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Interview

Nach Tod eines Wilderers: Afrika-Experte über Wilderei und das Risiko, von einem Elefanten totgetrampelt zu werden

Nach einem tödlichen Angriff auf einen Wilderer im südafrikanischen Kruger-Nationalpark stellen sich manche die Frage, wie gefährlich solche Parks sind. Dabei sind die Tiere dort in viel größerer Gefahr als die Menschen, so Johannes Kirchgatter vom WWF Deutschland. 

Ein afrikanischer Elefant greift an

Vergangene Woche kam es im Kruger-Nationalpark in Südafrika zu einem tödlichen Zwischenfall. Ein Wilderer, der sich auf der Jagd nach Tieren befand, wurde zuerst von einem Elefanten zu Tode getrampelt und später von Löwen gefressen. Der Nationalpark bedauerte den Tod, wies aber zugleich darauf hin, dass solche Alleingänge gefährlich seien und gegen weitere Wilderer, die mit dem Toten unterwegs waren, wegen illegaler Jagd ermittelt würde.

Manch einer könnte meinen, die Natur habe zurückgeschlagen. Doch der Vorfall beleuchtet auch die Frage, wie gefährlich es in solchen Nationalpark für Menschen generell wird. Dabei sind es die Tiere, die momentan etwas zu befürchten hätten. Die Jagd auf Wildtiere ist in Südafrika beispielsweise legal und auch die Zahl der Fälle von Wilderei in Afrika ist enorm gestiegen. Laut WWF sterben pro Jahr etwa 20.000 Elefanten wegen der Jagd auf Elfenbein. Auch bei Nashörnern sieht die Entwicklung düster aus. Johannes Kirchgatter, Afrika-Referent des WWF in Deutschland, erklärt, was hinter den Wildereien steckt und was dagegen getan werden müsste.

Ein Elefant in Afrika und Afrika Referent des WWF Johannes Kirchgatter

Ein Elefant in der Savanne und Afrika-Referent des WWF Johannes Kirchgatter

DPA

Herr Kirchgatter, wie konnte es dem getöteten Wilderer gelingen, auf das Gelände des Nationalparks zu kommen?

Solche Nationalparks sind ja zum Glück oft sehr groß, manchmal tausende von Quadratkilometern, da ist eine lückenlose Bewachung leider nicht möglich. Mit genug krimineller Energie und Risikobereitschaft kann man immer einen Weg finden, in diese Gebiete einzudringen. Hinzu kommt, dass gerade die Elefanten-Wilderer meist hochprofessionelle und gut ausgerüstete Kriminelle sind, die über gut vernetzte Hintermänner verfügen. Sie haben Jeeps, automatische Waffen und Nachtsichtgeräte, manchmal sogar Hubschrauber. Ein Eindringen ist daher für sie meist kein Problem, es ist eher eine Frage des Aufhaltens solcher Wilderer.

Kommen solche Vorfälle den häufiger vor?

Elefanten können wehrhaft sein, besonders bei schlechten Erfahrungen mit Menschen oder wenn sie ihre Jungtiere in Gefahr glauben. Es kommt aber sehr selten zu Angriffen auf Touristen. Man sollte dennoch vorsichtig sein, Abstand halten und sich richtig verhalten. Elefanten greifen - wenn überhaupt - meist nicht grundlos und ohne Vorwarnung an. Ohne Afrika-Erfahrungen oder ohne erfahrene Begleitung ist es aber generell riskanter. Aber selbst dann ist das Risiko viel größer, auf dem Weg zum Nationalpark zu verunglücken, zum Beispiel bei einem Autounfall.

Wenn man sich Wilderei generell mal anschaut, wie sieht die aktuelle Lage in Afrika aus?

Wir haben derzeit eine regelrechte Wildereikrise. In Ostafrika sind in vielen Gebieten über 60 Prozent des Bestandes der Elefanten verlorengegangen, in Zentralafrika sind es sogar noch mehr. Die Zahlen der Elefanten, die gewildert werden, gehen in die Zigtausende. Pro Jahr sind es circa 20.000, die getötet werden. Heute leben in Afrika noch maximal  400.000 Elefanten. Um 1900 waren es noch um die zehn Millionen. Besonders gravierend ist es im Kongobecken oder zum Beispiel im Süden von Tansania. Dort gingen die Zahlen durch massive Wilderei innerhalb von 10 Jahren von 150.000 Elefanten auf 15.000 runter. Das ist ein Rückgang von rund 90 Prozent. Nur unter großen Mühen konnte dort jetzt eine Trendwende geschafft werden.

Warum wird gewildert? Was sind die Ursachen der illegalen Jagd?

Hauptsächlich geht es den Wilderern um die Stoßzähne der Elefanten, die aus Elfenbein bestehen, und die Hörner der Nashörner. In Asien wird beides zu hohen Preisen gehandelt, zum Beispiel in Form von Figuren oder Schnitzereien aus Elfenbein, die als Statussymbol oder Investition gesehen werden. Das Horn der Nashörner gilt in Asien vielerorts als Heilmittel, als Aphrodisiakum, oder gar als Partydroge, obwohl keinerlei Wirkung besteht. Das Horn besteht aus Keratin, genau dem Material, aus dem unsere Fingernägel auch bestehen. Darüber hinaus werden viele andere Tierarten auch als sogenanntes 'Buschfleisch', also wegen ihres Fleisches gejagt. Die Nachfrage ganzer Großstädte wirkt wie ein riesiger Staubsauger - in manchen Wäldern im Kongobecken findet man kein einziges Tier mehr, man spricht vom 'Empty Forest-Syndrom'. Es werden aber auch andere Tiere wegen ihrer vermeintlich heilenden oder "magischen" Wirkung gewildert, zum Beispiel Schuppentiere, die in großer Zahl nach Asien geschmuggelt werden. Diese Tiere sind das am meisten geschmuggelte, gewilderte Tier der Welt. Insgesamt sind weltweit aber immer mehr Arten von Schmuggel betroffen, viele davon sind deshalb vom Aussterben bedroht.

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In welche Länder wird besonders geschmuggelt?

Nashorn-Horn und Elfenbein wird insbesondere nach China und Vietnam und ihre Nachbarländer geschmuggelt, Asien insgesamt hat hier weltweit den höchsten Anteil. Aber es wird auch in andere Kontinente geschmuggelt, so zum Beispiel wird auch das Fleisch oder andere Teile von gewilderten Tieren nach Europa oder in die USA geschmuggelt. Hier spielt auch der illegale Handel mit exotischen Haustieren eine große Rolle.

Was begünstigt den Schmuggel mit gewilderten Tieren?

Korruption ist eines der Hauptprobleme, genauso wie Armut, weil hohe Preise bei der Wilderei gezahlt werden und wenig Geld für einen funktionierenden Schutz der Wildtiere zur Verfügung steht. Außerdem fokussieren sich viele afrikanische Länder, die mit anderen Problemen zu kämpfen haben, nicht auf das Problem mit der Wilderei. In der Demokratischen Republik Kongo beispielsweise hatte man lange mit bewaffneten Konflikten zu kämpfen, es gibt dort noch immer viel Waffen und keinen funktionierenden Staat. Wilderei geht in vielen Ländern aber auch Hand in Hand mit korrupten Beamten. Wilderei und der Schmuggel spielen international in derselben Liga wie Drogenhandel oder Waffenhandel, oft sind die verschiedenen kriminellen Aktivitäten auch eng miteinander verbunden und destabilisieren so ganze Länder.

Welche Möglichkeiten und Taktiken gibt es, um Wilderei zu bekämpfen?

Genauso, wie der Schmuggel globalisiert ist, so müssen die Lösungsansätze global werden. Alle Staaten müssen an der Lösung des Problems mitarbeiten. Die Kette des Schmuggels muss an allen Gliedern gestoppt werden. Dazu gehören zum Beispiel die Häfen, in denen die geschmuggelte Ware einläuft, oder auch die Händler und Hintermänner. Ein großer Erfolg ist, dass China seine legalen Märkte für Elfenbein mittlerweile geschlossen hat. Denn wichtig ist, dass vor allem die Nachfrage verringert wird. Es muss aber auch Abschreckung erfolgen, korrupte Beamte und Händler müssen stärker bekämpft und die Netzwerke dahinter zerschlagen und gestoppt werden, denn sonst kommt man nicht weiter. Die Menschen vor Ort brauchen Einkommensalternativen und direkte Vorteile aus dem Naturschutz, zum Beispiel Einkommen aus dem Natur-Tourismus.

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