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Glaziologe Daniel Farinotti Den Gletschern geht es schlecht. Grund für Optimismus gibt es kaum

Heute ist am Fieschergletscher in den Berner Alpen nur noch wenig Eis zu sehen
Der Fieschergletscher in den Berner Alpen im Jahr 2021: Das Eis ist deutlich auf dem Rückzug 
© ETH Zürich
Auf einen trockenen Winter folgte ein heißer Sommer. Das hat den Gletschern zugesetzt. Daniel Farinotti, Professor für Glaziologie an der ETH Zürich, spricht im stern-Interview über die Eisschmelze und ihre Folgen. 

Herr Farinotti, welchen Gletscher haben Sie zuletzt besucht?
Den Rhonegletscher.

Und wie geht es ihm?
Gar nicht gut – wie allen anderen Gletschern in der Schweiz auch, ja, in den gesamten Alpen und weltweit.

Daniel Farinotti, Professor für Glaziologie an der ETH Zürich
Daniel Farinotti ist Professor für Glaziologie an der ETH Zürich. Seine Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung von Gletschern und die Folgen für die Wasserressourcen.
© Caroline Laville ETH

Worunter leiden die Gletscher am meisten?
Die Gründe haben mit dem veränderten Klima zu tun. Wenn im Winter weniger Schnee fällt, bildet sich weniger Eis. Gleichzeitig sorgen die hohen Temperaturen im Sommer dafür, dass mehr schmilzt. In diesem Jahr kommt beides zusammen. Wir hatten einen trockenen Winter und einen heißen Sommer.

In den vergangenen 85 Jahren haben die Schweizer Gletscher die Hälfte ihres Volumens verloren. Sie schmelzen schneller, als erwartet. Wie besorgniserregend ist diese Entwicklung?
Gletscher haben ein paar wichtige Funktionen. Sie dienen als Speicher für Wasser und sie liefern Wasser in der Regel genau dann, wenn wir es am dringendsten benötigen. Wenn es im Sommer trocken und heiß ist, schmilzt das Eis, was zu mehr Wasser im Tal führt. Wenn die Gletscher aber derart schrumpfen, verlieren sie nach und nach ihre Funktion als Wasserspeicher. Wir gehen davon aus, dass wir uns aktuell auf einem "peak Wasser" befinden. 

Das müssen Sie erklären. 
Das meint ein Maximum an Abfluss. Als es vor ein paar Jahrzehnten noch kälter war, schmolz weniger Eis und es kam weniger Wasser im Tal an. Jetzt schmilzt mehr und wir haben mehr Wasser. Aber das wird sich ändern: Wenn die Gletscher immer kleiner werden, wird auch weniger Wasser im Tal ankommen, weil weniger Eis schmelzen kann.  

Heute ist am Fieschergletscher in den Berner Alpen nur noch wenig Eis zu sehen
Der Fieschergletscher in den Berner Alpen im Jahr 2021: Das Eis ist deutlich auf dem Rückzug 
© ETH Zürich
Der Fieschergletscher vor rund 100 Jahren, als hier noch viel Eis war
Der Fieschergletscher vor rund 100 Jahren, als hier noch viel Eis zu sehen war
© ETH Zürich

Wie gravierend sind die Folgen?
Über das Jahr gesehen wird es keinen großen Unterschied machen, da sich die Niederschlagsmenge nicht groß verändern wird. Sie wird je nach Berechnung vielleicht um fünf oder zehn Prozent zurückgehen. Aber bestimmte Gegenden werden es zu spüren bekommen. Ich denke an das Rhonetal im Wallis, der trockensten Gegend der Schweiz. Hohe Berge umgeben das Tal und halten den Niederschlag davon fern. Deshalb sind die Menschen auf das Schmelzwasser angewiesen.

Die Alpen und ihre Gletscher ziehen Wanderer und Bergsteiger an. In Italien forderte ein Gletscherabbruch in diesem Sommer elf Tote. Müssen wir mit diesen Gefahren rechnen?
Ja, dem war schon immer so. Zum Teil müssen wir aber vorsichtiger sein, wenn wir in den Bergen unterwegs sind. Durch die steigenden Temperaturen schmilzt der Permafrost. Die Hänge können dadurch an Stabilität verlieren, Felsbrocken können abbrechen. Auch die Gletscher verändern sich: Das Eis wird immer dunkler und dunkler. Das kann man auch am Rhonegletscher beobachten: Die Zunge des Gletschers ist so gut wie Schwarz inzwischen. Das Eis ist schmutzig.

Helfen Maßnahmen wie Abdeckungen, um die Gletscherschmelze aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen?
Auf lokaler Skala sind diese Maßnahmen sehr effizient: Die Schmelze kann dadurch um bis zu 60 Prozent verringert werden. Allerdings bekämpfen solche Maßnahmen nur das Symptom, das heißt die Schmelze, und nicht die Ursache. Dazu kommt, dass die Maßnahmen nicht skalierbar sind: Einen gesamten Gletscher abzudecken, wäre weder machbar noch bezahlbar, noch sinnvoll.

Sie sagen, es gehe allen Gletschern schlecht. Gibt es welche, denen es noch etwas besser geht als anderen?
Je größer ein Gletscher, desto länger wird er durchhalten. In den Alpen ist das der Große Aletschgletscher. Und die Höhe spielt eine Rolle. Gletschern in hohen Lagen, so wie zum Beispiel am Mont-Blanc oder am Monte-Rosa-Massiv, werden sich länger halten können, da sie generell tieferen Temperaturen ausgesetzt sind. Wie es Ende des Jahrhunderts aussehen wird, hängt aber auch damit zusammen, wie wir Menschen uns verhalten – vor allem, wie viele Treibhausgase wir emittieren.

Welches Verhalten hilft den Gletschern?
Wenn wir die Vorgaben des Paris Abkommens einhalten, also die Erwärmung der Erde im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter unter zwei Grad halten, dann können wir bis zum Ende des Jahrhunderts etwa 40 Prozent der Gletschermasse von heute erhalten. Das wäre der beste Fall, der aber offensichtlich auch bedeutet, dass 60 Prozent der heutigen Gletscher verschwinden würden. In sehr pessimistischen Berechnungen werden bis zum Ende dieses Jahrhunderts so gut wie alle Gletscher in den Alpen verschwunden sein.

Wie optimistisch sind Sie persönlich?
Nicht sehr. Global betrachtet ist das viel größere Problem aber nicht das Schmelzen der Alpengletscher, sondern die Eisschmelze in den arktischen und antarktischen Gebieten. Wenn hier riesige Eisflächen schmelzen, hat das Auswirkungen auf den Meeresspiegel und das wiederum betrifft den Lebensraum von Millionen Menschen weltweit. Das ist durchaus ein Problem, das Sorgen macht.

In diesem Sommer kam es in den Alpen immer wieder zu tödlichen Unglücken. Wen es zum Wandern in die Berge zieht, der sollte manches beachten. Lesen Sie hier, welche Tipps Experten geben. 

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