stellen ist der Ölteppich im Golf von Mexiko allerdings viel zu dünn. Damit das Öl eine gewisse Dichte erreicht, sollen es schwimmende Ölsperren zusammenhalten. "Dafür muss vor allem das Wetter mitspielen", sagt der WWF-Meeresschutzexperte Lutter. "Wenn es wirklich Sturm und Regen gibt, wie vorhergesagt, wird es kritisch." Zudem hat sich ein Teil des bereits ausgetretenen Öls beim Aufsteigen mit Wasser zu einer Emulsion vermischt. Diese wiederum ist Lutter zufolge nur schwer oder gar nicht entflammbar.

Wenigstens ist man beim kontrollierten Abbrennen nicht ganz ohne Erfahrung. Nach einem Unglück vor Neufundland im Jahr 1993 wurden dabei etwa 50 bis 99 Prozent des entzündeten Öls vernichtet. Die Luftverschmutzung, die dabei entsteht, ist für den WWF-Meeresschutzexperte Lutter zwar ein Problem, doch verglichen mit der drohenden Ölpest an den Küsten ein geringeres.

Reinigungsaktion im Mississippi-Delta praktisch unmöglich

Verschärft wird die Situation nun durch den Wind. Nach Angaben von Louisianas Gouverneur Bobby Jindal hat er einen Teil des riesigen Ölteppichs von 965 Kilometern Umfang gelöst und auf die Küste des US-Bundesstaates zugetrieben. "Derzeit erwarten wir, dass das Tierschutzgebiet Pass-A-Loutre noch am Donnerstag von dem Ölteppich erreicht wird", sagte Jindal. Er beantragte Nothilfe bei der Bundesregierung in Washington und sprach auch mit Heimatschutzministerin Janet Napolitano, um weitere Unterstützung zu mobilisieren. Nun sollen im Kampf gegen die Ölpest US-Streitkräfte zum Einsatz kommen. Der Ölkonzern BP, Betreiber der gesunkenen Bohrinsel, erklärte am Donnerstag, das Hilfsangebot sei willkommen.

Gelangt der Ölfilm an die Küste, rechnen Umweltexperten mit dem Schlimmsten. Das Delta des Mississippi ist verästelt, an vielen Stellen ist das Küstenland so sumpfig, dass man auf dem Boden kaum stehen kann. Entsprechend schwer wäre das Öl zu entfernen. "In den Feuchtgebieten an der Küste befinden sich auch die Laichgebiete und Brutstätten von vielen Krebs, Fisch- und Vogelarten", sagt Lutter. "Zudem sind die Zugvögel auf die Lagunen und die Mangrovensümpfe in den Küstengebieten angewiesen. Kommt das Öl dort an, sind diese Biotope für zehn Jahre tot." Schlimmstenfalls würde der Ölteppich auch für das Korallenriff von Florida Keys bedrohlich. Die Ölverschmutzung könnte auch langfristige Folgen für die Fischbestände und damit auch für die Fischindustrie haben. Im Golf von Mexiko ist ein bedeutender Teil der US-Fischerei-Industrie beheimatet, der jährlich Meeresfrüchte und Fisch im Wert von 2,4 Milliarden Dollar (rund 1,8 Milliarden Euro) produziert. Greenpeace-Experte Bussau ist sich sicher: "Das wirkliche Drama spielt sich unter Wasser ab."

"Abfackeln ist keine Lösung"

Für WWF-Experten Lutter zeigt der Unfall ein generelles Problem: "Die Konzerne errichten die Plattformen in immer tieferen und küstenfernen Gewässern. Auch im Normalbetrieb sind die dort eine stetige Gefahr." Bleibt die Frage, wer dafür im Ernstfall haftet? "Bei Tankerunfällen gibt es einen internationalen Fond, in den Öltransporteure und Händler einzahlen, zudem greift die Haftschutzversicherung der Reederei", sagt Greenpeace-Experte Bussau. Wer für den Unfall im Golf von Mexiko alles aufkommt, sei momentan allerdings noch unklar.

Auch wenn das Unglück laut Lutter die Ausmaße der "Exxon Valdez" annehmen kann, gibt es ihm zufolge doch einen erheblichen Unterschied. "Der Tanker ist damals in der Arktis, einem ökologisch noch viel empfindlicheren Gebiet, gesunken", sagt er. "Dort sind die Temperaturen sehr niedrig und Öl wird daher nicht schnell abgebaut." Da das Wasser im Golf von Mexiko wärmer ist, arbeiten die Bakterien dort zwar schneller. Bis sich die Meeresökosysteme im Golf von Mexiko von dem Unfall wieder erholt haben, wird es dem Experten zufolge dennoch Jahre dauern. Die Lage ist also jetzt schon äußerst ernst: Auch wenn die New York Times zynisch vorrechnet, dass es bei den vor einigen Tagen auslaufenden Ölmengen noch gut 260 Tage dauert, bis der Golf von Mexiko so verseucht ist wie Teile der Alaska-Küste nach dem Tankerunglück. Nach dem heute neu entdeckten Leck wären es nur noch 57 Tage.

Mit AFP/APN / APN