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Parapsychologie: Nicht von dieser Welt

Gedankenübertragung, Telekinese, Spuk - lange galten Paranormale Phänomene als pure Spinnerei. Heute befassen sich auch renommierte Wissenschaftler mit dem übersinnlichen. Und kommen zu erstaunlichen Ergebnissen.

Der Palast von Hampton Court gilt als der prächtigste Ihrer britischen Majestät - und als der schaurigste. Bis in die Zeit der Kreuzritter reicht seine Geschichte zurück. Doch ihr düsterster Teil begann vor etwa 460 Jahren, als König Heinrich VIII. die Formel vom Tod, der die Ehe scheidet, gar zu wörtlich nahm. Catherine Howard war bereits die fünfte Gattin des Herrschers, betrog ihn angeblich und verwirkte damit ihr noch junges Leben. Wie überliefert wird, eilte die damals erst 22-Jährige in Todesangst durch die Galerie von Hampton Court Palace und bat Heinrich verzweifelt um Vergebung. Doch die erflehte Gnade wurde ihr verwehrt, und so trennte das Beil des Henkers ihren Kopf vom Körper. Der Geist der Unglücklichen aber wird seither angeblich immer wieder im Schloss gesehen, laufend und schreiend wie damals. Über hundert Erscheinungen der Toten verzeichnet inzwischen das penible Protokoll der Palastwache.

Zumindest allein ist die Rastlose offenbar nicht. Von einem schattenhaften Mann mit Hut im Weinkeller ist die Rede, auch von einem Geisterhund auf der Treppe. Und selbst, wenn ihre Augen nichts Übernatürliches sehen, spüren manche Besucher die Nähe jenseitiger Gestalten. Markerschütternde Schreie hören einige. Andere fühlen einen eisigen Hauch über ihre Haut streichen oder werden rüde geschubst. Tatsächlich scheint es manchem Geist an Manieren zu fehlen: Während sie allein ihren Wachdienst versah, klagte eine Aufseherin des Palastes, habe eine unsichtbare Hand am Gummi ihres Höschens gezupft.

Es sind keine Irren, die solche Begebenheiten berichten, sondern fast immer ganz normale Zeitgenossen. Und nicht nur in englischen Schlössern scheint sich Sonderbares zu regen - Berichte über Geisterhaftes und Übersinnliches kommen aus nahezu jeder Region der Welt. Es hat den Anschein, als würde neben unserer gewöhnlichen Welt eine zweite mit ganz eigenen Gesetzen existieren. Und hin und wieder kann es uns vorkommen, als würden sich diese Welten berühren oder gar miteinander verschmelzen: Dann senden Verstorbene Botschaften aus dem Jenseits oder erscheinen selbst, Gedanken anderer werden lesbar wie Briefe, und der Geist beherrscht die Materie - etwa, indem er Gabeln verbiegt oder Fotos belichtet.

In Deutschland glaubt nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des stern jeder Sechste, dass Gespenster, und jeder Siebte, dass Teufel ihr Unwesen treiben. Jeder Vierte ist überzeugt, die Macht des Geistes könne Gläser bewegen oder Tische verrücken. Und fast zwei Drittel der Befragten halten Gedankenüber- tragungen für real. 16 Prozent wollen Telepathie gar selbst schon erlebt haben.

Alles nur Humbug? Wahn statt Wirklichkeit?

Man kann es sich leicht machen und überlegen schmunzelnd alles beiseite schieben, was nicht in unser kommodes Weltbild passt. Hätten allerdings Kopernikus oder Einstein auch so gedacht, würden wir wahrscheinlich noch heute glauben, die Erde sei flach und läge im Zentrum des Weltalls. Und wir wüssten nichts von gewaltigen Schwarzen Löchern in den Milchstraßensystemen und hätten keine Ahnung von geisterhaften Neutrino-Teilchen, die durch unseren Planeten rasen können, als gäbe es ihn gar nicht. Gerade die Entdeckungen der Wissenschaften zeigen uns, wie trügerisch es sein kann, sich nur auf die bekannten fünf Sinne zu verlassen. Obwohl schon 1924 an der amerikanischen Duke University von Durham in North Carolina ein erstes Institut zur Untersuchung übersinnlicher Phänomene gegründet wurde, hat es Jahrzehnte gedauert, bis sich Forscher auch in größerem Rahmen der "Parapsychologie" annahmen. Denn in der Sphäre des Übersinnlichen tummeln sich Legionen von Leichtgläubigen und Laienforschern, die Yetis und Ufos ebenso begeistert nachjagen wie kettenrasselnden Gespenstern und gedankenlenkenden Geheimlogen. Dazu überschwemmen gewiefte Geldmacher den lukrativen Markt des Irrationalen mit ihren Skurrilitäten. Neben Klassikern wie der Pyramidenmagie wird dabei vom wandelnden Magneten bis zu den parapsychologischen Begabungen der Fruchtfliege alles geboten, was einem menschlichen Gehirn nur zu entwringen ist.

Trotzdem lassen sich zunehmend auch "Big Names" der Wissenschaft darauf ein, die paranormale Spreu vom Weizen zu trennen. So gehören dem internationalen "Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal" Nobelpreisträger wie der Elementarteilchenphysiker Murray Gell-Mann und der Biologe Francis Crick an, der die Struktur der Erbsubstanz entdeckte. Auch prominente Hirnforscher, die Britin Susan Blackmore etwa und der Kanadier Steven Pinker, zählen zum Team. In Deutschland bemüht sich besonders der Freiburger Physiker und Psychologe Walter von Lucadou, Licht in das mysteriöse Dunkel zu bringen. Um es vorweg zu sagen: Ein endgültiges Urteil über die meisten Phänomene des so genannten Übersinnlichen steht auch weiter aus. Doch etliche Überraschungen haben die Forscher trotzdem schon ans Licht gebracht.

Spuk scheine es wirklich zu geben, erklärt beispielsweise der britische Psychologe Richard Wiseman, einst ein preisgekrönter Profi-Zauberer und heute Professor an der englischen Universität von Hertfordshire. Auch wenn er Spuk nicht leugnet, zweifelt der Forscher doch an der Existenz der dazugehörigen Geister.

Vor vier Jahren wurde ihm von der britischen Königin als erstem Wissenschaftler erlaubt, das vermeintlich jenseitige Treiben in Hampton Court mit allem zu untersuchen, was die moderne Messtechnik hergibt. Doch nicht nur Apparate setzte Wiseman ein. Er bat auch fast 500 Freiwillige im Alter von sieben bis 82 Jahren zum Experiment in die königlichen Gemäuer. Nach einem Besuch in den angeblich am häufigsten von Geistwesen heimgesuchten Räumen des Schlosses sollten sie notieren, was sie gefühlt, gesehen oder auch gehört hatten.

Das Ergebnis war auch für Wiseman erstaunlich. Über die Hälfte der Testpersonen erlebte für sie Unerklärliches, oft gleich mehrfach - genau 431 sonderbare Erfahrungen wurden verzeichnet. Vom furchteinflößenden Frösteln über das nicht angenehmere Gefühl, in einem leeren Zimmer beobachtet zu werden, reichte das Spektrum der Meldungen bis hin zu Gespenstersichtungen oder Berührungen von Geisterhand. Damit begann Wisemans eigentliche Aufgabe: zu erklären, was unerklärlich schien. Inzwischen sind seine Auswertungen so weit abgeschlossen, dass ihre Veröffentlichung im British Journal of Psychology bevorsteht.

Was also ist zum Beispiel mit den "Cold Spots" im Schloss, an denen Grabeskälte herrschen soll? Richard Wisemans Team untersuchte das Temperaturprofil der einzelnen Räume sowie ihre Luftzirkulation und fand heraus, dass die Luft in einigen Winkeln durch die Architektur des Schlosses geradezu still steht. So gibt es auch kaum Wärmeaustausch, und es ist dort tatsächlich kälter als ein paar Meter weiter. Dafür allerdings pfeift der Wind woanders durch feine Ritzen und Spalten in den jahrhundertealten Mauern. "Manchmal kommt es einem vor", erzählt Wiseman von seinen Palasterfahrungen, "als ob man gegen eine kalte Wand läuft."

Das eigenartige Kleinklima von Hampton Court mag reichen, eisige Erlebnisse zu erklären. Was aber ist mit den Besuchern, die Catherine Howard oder ein Mitglied ihres Hofstaates mit eigenen Augen gesehen haben wollen? Zuallererst gilt für sie wie für uns alle: Wir sehen nicht mit den Augen, sondern mit dem Gehirn. Weil das natürlich auch Wiseman wusste, nahm er in Hampton Court Palace weitere Messungen vor. Dabei stellte sich heraus, dass das überall auf der Erde vorhandene und von Ort zu Ort schwankende natürliche Magnetfeld zum Beispiel in der von Catherine Howard angeblich des öfteren heimgesuchten Galerie höher war als anderswo im Schloss - eine Spur, die zu der spukenden Dame führen könnte.

Schon vor etwa zwanzig Jahren hatte der kanadische Neurowissenschaftler Michael Persinger von der Laurentian University in Ontario begonnen, Berichte von angeblichen Ufo-Besuchen und Marienerscheinungen zu untersuchen. Dabei notierte er auch, wo das vermeintlich Übersinnliche passiert sein sollte. Einige Gegenden waren besonders "spirituell". Und fast bei jeder dieser begnadeten Stätten lagen größere Mengen von Bodenschätzen, Eisenerz zum Beispiel, die das Erdmagnetfeld lokal verändern konnten. War das der Schlüssel zum Reich des Paranormalen?

Persinger überprüfte seinen Verdacht im Labor. In einem mit vielen Elektroden präparierten Motorradhelm simulierte er Veränderungen des natürlichen elektromagnetischen Feldes der Erde im sehr niedrigen Frequenzbereich so genannter Schumann-Wellen, die zum Beispiel auch von Gewittern oder Erdbeben erzeugt werden können. Die Vermutung bestätigte sich: Fast alle Versuchspersonen berichteten unter dem Einfluss der Felder von sonderbaren mystischen Erfahrungen oder sahen gar Geistwesen.

Auf den Britischen Inseln, wo sich Gespenster und grässliche Monster unbestreitbar besonders gern aufzuhalten scheinen, fehlen allerdings häufig Bodenschätze in der Nähe des Spuks. Reichen die auch so vorhandenen Schwankungen des natürlichen Magnetfelds, um hier und da die Pforten der Geisterwelt aufzustoßen? In Hampton Court scheint es so zu sein. Und neuere Studien stützen jedenfalls Persingers Hauptthese, wonach bestimmte elektromagnetische Felder derart auf das Gehirn wirken können, dass es scheinbar Übernatürliches wahrnimmt. Selbst so genannte Nahtod-Erfahrungen, bei denen kurzzeitig klinisch Tote nach ihrer Wiederbelebung häufig von Schwebezuständen, leuchtenden Tunneln und Begegnungen mit verstorbenen Verwandten berichten, ließen sich unter Persingers verdrahtetem Motorradhelm im Labor simulieren. Es scheint nach den bisherigen Untersuchungen besonders der Bereich der Schläfenlappen des Gehirns zu sein - speziell der linken "kreativen" Hälfte -, der als "Gottesmodul" fungiert, wie einige Forscher mit einem Augenzwinkern sagen. Neuere Untersuchungen von Epilepsie-Patienten mit wiederkehrenden mystischen Erfahrungen deuten ebenfalls in diese Richtung. Wer jetzt allerdings flugs das Handy an die Schläfe legt, um seinen Geist elektromagnetisch mit den Harmonien des Kosmos zu verschmelzen, wird enttäuscht sein - die von Persinger und anderen eingesetzten Frequenzen liegen weitab von der des Telefons. Doch wie wäre es mit einem Kirchgang? Das Gotteshaus sollte allerdings groß sein und über eine Orgel mit gewaltigen Pfeifen verfügen. Denn es kommen noch ganz andere Schwingungen ins spiritistische Spiel.

Der Engländer Vic Tandy

, ein Computer-Ingenieur der Universität von Coventry, saß eines Abends allein im Labor und arbeitete am Schreibtisch, als ihn ein unheimliches Gefühl überkam. Irgendjemand schien ihn zu beobachten. Tandy lief es kalt über den Rücken. Und er war gewarnt worden: Es gehe nicht mit rechten Dingen zu in diesem Gebäude, hatten ihm Arbeiter erzählt. Tatsächlich sah er plötzlich aus dem Augenwinkel eine graue Nebelgestalt vorbeihuschen. Doch als er sich beunruhigt umschaute, war niemand da. Am nächsten Morgen begann der Spuk aufs Neue. Wieder die Gänsehaut, wieder die schemenhafte Erscheinung am Rand seines Gesichtsfeldes. Und wieder verschwand die sofort, als er den Kopf in ihre Richtung drehte. Dann bemerkte Tandy noch etwas Seltsames: Die Klingenspitze eines Floretts, das der passionierte Fechter mitgebracht hatte, um es aufzuarbeiten, schwang unablässig und scheinbar ohne Grund. Dem technisch versierten Mann kam ein Verdacht. Er nahm Messungen vor und fand schließlich, was er vermutet hatte: Ein Lüftungsventilator erzeugte eine stehende akustische Welle mit einer für Menschen nicht mehr hörbaren niedrigen Frequenz von etwa 19 Schwingungen pro Sekunde.

Solcher "Infraschall" war bereits von Experten der Nasa untersucht worden, und die hatten buchstäblich beunruhigende Eigenschaften entdeckt: Luftschwingungen der Art, wie sie Vic Tandy erlebt hatte, können danach beim Menschen im schlimmsten Fall das vom Auge übermittelte Bild verwischen, den Atemrhythmus dramatisch beschleunigen, Muskeln verkrampfen und panische Angst hervorrufen. Nicht nur Ventilatoren kommen als Quelle solcher Vibrationen in Frage. Luftströmungen können in größeren Räumen oder langen Korridoren ebenfalls Infraschall erzeugen - in zugigen Schlössern wie Hampton Court Palace zum Beispiel.

Dessen Geisterjäger Richard Wiseman hat inzwischen nicht nur ein weiteres Schloss mit dem Arsenal seiner Apparate gestürmt, vor ein paar Wochen hat er auch den Grusel per Tastendruck geweckt. Bei einem Konzert mit etwa 750 Zuhörern, das Wiseman zusammen mit einem Akustikspezialisten vom britischen National Physical Laboratory in London organisiert hatte, wurden vier zeitgenössische Kompositionen aufgeführt. Zwei davon unterlegten die Wissenschaftler mit nicht hörbarem Infraschall aus einer eigens dafür konstruierten Orgelpfeife von sieben Meter Länge. Bei einer anschließenden Befragung der nichts ahnenden Konzertbesucher beschrieben 22 Prozent Erfahrungen, die Vic Tandy bekannt vorgekommen wären: Einige fühlten sich nur irgendwie unwohl, andere spürten Trauer aufsteigen oder Kälteschauer auf dem Rücken. Von seltsamer Nervosität oder plötzlicher Angst berichteten wieder andere. Wiseman jedenfalls war zufrieden mit seinem Experiment.

Was aber ist mit den seltsamen Regungen und Ahnungen, die viele Menschen nicht in Kerkern oder Kathedralen, sondern etwa in der heimischen Küche überkamen? Nicht alle paranormalen Phänomene lassen sich jedenfalls allein mit der Macht von akustischen oder elektromagnetischen Wellen erklären - etwa die plötzliche Angst um einen geliebten Menschen.

Frank war ein guter Junge

und überraschte seine Mutter ab und zu mit einem Geschenk. Über eine hübsche Kristallschale freute sie sich besonders, und so bekam die einen Ehrenplatz auf der Anrichte. Einige Zeit später erkrankte Franks Schwester an Windpocken, und der Bruder wurde vorsichtshalber zu den Großeltern geschickt, die rund siebzig Kilometer entfernt lebten. Eines Morgens dann saß Franks Mutter mit einer Nachbarin beim Frühstücksplausch. Plötzlich zersprang die Kristallschale, die Frank ihr geschenkt hatte, in zwei Teile. "Mein Gott, Frank ist tot!", schrie die Mutter auf. Sie ließ sich nicht beruhigen und blieb weiter bei ihrer hellseherischen Behauptung. Zu Recht, wie sich bald herausstellte: Ein Nachbarsjunge der Großeltern hatte Frank die Waffe seines Vaters gezeigt - ohne zu wissen, dass sie geladen war. Genau in dem Augenblick, in dem die Kristallschale zersprungen war, so berichtete später seine Schwester, war Frank tödlich getroffen worden.

Diese Geschichte aus einer wissenschaftlichen Sammlung ist geeignet, auch eher nüchternen Menschen einen Schauer über den Rücken zu jagen. Das Symbol der Liebe zur Mutter zerbricht wie durch Geisterhand, als das Herz des Sohnes zu schlagen aufhört. War das womöglich eine verzweifelte letzte Botschaft? Wurde dem schwindenden Geist eines Sterbenden für einen Moment möglich, was doch nicht sein dürfte? Doch wie fast immer bei solchen Erlebnissen war keine Kamera dabei, die das Unerklärliche dokumentierte. Keine Uhr hat gemessen, wann genau die Schale zersprang und wann der Sohn starb. Die Erinnerung ist alles, was bleibt. Und es genügt schon, die oft völlig entgegengesetzten Zeugenaussagen nach einem Autounfall anzusehen, um unserem Gedächtnis nicht mehr fraglos zu trauen. Psychologen wissen, wie sehr unser Gehirn nach einer Erklärung sucht, wenn die wahrgenommenen Fakten keine tragende hergeben. Und je mehr wir emotional betroffen sind, desto drängender wird es für uns offenbar auch, die Puzzlestücke der Erinnerungen zu einem harmonischen Bild zusammenzufügen, das unseren tiefsten Wünschen entspricht.

Wer wollte nicht noch einmal mit einem schmerzlich vermissten Verstorbenen sprechen? Seit dem 19. Jahrhundert etwa versammeln sich zu diesem Zweck immer wieder Menschen in mehr oder minder verborgenen Zirkeln. Manchmal geht alles hoch professionell zu bei solchen "Seancen", und ein eigens dazu gebetenes Medium verspricht, den Kontakt ins Jenseits herzustellen. Ein anderes Mal treffen sich neugierige Jugendliche einfach mal so zum Gläserrücken. Aber immer müssen bestimmte Rituale eingehalten werden, will man das unsichtbare Tor zur "anderen Seite" aufstoßen. Wenn sich Fingerspitzen berühren, um einen magischen Kreis zu schließen, nur noch flackerndes Kerzenlicht die Szenerie erleuchtet und ein Summen der gespannt Wartenden den Raum erfüllt, dann wird jedes Knacken einer Diele und jeder flüchtige Schatten zur spiritistischen Offenbarung. Alles scheint möglich - aber eins ist sicher: Wenn Kameras und Tonbandgeräte mitlaufen, verweigern sich die Geister.

Kein einziges paranormales Phänomen lässt sich unter kontrollierten Bedingungen erzeugen oder gar verlässlich wiederholen. Aber wäre es denn überhaupt noch übernatürlich, wenn das gelänge? Was sich damals wirklich im Haus seiner Mutter abspielte, als Frank die Kugel traf, ist bis heute ungeklärt. Doch wer wollte Mutter und Schwester schon den Glauben nehmen, Franks Liebe habe sich ein letztes Mal gezeigt, selbst wenn das allen Fakten und Formeln widerspräche?

Natürlich gibt es auch merkwürdige Begebenheiten, bei denen die Fakten außer Frage stehen. So kommt einem plötzlich in den Sinn, bei Freunden anzurufen. Die Nummer ist gewählt, im Hörer tutet das Besetztzeichen. Ein zweiter Versuch kurz darauf ist erfolgreich, und man vernimmt: "Gerade hatte ich versucht, dich anzurufen!" Zufall? Dass zwei vertraute Menschen im selben Augenblick wortwörtlich dasselbe sagen, haben ebenfalls schon viele erlebt. Können Seelen "im Gleichtakt schwingen"? Gibt es tatsächlich einen Austausch von Gefühlen und Gedanken, der allein vom Geist getragen wird? Gibt es Telepathie? Sogar Militärs fanden diese Fragen spannend.

Als im Februar 1958 das amerikanische U-Boot "Nautilus" unter dem Packeis am Nordpol durchtauchte, hatte es einen geheimen Gast an Bord, der zweimal täglich, jeweils zur zuvor festgelegten Stunde, Kolonnen von Zeichen aufs Papier brachte: Wellen, Kreise, Quadrate, Kreuze und fünfzackige Sterne, die auch heute noch gebräuchlichen Symbole für telepathische Experimente. In 70 Prozent der Fälle, so hieß es später, sei es der Versuchsperson gelungen, genau das Symbol aufzuschreiben, das zur gleichen Zeit Tausende Kilometer entfernt nach dem Zufallsprinzip ausgewählt worden war. Die Trefferquote wurde nie unabhängig überprüft. Doch muss der Erfolg des Experiments die Auftraggeber beeindruckt haben, denn es folgten viele weitere. Ganz gleich, ob in den Augen der militärischen Organisatoren ein Telepathie-Experiment geglückt war oder das, was später "remote viewing" genannt wurde, das "Sehen" weit entfernter Ereignisse, in jedem Fall schien sich eine grandiose Chance zu bieten: die Kommunikation mit tief getauchten U-Booten, die keine Radiowellen mehr erreichen können. Es lag sogar nahe, gegnerische Militärbasen übersinnlich ausspionieren zu lassen.

So begann in den Zeiten des Kalten Krieges auch ein parapsychologisches Wettrüsten. Ende der 60er Jahre arbeiteten in der Sowjetunion über 20 streng geheime Zentren zur Erforschung des Übersinnlichen. Früher oder später, so heißt es in einem Dossier des US-Militärgeheimdienstes von 1978, würden die Sowjets durch pure Gedankenkraft in der Lage sein, die Inhalte geheimer Dokumente auszuspionieren, in den Köpfen von Militärs und Politikern zu lesen und "den Tod jeglicher US-Beamter auf Entfernung zu verursachen".

Die Geschichte hat gezeigt

, dass die übersinnlichen Fähigkeiten der Sowjets nicht einmal ausreichten, um den eigenen Untergang zu verhindern. Und als Mitte der 90er Jahre eine wissenschaftliche Bewertung aller parapsychologischen Anstrengungen der Amerikaner vorgenommen wurde, fiel das Urteil über die telepathischen Fernspähversuche vernichtend aus: "Remote Viewing ist als Methode zur Gewinnung von nachrichtendienstlichen Infomationen unbrauchbar." Zwar soll es spektakuläre Einzelerfolge wie die Entdeckung einer neuen sowjetischen U-Boot-Klasse durch einen Telepathen im Leutnantsrang gegeben haben, doch alles in allem, so das Gutachten, "waren die gelieferten Informationen widersprüchlich und ungenau und bedurften einer grundlegenden und subjektiven Interpretation". Das Aus für "Stargate", wie das Projekt inzwischen hochtrabend hieß, war beschlossen.

Der "Stargate"-Report und die heftige Kontroverse, die er 1996 in der Szene auslöste, sind klassische Beispiele für die Problematik alles Paranormalen: Kein übersinnliches Erlebnis, kein telepathisches oder telekinetisches Experiment, das nicht interpretiert werden müsste. Und selbst wenn dieselben Daten dem Urteil der Experten zugrunde liegen, fallen deren Schlussfolgerungen so gut wie immer gegensätzlich aus. Dabei muss nicht gleich angenommen werden, Befürworter oder Gegner des Übersinnlichen wollten ihre Analysen fälschen. Denn in der Regel sind die gemessenen Effekte so klein, dass ein Streit darüber, ob sie nun tatsächlich existieren oder doch eher nicht, so gut wie unvermeidbar ist. Manchmal allerdings siegt das Natürliche mit überraschender Macht über das Paranormale.

Besonders in Deutschland erfreut sich die Wünschelrute großer Beliebtheit. Zumeist soll die aus Holz oder Metall gefertigte Gabel in den Händen angeblich besonders Begabter helfen, durch ihre Ausschläge unterirdische Wasseradern zu entdecken oder "Erdstrahlen" aufspüren, die in dem Ruf stehen, Menschen an Leib und Seele schaden zu können. Bei einem groß angelegten Versuch unter der Leitung von Münchner Forschern wurde vor einigen Jahren aus rund 500 Kandidaten eine 43-köpfige Elite von Wünschelrutengängern versammelt. In aufwendigen Versuchsreihen sollten sie ihre Fähigkeiten beweisen. Die Trefferdiagramme dieser Tests wirken allerdings wie von den Schrotschüssen eines Blinden durchsiebt. Auf eine Strecke von zehn Metern waren die Besten im Schnitt gerade vier Millimeter dichter an den verlegten Wasserleitungen als Zufalls-Tipps irgendwelcher "Unbegabter".

Auch ein kritischer Blick auf die jeweiligen Versuchsbedingungen paranormaler Experimente ist dringend geboten. Zum Beispiel bei der Psycho- oder Telekinese, der versuchten Beeinflussung materieller Vorgänge allein durch die Kraft des Geistes. Ist es tatsächlich möglich, allein mit den Gedanken Tische und Gläser zu verrücken oder einen Haufen von Mikadostäbchen wie von Geisterhand zu ordnen?

Um das zu testen, wurden früher Würfel eingesetzt. Wirft man die nur oft genug, so sollten nach den Gesetzen des Zufalls schließlich alle sechs Zahlen gleich häufig oben gelegen haben. Um Manipulationen auszuschließen, wurde bei solchen Experimenten nicht per Hand gewürfelt, sondern zum Beispiel mit einem per Motor kippbaren Drahtgeflecht, in dem der Würfel lag. Tatsächlich zeigten die Resultate im Beisein angeblich telekinetisch begabter Personen eine signifikante Abweichung vom reinen Zufallsergebnis. Doch bei Kontrollversuchen ohne einen Menschen in der Nähe war das auch nicht anders. Schließlich entdeckte man eine wichtige Fehlerquelle - sie lag in der Würfelfabrik. Denn bei Würfeln wird die Augenzahl normalerweise durch Auskerbungen im Holz oder Kunststoff dargestellt. Dadurch aber sind die Seiten nicht mehr gleich schwer, deshalb fallen die höheren Zahlen mit mehr Auskerbungen bei exakt gleicher Wurftechnik durchweg öfter. Ganz ohne Telekinese. Wo aber, wie in den vor Jahren berichteten spektakulären Fällen russischer Telekineten, sogar Tennisbälle oder Mikadostäbe nur vom Geist getragen schweben, fand sich fast immer noch ein feiner Faden, der das angeblich Übernatürliche mit der gewohnten physikalischen Ordnung verband.

Aufgegeben haben Parapsychologen ihre Untersuchungen auf dem Feld der Telekinese natürlich trotzdem nicht. Und gerade in letzter Zeit konnten tatsächlich bemerkenswerte Resultate präsentiert werden. Mit den vergleichsweise primitiven Versuchsanordnungen der Vergangenheit hat das aber nichts mehr zu tun. Heute kommt High Tech zum Einsatz: so genannte Rauschdioden.

Über fünfzig dieser perfekten Zufallsgeneratoren haben Forscher des amerikanischen PEAR-Instituts (Princeton Engineering Anomalies Research) inzwischen gebaut und, gegen alle möglichen Einflüsse abgeschirmt, über die Erde verteilt. Ständig laufen seither die Daten der einzelnen Messstationen in Princeton ein und werden dort zusammengefasst. So entsteht im Computer ein Bild vom "Zufalls-Zustand" unseres Planeten. Was aber sollte sich daran schon ändern? Zufall ist Zufall, oder?

Gegen acht Uhr eines Morgens wirft ein Mitarbeiter von PEAR einen kurzen Blick auf den Monitor und stutzt: Die Kurve, die sonst nur geringe Ausschläge mal nach oben, mal nach unten zeigt, weicht vom normalen Verhalten deutlich ab. Der Zufall ist offenbar keiner mehr. Im Laufe des Tages steigert sich die Abweichung sogar noch. Und der Tag ist der 11. September 2001. Die ungewöhnlichen Ausschläge der Zufallsgeneratoren während der Stunden, in denen Terrorpiloten die Türme des New Yorker World Trade Center und Teile des Pentagons in Washington in Schutt und Asche legten und Tausende töteten, warten noch auf eine plausible Erklärung. Es waren die stärksten je in Princeton beobachteten, aber nicht die ersten Abweichungen von der Zufallsnorm. Auch an jenem Tag etwa, an dem Prinzessin Diana mit ihrem ägyptischen Freund Dodi in einem Pariser Straßentunnel starb, liefen ungewöhnliche Messwerte beim PEAR-Institut ein. Und jedes Jahr, wenn weltweit die Silvesterraketen in den Himmel steigen, zeigt die Zufallskurve einen un- gewöhnlichen Verlauf. Allerdings auch schon mal an Tagen, an denen Nachrichtenredakteure verzweifelt nach Berichtenswertem stöbern.

Der PEAR-Forscher

Roger Nelson hat inzwischen eine Theorie für seine Beobachtungen: Eine Art Menschheitsbewusstsein, so nimmt er an, wirke telekinetisch auf die über mehrere Kontinente verteilten Messstationen, wenn die Welt in Erregung gerät. Aber es gibt keinen wasserdichten Beweis, bevor nicht alle anderen Möglichkeiten durchdacht und als Ursache solcher Phänomene ausgeschlossen worden sind.

Nicht ein "Ungläubiger", sondern der Parapsychologe John Palmer von der Duke University formulierte das Hauptproblem alles vermeintlich Übersinnlichen und Paranormalen: "Auf die Gefahr hin, abgedroschen zu klingen: Unwissenheit bleibt Unwissenheit." Und mit einem bemerkenswerten Eingeständnis fährt er fort: "Wir können niemals sicher sein, dass wir an alle möglichen konventionellen Erklärungen gedacht, geschweige denn diese zu einem bestimmten Zeitpunkt unter Kontrolle gehabt haben." Genau das ist die Krux. Da niemals alle "diesseitigen" Möglichkeiten ausgeschlossen werden können, wird der Nachweis des in unsere Welt eindringenden Jenseitigen oder Übersinnlichen auch weiter auf sich warten lassen - Unwissenheit bleibt eben Unwissenheit.

Doch auch durch solche wohl unüberwindlichen Hindernisse auf dem Weg, die "andere Seite" zu beweisen, wird ja letztlich niemand gezwungen, sich seinen Glauben austreiben zu lassen. Wer auf das Paranormale zur Würze seines Lebens trotz aller neueren Forschungsergebnisse nicht verzichten will und über die Wunder der diesseitigen Natur nicht genug ins Staunen gerät, kann es immer noch halten wie der Vater der Psychoanalyse. Einige besonders rational gestimmte Zeitgenossen nahmen ihm seinen Glauben an die Gedankenübertragung übel und sahen darin einen Verrat der reinen Wissenschaft. Doch Sigmund Freud störte das wenig: "Wenn Ihnen jemand meinen Sündenfall vorhält", schrieb er an seinen englischen Kollegen Ernest Jones, "so antworten Sie ruhig, das Bekenntnis zur Telepathie sei meine Privatsache wie mein Judentum, meine Rauchleidenschaft und anderes."

Frank Ochmann / print