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Flüchtlinge in Kroatien Sie werden bestohlen, verprügelt und verschleppt – auch in unserem Namen

„Sie schlugen mich. 
Sie nahmen meine Schuhe. 
Sie sagten: ,Geh zurück 
nach Bosnien.‘“ Muhammad F., 24 Jahre alt, aus Pakistan
„Sie schlugen mich. 
Sie nahmen meine Schuhe. 
Sie sagten: ,Geh zurück 
nach Bosnien.‘“ Muhammad F., 24 Jahre alt, aus Pakistan
© Jesco Denzel
Die Unmenschlichkeit Europas zeigt sich nicht nur im Elend des Lagers Moria auf Lesbos. Auch in Kroatien hausen Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Zuständen und sind willkürlicher Gewalt ausgeliefert – um die EU-Außengrenze zu schützen.
Andrea Ritter

Sie nennen es „das Spiel“. Kafil* hat es schon 15 Mal versucht. Ziel des Spiels ist es, sich von der bosnischen Grenze aus über Kroatien in ein anderes EU-Land durchzuschlagen, ohne von der Polizei erwischt zu werden. Auf der Landkarte sieht das ganz einfach aus. Bis ­Italien oder Österreich sind es kaum mehr als 250 Kilometer. Wer die schafft, hat gewonnen. Das ist zumindest der Gedanke, an dem sich alle festhalten, sagt Kafil. Man kann das Spiel gewinnen, und dann ist der Albtraum vorüber. An ­etwas muss man glauben können.

Kafil ist 49 Jahre alt. Älter als die meisten, darum wird er „Onkel“ genannt. Während er spricht, hört man durch das Telefon den Wind rauschen. Es ist der 2. November 2020, kurz nach 17 Uhr. „Ich stehe gerade draußen“, sagt er. „Unser Camp liegt auf einem offenen Feld. Ringsum sehe ich schwarze Bäume. Da wohnen auch noch Migranten. Sonst ist hier nichts.“ Das Camp besteht aus vier großen, weißen Zelten, in denen jeweils 250 Menschen Platz finden. Pro Zelt blasen zwei Generatoren heiße Luft zwischen die Planen. „Wenn der Winter kommt, muss das Lager geschlossen werden“, sagt Kafil. Und dann? Er antwortet nicht. „Alles hängt vom Glück ab“, sagt er nach einer kurzen Pause. „Viele kamen später als ich und haben es bis Europa geschafft.“

Nur die Hälfte der Geflüchteten wird grundversorgt

Das Camp, in dem Kafil zurzeit lebt, heißt „Lipa“, wie die benachbarte Ortschaft in der Nähe der Stadt Biha, im Nord­westen Bosnien-Herzegowinas. Es ist ein Not­behelf, der aufgestellt wurde, nachdem im Sommer das Lager in der Stadt aufgelöst wurde. Helfer vor Ort schätzen, dass in der Region etwa 7000 bis 8000 Geflüchtete festhängen, die in der EU Asyl beantragen wollen. Genau kennt man die Zahl nicht, weil nicht alle registriert sind. Nur knapp die Hälfte von ihnen wird in Aufnahme­lagern grundversorgt. „Bitte schreiben Sie, dass ich dankbar für dieses Camp bin“, sagt Kafil. „Hier ist es nicht gut, aber draußen ist es noch viel schlimmer.“

Draußen. Das sind verfallene leere ­Häuser. Ruinen ohne Wasser und Strom. Überreste von Viehunterständen im Wald. Igluzelte. Parkbänke mit Plastikplanen. Im Grenzland zwischen Bosnien und Kroatien wird die sogenannte Balkanroute zur Sackgasse. Wer hier landet, muss zusehen, wie er klarkommt.

Sayed L. (l.) kommt 
aus Afghanistan. 
Mit anderen Geflüchteten ist er in einer Metall-
fabrik in Bihać, Bosnien, untergekommen. 
Wenn er seine Mutter 
anruft, sagt er, 
alles sei in Ordnung
Sayed L. (l.) kommt 
aus Afghanistan. 
Mit anderen Geflüchteten ist er in einer Metall-
fabrik in Bihać, Bosnien, untergekommen. 
Wenn er seine Mutter 
anruft, sagt er, 
alles sei in Ordnung
© Jesco Denzel

Die Bilder zu dieser Reportage entstanden Anfang des Jahres. Im Februar ist der Fotograf Jesco Denzel in den Kanton Una-Sana gefahren, in die bosnische Grenzregion um die Städte Biha und ­Velika Kladuša. Einige der Protagonisten, die er dort porträtiert hat, sind immer noch vor Ort. Sie erzählen, wie sich die Situation seitdem entwickelt hat. Und sie berichten, wie die „Pushbacks“ ablaufen – der Rauswurf aus der EU.

Am schlimmsten ist die Dunkelheit

Das Spiel beginnt zu Fuß. Teilweise führt die Strecke durch die Ausläufer des Plješevica-Gebirges. Bewaldete Hügel, karstiges Gestein, unbewohnte Wildnis wie in den alten Winnetou-Filmen. Da muss man durch.

Kafil hat es einmal bis Ljubljana geschafft. Slowenien, immerhin. Wegen einer Verletzung am Bein musste er ins Krankenhaus. Sie sagten ihm, er solle sich keine Sorgen machen. Er sei ja ein richtiger Flüchtling. Man werde sich um seine Dokumente kümmern. Dann musste er in einen Kleinbus steigen. Sie brachten ihn nicht in ein Aufnahmelager; sie brachten ihn nach Süden: von Slowenien nach Kroatien, von Kroatien zurück bis kurz vor die bosnische Grenze. Von dort aus musste er laufen. Nachts, durch Wälder und über die Berge. Game over. Am schlimmsten ist die Dunkelheit.

Beim letzten Mal hat er sich einer Gruppe Bangladescher angeschlossen, die auf derselben Route unterwegs waren wie er. Es ist besser, nicht allein zu gehen. In Kroatien wurden sie aufgegriffen und zu einer Polizeistation auf Höhe des Lagers Miral bei Velika Kladuša gebracht. Es war mitten in der Nacht, die Polizisten trugen schwarze Sachen und schwarze Kapuzenmützen, sagt Kafil. „Wir sollten unsere Schuhe ausziehen, damit wir nicht weglaufen.

Dann sagte einer der Polizisten: ,Onkel, du gehst zuerst.‘ Ich ging. Ich konnte nicht laufen. Mein Bein ist verletzt, und ich hatte keine Schuhe. Ein Grenzpolizist schlug mich mit seinem Stock. Ein anderer hielt mich fest und drückte mich zu ­Boden wie ein Wrestler. Dann hat er mich getreten und geschrien: ,Geh weg, lauf weg!‘ Wir rannten.“ Sie übernachteten in einem Feld, es gab ein paar Maiskolben. Mit den grünen Blättern umwickelte Kafil seine Füße. Irgendwann erreichten sie das Camp bei Kladuša. Seine Verletzungen wurden dort dokumentiert, sagt Kafil. Dann machte er sich auf den Weg zurück Richtung Biha. Über 60 Kilometer, wieder zu Fuß. Seit einiger Zeit ist es Flüchtlingen verboten, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Die offizielle Begründung dafür ist Corona.

Systematische Rechtsbrüche

Die Europäische Union versteht sich als Hort der Menschenrechte. Dass Flüchtlinge im EU-Mitgliedsstaat Kroatien ­aufgegriffen und gewaltsam über die Au­ßengrenze gejagt werden, ist ein Rechtsbruch. Trotzdem passiert es Tag für Tag. Helfer vor Ort haben in den vergangenen vier Jahren Tausende Aussagen von ­Menschen gesammelt, die Ähnliches erlebt haben wie Kafil. Oder Schlimmeres. Das Netzwerk „Border Violence Monitoring“ dokumentiert allein in seinem September-Report 20 Massen-Rückführungen aus Kroatien, die insgesamt 447 Menschen ­betreffen. Augenzeugen berichten, dass mindestens ein Mann ertrunken sei, als die Grenzer sie fernab jeder Ortschaft in den Fluss scheuchten.

Die kroatische Regierung hat eine andere Sicht auf die Dinge: Man praktiziere ­keine illegalen Abschiebungen, sondern hindere Personen daran, jenseits der Grenzübergänge illegal in die EU einzu­reisen – so, wie es der Grenzkodex vorsehe. Mit ­diesem Argument werden nicht nur auf der Balkanroute „Pushbacks“ gerechtfertigt. Es gibt sie auch in Griechenland, in Ungarn oder Serbien. Im Zuge von Corona sind sogar Berichte über Ketten- Rückführungen aus Italien oder Österreich durch mehrere Staaten öffentlich geworden. Der Schutz der EU-Außengrenze wird von europäischen Geldern finanziert – und so mehr oder minder stillschweigend unterstützt.

Bakht, 17, kommt aus Afghanistan. Er wurde an der EU-Grenze zusammengeschlagen
Bakht, 17, kommt aus Afghanistan. Er wurde an der EU-Grenze zusammengeschlagen
© Jesco Denzel

Das Problem sei, dass die EU zweideutige Signale sende, sagt Imogen Sudbery vom „International Rescue Committee“ (IRC). „Es ist ein Grundrecht, innerhalb der EU Schutz oder Asyl zu suchen. Die Pushbacks sind illegal. Sie verstoßen sowohl gegen europäisches als auch gegen internationales Recht. Die EU-Kommission hat eine eindeutige Rolle als Hüterin dieser Rechte inne und muss sie entsprechend aufrechterhalten. Wir erleben aber, dass einzelne Mitgliedstaaten und Grenzbehörden für ihre Funktion als ,Schutzschilde‘ gelobt werden. So wird suggeriert, dass Flücht­linge eine Bedrohung sind, die abgewehrt werden muss.“

Man könnte auch sagen: Europa will die Abschreckung. Es ist nicht so, dass es keine anderen Lösungen gäbe: Menschenrechtsanwälte an den Grenzen, unabhängige Dokumentation, geregelte Verfahren, Konsequenzen für jene Staaten, die die Grundrechte nicht einhalten – all diese Vorschläge existieren.

Keine andere Wahl als die Flucht

Als Kafil im Juli 2019 Pakistan verließ, ahnte er noch nicht, dass sein Vorhaben als „illegal“ gewertet würde. Im Internet hatte er Reden des kanadischen Premiers Justin Trudeau gehört. Es ging um Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit. Um alles, was in seinem Leben fehlte. In seiner ­Heimat gilt er als „Aufrührer“: Kafil hat für die Unabhängigkeit Kaschmirs gekämpft.

„Kennen Sie die Situation in Kaschmir?“, fragt er aus dem Lager im bosnischen Wald. „Wir sind eingeklemmt zwischen ­Indien und Pakistan.“ Weil er gebildet ist und politische Reden hielt, fiel er als Anstifter auf und wurde verhaftet. Die Armee folterte seinen Bruder; er starb in Delhi im Krankenhaus. „Meine Frau“, sagt er. „Sie haben sie… ich kann nicht aussprechen, was sie mit ihr gemacht haben.“ Eine ­seiner Töchter, drei Monate alt, wurde von Soldaten getötet. Durch das Telefon hört man den Wind und einen Mann, der nicht weinen will.

Zu Fuß nach Kroatien, 
dann weiter: eine 
Gruppe Afghanen vor 
ihrem Versuch, die 
Grenze zu überqueren
Zu Fuß nach Kroatien, 
dann weiter: eine 
Gruppe Afghanen vor 
ihrem Versuch, die 
Grenze zu überqueren
© Jesco Denzel

Seine Familie war in Kaschmir nicht mehr sicher. Ehe er ging, hat er sie in einer Mietwohnung in Pakistan untergebracht. Ein „Vermittler“ besorgte ihm ein Ticket und ein Visum für Albanien. Von dort aus sollte es nach Italien gehen. Doch in Albanien wollten die Schlepper plötzlich 5000 Euro. Er hatte nur 1200. Durch Montenegro kam er nach Sarajewo, in die Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas, und von dort aus weiter an die Grenze.

Sooft es geht, telefoniert er über Whatsapp mit seiner Frau. „Sie ermutigt mich. Sie hilft mir, wenn ich mich schäme, weil ich ihr nicht helfen kann.“ Kafil ist „Transport Super­visor“. Er spricht sechs Sprachen. Er würde seiner Frau gern Geld schicken. Er ist erschöpft vom Elend. Und von der Gewalt. Viele Flüchtlinge berichten von Raubüberfällen durch andere Migranten, die das „Spiel“ aufgegeben haben und im Hinterland jenen auflauern, die sich auf den Weg machen. „Schlechte Menschen ohne Bildung“, sagt Kafil. Er nennt sie „Mafia“.

Keine Chance, Asyl zu beantragen

Ob Kafil und all die anderen asylberechtigt sind, wissen wir nicht. Es spielt auch ­keine Rolle. Ihnen steht zu, dass genau das geprüft wird und sie für die Dauer des Verfahrens menschenwürdig untergebracht werden. Aber Rechte werden nur gewährt, wenn man sie einfordern kann. Das ist ein weiteres Problem der bosnischen Sackgasse.

Hanaa Hakiki ist Juristin beim „European Center for Constitutional and ­Human Rights“ (ECCHR), einer gemeinnützigen Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Berlin. „Als Mitglied der EU ist Kroatien dazu verpflichtet, Flüchtlinge einen Asylantrag stellen zu lassen. Aber das geschieht so gut wie nie“, sagt sie. Oft würden ­Handys zerstört und damit der Beweis vernichtet, dass die Menschen überhaupt im Land waren. „Die kroatischen Behörden sagen, niemand wolle Asyl beantragen. Was sie nicht sagen: Die Menschen können es gar nicht. Wer sich beschwert, riskiert, noch brutaler behandelt zu werden.“

Die Organisation "SOS Bihac" kümmert sich vor Ort um die Flüchtlinge und braucht dringend Unterstützung. Wir leiten Ihre Hilfe weiter. Bitte spenden Sie an: IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 Stichwort "SOS Bihac"; www.stiftungstern.de

Im Mai 2019 ist es einer Journalistin des Schweizer Fernsehens gelungen, kroatische Polizisten bei der Durchführung eines „Pushbacks“ zu filmen. Seither gibt es nicht nur Zeugenaussagen von Geflüchteten – es gibt auch einen Videobeweis. Mehrfach sind die Vorwürfe in Brüssel vorgetragen worden. Die Europäische Kommission reagiert darauf, indem sie Kroatien auffordert, den Sachverhalt zu ermitteln. Kroatien ermittelt und stellt kein rechtswidriges Vorgehen seiner Grenzschützer fest.

Das Land ist Beitrittskandidat für den Schengen-Raum – und in den wird es nur aufgenommen, wenn es seine Außengrenzen „wirksam“ schützt. Bei einem Besuch im Januar schenkte Bundesinnenminister Horst Seehofer seinem kroatischen Amtskollegen zehn Wärmebildkameras. Überschrift der Pressemitteilung: „Deutschland unterstützt Kroatien beim Grenzschutz“.

Flüchtlinge berichten, 
dass kroatische Polizisten 
ihre Handys stehlen 
oder zerstören
Flüchtlinge berichten, 
dass kroatische Polizisten 
ihre Handys stehlen 
oder zerstören
© Jesco Denzel

Dabei es geht schon lange nicht mehr nur um die Grenze. Durch die Ausweisung nach Bosnien sieht Europa untätig zu, wie sich die Lage dort immer mehr zuspitzt, so Juristin Hakiki. „In den vergangenen zwei Jahren war die Situation katastrophal. Jetzt ist es ein Spiel mit dem Feuer.“

Aus Emphatie wurde Hass

Zehida Bihorac ist Bosnierin. Sie arbeitet als Lehrerin in der kleinen Grenzstadt Velika Kladuša. Seit März 2015 kümmert sie sich um die Gestrandeten, die ohne Essen und warme Kleidung auf den Straßen leben. „Ich kann nichts darüber sagen, ob die Menschen rechtmäßig hier sind oder nicht. Darum geht es nicht. Die Menschen sind nun mal da. Hier ­sitzen Minderjährige im Dreck und in der Kälte.“

Anfangs war die Empathie unter den Bosniern noch groß, sagt sie. Viele ­waren während des Kriegs selbst Flüchtlinge. Doch je länger die Migranten in der Gegend sind, desto größer wird das Elend – und die Stimmung ist bei vielen in Hass umgeschlagen. Die Regierung sagt, die Internationale Organisation für Migration (IOM) soll sich um die Versorgung kümmern. „Aber sie sind nur für die Camps verantwortlich. Nicht für all die Menschen, die im Wald leben. Es sind ­Tausende. Sie haben Hunger. Sie hausen in selbst gebauten Hütten und Lager­hallen, in denen immer wieder Feuer ­ausbricht.“

Zehida (o.) leistet im bosnischen Grenzgebiet Hilfe – und wird deswegen von Rechtsradikalen bedroht
Zehida (o.) leistet im bosnischen Grenzgebiet Hilfe – und wird deswegen von Rechtsradikalen bedroht
© Jesco Denzel

Müde und niedergeschlagen klingt sie. Tag für Tag fährt die 53-Jährige mit dem Auto ins Umland, verteilt Essenspakete, Decken, Medizin. Vor Kurzem wurde sie überfallen. Zwei Männer und eine Frau. Sie stoppten ihren Wagen. Der Mann hatte einen Holzknüppel in der Hand. Sie schrien sie an: „Das war die letzte Nacht, in der du denen geholfen hast, du Verräterin!“ Sie veröffentlichten ihr Foto und ihren Namen im Internet. Zehida Bihorac sagt, dass so etwas immer häufiger vorkommt. „Das sind Rechtsradikale. Sie rufen zu Hetz­jagden und Schikane auf, weil wir den Flüchtlingen helfen.“ Auch Morddrohungen hat es schon gegeben.

Sie hat Anzeige erstattet, aber sie verspricht sich davon nicht viel. „Das Gesetz der Straße wird immer mächtiger. Viele Politiker profitieren von der Stimmung gegen Migranten. Sie haben kaum noch andere Themen in den Wahlprogrammen.“

Hilfsgelder verschwinden

Dirk Planert kennt die Gegend noch aus dem Jugoslawienkrieg. Anfang der 90er Jahre war er als humanitärer Helfer in Biha, während die Stadt von serbischen Truppen eingekesselt und beschossen wurde. Vergangenes Jahr wurde er für diesen Einsatz mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt ausgezeichnet. Er fuhr nach Biha und erlebte, wie dort Flüchtlinge zusammengetrieben und auf das Gelände einer ehemaligen Müllkippe außerhalb der Stadt verfrachtet wurden.

„Sie zogen einen Mann aus dem Polizeibus, der hatte eine Blinddarmentzündung, die kurz vor dem Durchbruch stand“, sagt er. „Es gab weit und breit keine medizi­nische Versorgung. Über 80 Prozent der Menschen hatten schwerste Schmutz­infektionen am ganzen Körper.“ Dirk ­Planert blieb. Nachts übte er das Nähen an Hühnerschenkeln in seinem Apartment, tagsüber versorgte er Wunden in seiner Feld-Ambulanz auf der Müllkippe. Gemeinsam mit dem Bosnier Zlatan Kovaevi gründete er die Hilfsorgani­sation „SOS Bihac“, die heute mit einem Team von 20 Leuten vor Ort ist. Durch ­dieses Reglement und langjährige Ver­bindungen kommen sie mit den lokalen Behörden einigermaßen gut klar.

Geflüchtete aus Marokko und Algerien bereiten Tee vor
Geflüchtete aus Marokko und Algerien bereiten Tee vor
© Jesco Denzel

„Die Linie der örtlichen Politik ist, das Leben für die Flüchtlinge so schrecklich wie möglich zu machen, damit sie verschwinden“, sagt Dirk Planert. „Aber das passiert natürlich nicht. Der Flüchtlingsstrom staut sich in Biha. Die Hälfte der ­Bewohner hier ist arbeitslos, die Älteren bekommen kaum Rente. Und dazu Tausende Flüchtlinge, zum Teil brutal zusammengeschlagen und ausgehungert. Die Ein­heimischen erleben dasselbe wie während des Krieges: Europa schaut weg.“

Statt die Grenzregion zu unterstützen, schickt die EU Geld an die Regierung in ­Sarajewo. Aber niemand fragt, wo das Geld bleibt. Dass es in dem von Korruption ­geprägten Staat verschwindet, sollte eigentlich niemanden verwundern.

Ihre Jacken wurden verbrannt

„Manchmal kommt es mir so vor, als hätten alle vergessen, dass Flüchtlinge einfach nur Menschen sind“, sagt Zlatan Kovaevi. Während des Krieges musste ihm ein Bein amputiert werden – weil er Flüchtlingen hilft, wird er nun bedroht: „Wir amputieren das andere auch noch.“ Vor drei Tagen haben Männer in einem Auto mit deutschem Kennzeichen seine Töchter verfolgt, sagt er. „Das sind unsere Leute, die in­zwischen im Ausland leben. Sie kommen hierher, trinken Alkohol und dann ver­prügeln sie Flüchtlinge.“ Auch deswegen ist die Stimmung gegenüber den Migranten gekippt: „Die Menschen haben Angst vor dem Chaos.“

Zurzeit kümmert er sich vor allem um jene, die aus Kroatien zurückgeschickt werden. Mit einem geländegängigen Allradfahrzeug fährt er die Berge ab. Noch liegt kein Schnee, aber nachts wird es schon sehr kalt. Immer häufiger findet er Menschen, die von Hunden gebissen wurden. Manchen wurden die Zähne ausgeschlagen, ihre Schlafsäcke oder Winterjacken verbrannt. In einem Kuhstall haben sie einen Unterschlupf eingerichtet, mit Ofen und Styroporplatten, um sich wenigstens etwas zu schützen. Zum Teil irren die Flüchtlinge wochenlang durch die Wälder, Frauen mit Babys, Jugendliche. Auch einen leeren Kinderwagen mit Blutspuren hat er schon gefunden.

„Einmal waren wir 
14 Tage im Wald. Es war 
kalt. Ich hatte Angst.“ 
Maha, 10, kommt aus 
dem Iran. Mit ihren 
Eltern lebt sie im Camp 
Sedra.
„Einmal waren wir 
14 Tage im Wald. Es war 
kalt. Ich hatte Angst.“ 
Maha, 10, kommt aus 
dem Iran. Mit ihren 
Eltern lebt sie im Camp 
Sedra.
© Jesco Denzel

„Jede Hilfe, die wir hier leisten, zeigt den Fehler im System“, sagt Zlatan Kovaevi. „Denn was hier passiert, ist ja seit Jahren bekannt.“ Vor einigen Wochen hat er einen Jungen gefunden, der auf der Landstraße zusammengebrochen war. Keine 20 Jahre alt. „Er hat gesagt, dass er nur noch sterben möchte.“ Manche haben schon 30 Mal versucht, über die Grenze zu kommen. ­Andere 35 Mal. Und jetzt, ehe der Winter einbricht, werden sie es weiter versuchen. Ihnen bleibt nichts anders ­übrig. Das Spiel zu gewinnen ist ihre ­einzige Chance.

*Zum Schutz unseres Protagonisten verzichten wir auf die Nennung seines Nachnamens.

Erschienen in Stern Zusatzausgabe 2020/03

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